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Beauvoir-Kolloquium: Bibel des Feminismus unter der Lupe

28.10.1999 - (idw) Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Wie ist die "Bibel des Feminismus" 50 Jahre nach ihrem Erscheinen zu bewerten? Bis heute gilt Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht" (Le Deuxième Sexe) als Standardwerk des egalitären Feminismus, der davon ausgeht, dass der biologische Unterschied zwischen den Geschlechtern keine spezifische Natur zur Folge hat und daher keine festgelegten sozialen Rollen diktieren kann: Was wir unter "Mann" und "Frau" verstehen, sind demnach gesellschaftliche Konstrukte. Vom 10. bis 13. November 1999 wird "Das andere Geschlecht" in einem internationalen Kolloquium an der KUE von mehr als 30 hochrangigen Wissenschaftlern neu diskutiert. Hierzu konnte die Organisatorin, Prof. Ingrid Galster, Forscher aus der Philosophie, der Anthropologie, der Geschichte, der Soziologie, der Psychoanalyse, der Pädagogik und der Literaturwissenschaft gewinnen. Unter den Teilnehmern des Kolloquiums "Pour une édition critique du 'Deuxième Sexe'" sind unter anderem aus Frankreich die Philosophin Dr. Elisabeth Badinter, aus den USA die Direktorin des Romanischen Seminars der Universität Harvard, Prof. Susan Suleiman, sowie aus Deutschland die Publizistin Alice Schwarzer und die Politikerin und Pädagogikprofessorin Rita Süssmuth.

Das 1949 erstveröffentlichte und inzwischen in mehr als hundert Sprachen übersetzte Werk Beauvoirs gilt als die einfußreichste Schrift des Feminismus. Auf mehr als 900 Seiten schreibt Beauvoir die Geschichte der Frau und analysiert ihr Bild in Mythologie und Literatur. Sie zeigt, wie der Säugling weiblichen Geschlechts, der nach ihrem berühmten Diktum "nicht als Frau geboren" wurde, durch die Sozialisation zu dem wird, was die Gesellschaft als Frau ausgibt. Beauvoir schöpft für ihr enzyklopädisches Werk Pluralität von Disziplinen aus dem Wissen ihrer Zeit, das sie in ihren existentialistischen Denkansatz integriert. In dem Eichstätter Kolloquium werden Angehörige dieser Disziplinen den Text kapitelweise analysieren und in seinem zeitlichen Kontext verorten. Dabei sollen auch ungenannte Quellen ermittelt werden, auf die Beauvoir sich stützt. So wird das Kapitel über die Frau in der Antike beispielsweise von einer französischen und einer deutschen Althistorikerin behandelt, die aber auch mit dem Denken Beauvoirs und seinen philosophischen Prämissen vertraut sind. "Es geht darum, herauszufinden, inwieweit Beauvoir in ihrem Denken an ihre Epoche gebunden war und welche Perspektiven das Buch dennoch hat", erläutert die Literaturwissenschaftlerin Ingrid Galster, die sich seit zwanzig Jahren intensiv mit den Werken Beauvoirs und Sartres beschäftigt und die langfristig für einen Pariser Verlag eine Beauvoir-Biographie erarbeitet. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kolloquiums wurden gebeten, den gedruckten Text mit dem Originalmanuskript Beauvoirs zu vergleichen. Zusätzlich wurden eine Spezialistin für moderne Manuskripte des französischen CNRS und eine Konservatorin der Pariser Nationalbibliothek hinzugezogen. Das Kolloquium versteht sich als Appell an die zuständigen Verlage, eine kritische Ausgabe des Werks auf den Weg zu bringen, die bis heute in keiner Sprache existiert.

Das Kolloquium wird vor allem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert; die Schirmherrschaft hat der französische Botschafter in Berlin übernommen. Dass Galster mit Thema und Konzept der in französischer Sprache ablaufenden Veranstaltung auf großes Interesse stößt, zeigte sich schon vor einigen Monaten: neben zahlreichen Interessentinnen von deutschen Universitäten haben bis jetzt Wissenschaftlerinnen aus Japan, Großbritannien und Frankreich ihr Kommen angekündigt.

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