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TA-Akademie: Strompreise werden deutlich klettern

23.08.2002 - (idw) Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg

Der Strompreis in Deutschland wird bis zum Jahr 2010 um mindestens zehn Prozent steigen. Gleichzeitig soll sich der Ausstoß des klimaschädlichen Gases Kohlendioxid bis 2010 im Strombereich um mindestens zehn Prozent gegenüber den Werten von 2000 vermindern. Zu diesen Feststellungen kommt eine aktuelle Studie der Akademie für Technikfolgenabschät-zung in Baden-Württemberg (TA-Akademie)*, an der zehn namhafte Wissenschaftler aus dem Energiebereich mitgewirkt haben. In dieser werden die Auswirkungen der Liberalisierung des deutschen Strommarktes bis zum Jahr 2010 untersucht.

Einig waren sich die Experten in der Annahme, dass in den kommenden Jahren auf jeden Fall weitere Anstrengungen im Klimaschutz unternommen werden. ,,Um die energiepolitischen Ziele hinsichtlich Klimaschutz und Umweltverträglichkeit durchzusetzen, sind im liberalisierten Markt weiterhin staatliche Regulierungen erforderlich'', so Georg Förster wissenschaftlicher Mitarbeiter der TA-Akademie und Autor der Studie. ,,Die Preise werden sich dadurch in jedem Fall weiter erhöhen, unabhängig davon, ob der Klimaschutz im nationalen Alleingang oder durch Maßnahmen auf europäischer Ebene realisiert wird''. Der Strommarkt ist derzeit bundesweit für rund ein Drittel des klimaschädlichen Treibhausgases Kohlendioxid verantwortlich, die anderen zwei Drittel stammen vor allem aus der Wärmeerzeugung und dem Verkehrsbereich.
Die Studie der TA-Akademie wurde mit Hilfe der Cross-Impact-Analyse, einem von der TA-Akademie fortentwickelten innovativen Szenarioverfahren aus der Strategieplanung durchgeführt, in dessen Rahmen die beteiligten Wissenschaftler insgesamt vier Zukunftsszena-rien entworfen haben, wie sich der Strommarkt bis zum Jahr 2010 auf der Basis der derzeitigen Energiepolitik zum Klimaschutz und zur Ressourcenschonung entwickeln wird. Die einzelnen Modelle unterscheiden sich jedoch hinsichtlich der staatlichen Eingriffstiefe, der Stromversorgung (Preise, Emissionen, Kraftwerkspark) und dem Verbraucherverhalten.

Szenario 1, ,,Europäische Harmonisierung und geringes ökologisches Marktagieren auf der Verbraucherseite'', geht davon aus, dass sich bis zum Jahr 2010 eine EU-weite Gesetzgebung zur Förderung der Energieerzeugung aus regenerativen Energiequellen sowie der Kraft-Wärme-Kopplung etabliert hat. Darüber hinaus wird EU-weit ein Instrument zur CO2-Reduktion eingerichtet (Emissions-Zertifikatshandel oder CO2-Steuer). Auf Grund der geringen staatlichen Eingriffstiefe ist hier mit den geringsten volkswirtschaftlichen Mehrkosten zu rechnen, so dass die Strompreise schwächer ansteigen, allerdings mindestens um zehn Prozent. Entsprechend fällt die Minderung der CO2-Emissionen am geringsten von allen Szenarien aus, reduziert sich jedoch ebenfalls um mindestens zehn Prozent.

Im Szenario 2 ,,Europäische Harmonisierung und ökologisch orientiertes Marktagieren durch verstärktes privates Umwelthandeln'' werden ähnliche Voraussetzungen wie im Szenario eins angenommen. Zusätzlich wird jedoch diese Modellrechnung mit der Annahme verknüpft, dass die Verbraucher zunehmend Strom einsparen und energieeffiziente Geräte kaufen. Deshalb steigt der Stromimportsaldo geringer an als in Szenario eins, der CO2-Ausstoß reduziert sich bis 2010 um mehr als zehn Prozent gegenüber dem Jahr 2000. Der Gasanteil steigt von derzeit rund acht Prozent auf über 15 Prozent, der Strompreis steigt real gegenüber dem Jahr 2000 um mehr als zehn Prozent.

Szenario 3, ,,Nationale Instrumente und zusätzliche staatliche Maßnahmen im Bereich der Stromeffizienz'', geht davon aus, dass keine EU-weite Harmonisierung des Strommarktes stattfindet, sondern die Politik auf nationaler Ebene besondere energie- und umweltpolitische Maßnahmen ergreift. Darüber hinaus werden weitere politische Maßnahmen zur Steigerung der Stromeffizienz umgesetzt, die private Ökostromnachfrage bleibt weiterhin gering. Diese staatlichen Eingriffe bewirken volkswirtschaftliche Mehrkosten für die Stromversorgung, die deutlich über denen in Szenario eins und zwei liegen. Die Verbraucher müssten danach im Jahr 2010 deutlich mehr als 10% für ihren Strom bezahlen, gleichzeitig hätte dies zur Folge, dass das Einsparverhalten in Haushalten und die Effizienzsteigerung in der Industrie intensiviert würden. Der Kohlendioxidausstoß würde deutlich über zehn Prozent sinken.

Im Szenario 4 ,,Nationale Instrumente und starkes ökologisch orientiertes Marktagieren auf der Verbraucherseite'' findet ebenfalls keine EU-weite Harmonisierung statt. Die Politik auf nationaler Ebene ergreift besondere energie- und umweltpolitische Maßnahmen. Zur Steigerung der Stromeffizienz wird in erster Linie auf Lenkungseffekte durch einen steigenden Steueranteil an den Strompreisen gesetzt. Gleichzeitig wird davon ausgegangen, dass sich auf der Verbraucherseite ein verstärktes ökologisches Handeln durchsetzt. Von den vier Szenarien ist dieses das eingriffstärkste, weil zu den nationalen Maßnahmen für die Förderung der Energieerzeugung aus regenerativen Energiequellen sowie der Kraft-Wärme-Kopplung und der Reduktion der CO2-Emissionen noch eine Erhöhung des relativen Steueranteils an den Strompreisen hinzukäme. Infolge dessen würden die Strompreise gegenüber dem Jahr 2000 um wesentlich mehr als 10% ansteigen. Die vergleichsweise größte CO2-Reduktion wird insbesondere durch das stärkere Einsparverhalten im privaten Bereich und eine stärkere Stromeffizienz in der Industrie hervorgerufen.
,,Für alle vier Szenarien gilt auch, dass der Stromimport steigen wird, allerdings bis maximal fünf Prozent. Der Anteil von Gas am Energiemix wird ebenfalls zunehmen, auch dezentrale Kraftwerke sind definitiv weiter im Kommen'', so Georg Förster. Modellrechnungen zeigen, dass sich die Deutschland-Szenarien weitgehend auf Baden-Württemberg übertragen lassen. Hier haben die Forscher außerdem die volkswirtschaftlichen Mehrkosten für die Strombereit-stellung genauer beziffert: Sie reichen von 110 Millionen Euro für Szenario 1 bis 170 Millionen Euro für Szenario 4, aufsummiert bis zum Jahr 2010.

Ansprechpartner: Dr. Wolfgang Weimer-Jehle, Tel: 0711/9063-104

E-Mail: wolfgang.weimer-jehle@ta-akademie.de

Markus Geckeler, Tel: 0711/9063-222
E-Mail: markus.geckeler@ta-akademie.de


*Georg Förster: Szenarien einer liberalisierten Stromversorgung. Publikation der TA-Akademie in der Reihe Analysen. Stuttgart, Juli 2002. Bestellbar per Fax: 0711/9063-299 oder E-Mail: info@ta-akademie.de zum Preis von Euro 7,70 plus Porto und Verpackung. Im Internet als download: www.ta-akademie.de
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