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Sind Lehrer Freiwild für Schüler? Ergebnisse einer Eichstätter Studie

07.12.1999 - (idw) Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Die in den letzten Wochen bekannt gewordenen Gewalttaten gegen Lehrer an deutschen Schulen gehören sicher zu den gravierendsten, die in den letzten Jahrzehnten an die Öffentlichkeit kamen. Dies sind verabscheuungswürdige Taten! Jeder Versuch, diese zu verharmlosen, negiert die Leiden der Opfer und der Angehörigen und verkennt die Betroffenheit und die Sorgen der Lehrerinnen und Lehrer wie auch der Bürgerinnen und Bürger. Unbestreitbar ist Schreckliches geschehen bzw. es konnte gerade noch vereitelt werden. Allerdings handelt es sich dabei nach allen vor-lie-genden wissenschaftlichen Untersuchungen nicht um die Spitze eines Eisbergs, sondern vielmehr um traurige und extreme Einzelfälle, die nicht für eine generelle Zunahme der Gewalt an den Schulen stehen können.

Auf der Basis einer groß angelegten repräsentativen Studie, bei der 1994 und 1999 je etwa 4.000 Schüler an bayerischen allgemeinbildenden (ohne Grundschulen) und beruflichen Schulen befragt wurden, konnten folgende wichtige Ergebnisse zur Gewaltentwicklung gewonnen werden:

· Physische Gewalt gegen Personen und Vandalismus an Schulen sind nach wie vor sehr gering ausgeprägt. Gemessen an einem theoretischen Maximum von 10 erreichen die bayerischen Schüler 1999 im Durchschnitt einen Wert von weit weniger als 1 (0,73 bei physischer Gewalt und 0,58 bei Vandalismus). Lediglich verbale Aggressivität ist mit 2,5 stärker verbreitet.

· Zwischen 1994 und 1999 ist die Gewalt (abgesehen von der verbalen Aggressivität, die leicht zugenommen hat) gleich geblieben bzw. minimal zurückgegangen.

· Die häufige Anwendung von schwerer physischer Gewalt geht auf eine kleine Minderheit von etwa 2 Prozent fast ausschließlich männlicher Schüler zurück. Über 90% der Schüler sind dagegen unbescholten. Diese 2 Prozent können das Klima an den Schulen und in der Öffentlichkeit aber nachhaltig beeinträchtigen.

· Daneben zeigen sich Hinweise, dass die Gewaltformen gegen Lehrer vorübergehend auftretende Phänomene sind, die unter Kindern am wenigsten verbreitet sind, in der Jugendphase relativ am häufigsten auftreten, um danach wieder abzunehmen.

· Die Gewalt der Schüler gegen Lehrer ist gegenüber 1994 zumindest unverändert geblieben, aber in vielen Bereichen sogar zurückgegangen (vor allem an den Berufsschulen) - dies zeigen die Berichte der Schüler wie der Lehrer! Etwa 3-4% aller Schüler übten 1999 Gewalt gegen Lehrer aus, wobei physische Gewalt und Nötigung rückläufig waren, Sachbeschädigungen dagegen in etwa gleichgeblieben sind. Lehrer wurden nach eigenen Angaben am häufigsten (zu je etwa 10%) Opfer verbaler Gewalt, es folgt die Beschädigung des eigenen Pkw (je knapp 4%) sowie ? erfreulicherweise rückläufig von 2,5% auf 0,6% ? Opfer eines Gelddiebstahls.

· Entsprechend ist der Anteil der Lehrer, der eine dramatische Zunahme der Gewalt an Schulen beobachtet, zurückgegangen von 11,4% auf 6,3%! Gut die Hälfte sieht die Gewaltzunahme als Problem einzelner Schulen und von daher als nicht verallgemeinerbar.

Diese Ergebnisse bedeuten kein Verharmlosen der ausgeübten schweren Gewalt - jeder Fall kann das Lernklima einer Klasse oder das Binnenklima in einer Schule nachhaltig und negativ beeinflussen, der davon betroffenen Schule ein negatives Etikett anhängen und - wie die jüngsten Fälle zeigen - erhebliche (und auch subjektiv nachvollziehbare) Verunsicherungen und Ängste in der Bevölkerung des Schulortes hervorrufen. Diese Fälle sind aber nach den vorliegenden Daten nicht die Regel, sondern die negativen und seltenen Ausnahmen! Dabei beobachten wir eine Polarisierung: Überspitzt könnten man sagen, dass die Gruppe der sehr Gewalttätigen immer kleiner wird, aber scheinbar - auch wenn man die in den letzten Wochen berichteten Einzelfälle so deuten mag - eher gewalttätiger.

Zusammenfassend gesagt: Zwar gibt es auch in unserer großflächigen Studie, die sich nicht nur auf Einzelfälle stützt, Gewalt; von daher verweisen die Ergebnisse auf einen suboptimalen Zustand. Andererseits zeigen die Daten ebenso deutlich, dass die bayerischen Lehrkräfte insgesamt betrachtet doch nicht zum Freiwild für ihre Schüler werden - heute sogar etwas weniger als vor fünf Jahren. Von daher sollten die Ergebnisse Hoffnung machen.

Marek Fuchs, Siegfried Lamnek, Jens Luedtke

Lehrstuhl für Soziologie II
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