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Deutsche "Ostforschung": Oldenburger HistorikerInnen befassen sich kritisch mit ihrer Wissenschaft

07.12.1999 - (idw) Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Geschichtliche Abhandlungen spiegeln immer auch die Zeit wider, in der sie verfasst wurden. Dies gilt besonders für Darstellungen über die Geschichte Schlesiens, Pommerns und Preußens oder auch Polens, die seit dem 19. Jahrhundert oft von völkischen und nationalistischen Zeitströmungen geprägt waren und einseitig konstruierte Geschichtsbilder mit einer Überhöhung deutscher Kultur und Geschichte entworfen haben. Oldenburger Historiker und Kulturwissenschaftler befassen sich mit der Analyse dieser so genannten "Deutschen Ostforschung", um Einseitigkeiten, Stereotype und Pauschalurteile in der Historiographie deutlich zu machen und einen Beitrag zu einer modernisierten, interethnisch geprägten historischen Ostmitteleuropaforschung zu leisten.

Deutsche und Ostmitteleuropa - das Begriffspaar ruft eher ungute Erinnerungen hervor: Deutsche haben im September 1939 Polen überfallen und polnisches Gebiet annektiert. Dem voraus gingen der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Böhmen-Mähren und die Eingliederung dieser Gebiete als "Reichsprotektorat". Deutsche und Ostmitteleuropa - dafür stehen auch Konzentrations- und Vernichtungslager wie Auschwitz, Majdanek, Treblinka.

WissenschaftlerInnen und Studierende, die heute unbefangen zu Literatur über die Geschichte und Kultur Polens, Schlesiens, Pommerns oder Preußens greifen, haben es nach wie vor häufig mit Werken zu tun, in denen die unmenschlichen Ereignisse seit 1939 nicht auftauchen, die von einer "Ostforschung" älterer Couleur, oft aber auch jüngerer Provenienz geprägt sind und die ein einseitig konstruiertes Bild der Deutschen in Ostmitteleuropa vermitteln.

WissenschaftlerInnen der Universität Oldenburg und des Bundesinstituts für ostdeutsche Kultur und Geschichte in Oldenburg (BOKG) gehen seit längerem der Frage nach, wie einseitig die Vertreter der historischen Wissenschaften in Deutschland in den letzten 150 Jahren mit der Geschichte Ostmitteleuropas und der dort lebenden Deutschen umgegangen sind und welche Auswirkungen dies auf unser heutiges Geschichtsbild hat. Die eigene Zunft steht also im Blickpunkt der Untersuchungen. In der jüngsten Ausgabe des Oldenburger Universitätsforschungsmagazins EINBLICKE berichten darüber die Historiker Prof Dr. Matthias Weber, Dr. Kurt Dröge (beide BOKG) und Prof Dr. Hans Hennning Hahn Historisches Seminar der Universität ("Ostmitteleuropaforschung statt 'deutsche Ostforschung'", EINBLICKE Nr. 30, Seite 22-24).

Nach den Anfängen der Geschichtswissenschaft im 18. Jahrhundert wurden mit der Reichsgründung 1871 das neue Deutsche Kaiserreich und das Prinzip des Vaterländischen ganz selbstverständlich zum allgemeinen Bezugsrahmen. Dieser ethnozentrierte Ansatz, der sich auch in benachbarten Disziplinen wie der aufkommenden Volkskunde findet, war nicht nationalistisch, keineswegs rassistisch und ursprünglich gegenüber den anderen in Ostmitteleuropa wohnenden Völkern wohl abgrenzend, aber durchaus nicht feindlich gesinnt, er erwies sich aber als gefährlich. Eine folgenreiche Auswirkung bestand zunächst in der Ausklammerung der polnischen, kaschubischen oder tschechischen Bewohner mit ihrer Kultur und Geschichte: Eine national orientierte, einseitige Betrachtungsweise war geboren, die ihre Anstöße immer stärker aus dem politisch-ideologischen Umfeld erhalten sollte.

Zur Überhöhung deutscher Kulturleistungen und Fixierung auf das deutsche Volkstum gesellten sich dann eine Vorbereitung der Herrenmenschenideologie, die Ausbildung der nationalsozialistischen Rassenlehre und die Politik der "Lebensraum"-Gewinnung im Osten. Vertreter der Geschichtswissenschaften wie der zunehmend als "Volkstumskunde" verstandenen Volkskunde waren nach 1933 gleichermaßen von der rassischen und kulturellen Überlegenheit der Germanen über die Slawen überzeugt und trugen durch ihre Studien zur Festigung der NS-Ideologie und zur Lebensraumpolitik des Dritten Reiches in Ostmitteleuropa bei.

Das Jahr 1945 hat weder in der Geschichtswissenschaft noch in der Volkskunde einen methodischen Neuanfang gebracht. Im Gegenteil bildete der Ansatz der "Volks- und Kulturbodenforschung" mit der Fixierung auf das Volkstum weiterhin ein wenn auch ideologisch unbetontes Hauptinteresse. Schon 1949, als Europa nach dem Größenwahn des Nationalsozialismus noch in Trümmern lag, stimmte Hermann Aubin, der 1953 zum Präsidenten des Verbandes der Historiker Deutschlands gewählt werden sollte, erneut das Lob auf den "Anteil der Germanen am Wiederaufbau des Abendlandes nach der Völkerwanderung" an. Die überkommene Ostforschung und ihre Paradigmen waren vielfach so verinnerlicht, dass jede Methodenkritik ausblieb, weil das erforderliche Problembewußtsein fehlte.

Ein Ausgangspunkt heutiger Ostmitteleuropaforschung ist die Maxime, deutsche Kultur und Geschichte nicht isoliert zu sehen, denn die Deutschen in diesem Raum haben als Kolonisten, Nachbarn, Eroberer, als Herren oder Untertanen, Mehrheit oder Minderheit in so enger Berührung mit anderen ethnischen Gruppen gestanden, dass ihre Kultur und Geschichte so wenig zu begreifen ist wie die polnische, tschechische, ungarische, rumänische oder baltische, wenn sie aus dem Blickwinkel nur eines Volkes erforscht und dargestellt wird. Ein Neuansatz kann nur auf Grundlage einer detaillierten Aufarbeitung und Analyse der älteren Geschichtswissenschaft und Geschichtsbilder erfolgen, wie sie in Oldenburg praktiziert wird.

Die Voraussetzungen sind hier besonders günstig, denn neben dem Lehrstuhl für moderne osteuropäische Geschichte mit Schwerpunkt auf der Geschichte Polens am Historischen Seminar der Universität besteht das Bundesinstitut für ostdeutsche Kultur und Geschichte. Beide Einrichtungen kooperieren seit annähernd einem Jahrzehnt, ergänzen gegenseitig ihre Kontakte nach Ostmitteleuropa, laden Wissenschaftler und Studenten aus Polen und Tschechien nach Oldenburg ein. Seit 13 Semestern werden gemeinsam im Rahmen des "Forums Mitteleuropa-Osteuropa" Ringvorlesungen angeboten, die einer veränderten, grenzüberschreitenden Ostmitteleuropaforschung gewidmet sind und von WissenschaftlernInnen aus Deutschland und den Ländern Ostmitteleuropas gestaltet werden.


Kontakt: Prof Dr. Matthias Weber, Bundesinstitut für ostdeutsche Kultur und Geschichte, Johann-Justus-Weg 147a, 26127 Oldenburg, Tel.: 0441/96195-0; Prof Dr. Hans Hennning Hahn, Historisches Seminar, Tel.: 0441/798-2396, E-Mail: hahn@hrz1.uni-oldenburg.de;.
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