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Konjunktur im Aufwind

15.12.1999 - (idw) HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung Hamburg

Konjunktur im Aufwind

Wie das HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung in seinem in Kürze im WIRTSCHAFTSDIENST erscheinenden Konjunkturbericht schreibt, ist der durch die Finanz- und Wirtschaftskrisen in Asien, Rußland und Lateinamerika ausgelöste konjunkturelle Rückschlag in Deutschland weitgehend überwunden; seit dem Sommer sind Auftragseingänge und Produktion in der Grundtendenz wieder deutlich aufwärtsgerichtet. Die Krisen und ihre Folgen hatten zwar zu einer spürbaren Abkühlung im Export geführt. Die Auswirkungen auf die Binnennachfrage hielten sich aber nicht zuletzt wegen der günstigen monetären Rahmenbedingungen in Grenzen. Seit dem Frühjahr zeigt die Ausfuhr, gefördert auch durch die Abwertung des Euro, wieder eine deutliche Aufwärtstendenz. Mit der üblichen Verzögerung scheint die konjunkturelle Belebung allmählich auch auf den Arbeitsmarkt überzugreifen. Die Beschäftigung dürfte zuletzt kaum noch zurückgegangen sein, und die Zahl der Arbeitslosen ist saisonbereinigt leicht gesunken. Gebessert hat sich die Lage vor allem in Westdeutschland. In Ostdeutschland erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen bis zum Herbst deutlich; danach flachte sich immerhin der Anstieg merklich ab.

Obwohl die letzte Rezession bereits sechs Jahre zurückliegt, hat sich in Deutschland - anders als etwa in den USA - noch keine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung herausgebildet; die konjunkturelle Erholung geriet bereits nach relativ kurzer Zeit immer wieder ins Stocken. Daher stellt sich die Frage, ob es diesmal zu einem länger anhaltenden Aufschwung kommt. Von den Rahmenbedingungen her spricht einiges dafür. Das weltwirtschaftliche Umfeld, das sich bereits im Laufe dieses Jahres mit dem Nachlassen der dämpfenden Wirkungen der Finanz- und Währungskrisen spürbar verbessert hatte, wird günstig bleiben. Überdies hat sich durch die Abwertung des Euro die Wettbewerbsfähigkeit europäischer und damit auch deutscher Anbieter spürbar verbessert; dies wird noch geraume Zeit nachwirken. Zwar spricht einiges dafür, daß der Euro im Laufe des kommenden Jahres wieder etwas fester tendieren wird. So wird sich das Wachstumsgefälle zwischen den USA und dem Euro-Raum weiter verringern; gleiches gilt für das Zinsgefälle. Der Einfluß dieser Faktoren wird aber gegenwärtig nicht zuletzt durch Irritationen über die Geld- und Finanzpolitik in der EWU überspielt, die den Euro belasten.

Anfang November hat die EZB die Leitzinsen um einen halben Prozentpunkt angehoben und damit die Zinssenkung vom April dieses Jahres wieder zurückgenommen. Begründet wurde dieser Schritt vor allem mit der kräftigen Expansion der Geldmenge, die nach Ansicht der EZB steigende Inflationsrisiken signalisiert. Eine stärkere Beeinträchtigung der Konjunktur in Europa ist von der Anhebung der Leitzinsen nicht zu erwarten; die Geldpolitik dürfte damit auch in Deutschland immer noch leicht expansiv wirken. Für das Jahr 2000 hat die EZB den Referenzwert für die Geldmengenentwicklung wiederum mit 4½ % angesetzt. Er ist damit niedriger als etwa von den Wirtschaftsforschungsinstituten empfohlen; diese kamen zu einem Referenzwert von 5 %. Vor diesem Hintergrund erscheint eine weitere Straffung der Geldpolitik im kommenden Jahr wahrscheinlich. Auch dann wird sie aber noch nicht restriktiv sein.

Die EZB hat mit der Anhebung der Leitzinsen zur Beruhigung an den Finanzmärkten beigetragen und damit den Rückgang der Kapitalmarktzinsen unterstützt. Im Laufe des kommenden Jahres ist im Zuge der Festigung der Weltkonjunktur mit einem weiteren Anstieg der Kapitalnachfrage zu rechnen, so daß die langfristigen Zinsen leicht anziehen werden. Der Zinsanstieg ist aber großenteils Reflex günstigerer Renditeaussichten, so daß von daher die Erholung der Konjunktur nicht gehemmt werden dürfte.

Von der Finanzpolitik gingen in Deutschland in diesem Jahr insgesamt kontraktive Wirkungen aus. Abgabenentlastungen für private Haushalte wurden durch höhere Belastungen für Unternehmen und eine Ökosteuer überkompensiert. Für das kommende Jahr sind weitere Entlastungen für Familien mit Kindern vorgesehen. Gleichwohl bleibt die Finanzpolitik auf deutlichem Konsolidierungskurs, denn zugleich wurde ein Sparpaket mit einem Volumen von 30 Mrd. DM für den Bundeshaushalt beschlossen. Zwar wird der tatsächliche Spareffekt durch "Luftbuchungen" und Lastenverlagerungen auf andere öffentliche Haushalte geschmälert, er ist mit rund 20 Mrd. DM für alle öffentlichen Haushalte aber immer noch beachtlich. Die vorgesehenen Maßnahmen legen den Schluß nahe, daß die Finanzpolitik im kommenden Jahr alles in allem leicht kontraktiv wirken wird.

Der Lohnanstieg hat sich nach mehreren Jahren moderater Entwicklung in diesem Jahr merklich verstärkt. Für 2000 ist schon wegen der weiterhin hohen Arbeitslosigkeit wieder mit niedrigeren Abschlüssen zu rechnen; überdies fehlt den Gewerkschaften in der nächsten Tarifrunde der "Rückenwind" von Regierungsseite. Da die Produktivitätssteigerungen im kommenden Jahr auslastungsbedingt deutlich höher ausfallen werden als 1999, dürften die Lohnstückkosten, die in diesem Jahr erstmals seit drei Jahren wieder leicht gestiegen waren, im Jahre 2000 erneut etwas sinken, so daß das Preisklima ruhig bleibt.

Angesichts der alles in allem weiterhin relativ günstigen Rahmenbedingungen ist zu erwarten, daß sich die Konjunktur in Deutschland im kommenden Jahr festigt. Der Export wird eine wichtige Stütze bleiben; gleichzeitig wird aber auch die Binnennachfrage verstärkt expandieren, so daß der Aufschwung an Breite gewinnt (vgl. Tabelle). So wird der private Verbrauch, der in den vergangenen Jahren eher verhalten war, mit nachlassenden retardierenden Einflüssen vom Arbeitsmarkt mehr Dynamik entwickeln. Zudem dürften die Bauinvestitionen, gestützt durch die Nachfrage nach Eigenheimen und einen mit zunehmender Kapazitätsauslastung steigenden Bedarf an gewerblichen Baumaßnahmen, nach mehreren Jahren des Rückgangs im Jahre 2000 erstmals wieder ein leichtes Plus aufweisen. Schließlich werden die Ausrüstungsinvestitionen einschließlich der "Sonstigen Anlagen" weiterhin zügig ausgeweitet. Alles in allem ist für das Jahr 2000 ein Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts um 2,7 % zu erwarten, nach 1,4 % in diesem Jahr. Die Beschäftigung wird allmählich zunehmen, wenn auch nur moderat. Die Zahl der Arbeitslosen wird gleichwohl deutlich sinken; hier schlägt neben der Konjunkturbelebung weiterhin der demographisch bedingte Rückgang des Arbeitskräfteangebots zu Buche. Die Besserung am Arbeitsmarkt beschränkt sich allerdings auf Westdeutschland. Ostdeutschland wird zwar im kommenden Jahr im Wachstum wieder zum Westen aufschließen, die Zahl der Arbeitslosen wird aber nur wenig sinken.

Ein Ausblick auf das Jahr 2001 kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch wegen der Unsicherheiten über den weiteren finanzpolitischen Kurs lediglich Anhaltspunkte über mögliche Entwicklungstendenzen geben. Dabei wird von folgenden Grundannahmen ausgegangen: Der Aufschwung der Weltkonjunktur setzt sich fort. Der Kosten- und Preisanstieg im EWU-Raum bleibt moderat, und die Inflationsperspektiven verschlechtern sich nicht gravierend, so daß die EZB den geldpolitischen Kurs nur graduell verschärft. In der Finanzpolitik kommt es zu der geplanten Unternehmenssteuerreform mit einer Entlastung für Unternehmen in Höhe von von 8 Mrd. DM. Die Lohnsteigerungen bleiben moderat, und die Lohnpolitik verzichtet auf die Durchsetzung kostenträchtiger, beschäftigungspolitisch wenig effektiver Forderungen wie der "Rente mit 60". Unter solchen Rahmenbedingungen dürfte sich der Konjunkturaufschwung in Deutschland im Jahre 2001 in ähnlichem Tempo wie im kommenden Jahr fortsetzen. Das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts würde sich in einer Größenordnung von 2½ % bis 3 % bewegen. Die Zahl der Arbeitslosen würde, unterstützt durch den demographisch bedingten Rückgang des Erwerbspersonenpotentials, weiter zurückgehen und im Durchschnitt des Jahres 2001 bei etwa 3,7 Millionen liegen. Der Preisanstieg würde sich kaum verstärken und unter 2 % bleiben.


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