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Pressekonferenz: Die Wirtschaftslage zum Jahreswechsel 1999

21.12.1999 - (idw) ifo Institut für Wirtschaftsforschung

Auf der Pressekonferenz am 21.12.1999 stellt das ifo Institut für Wirtschaftsforschung seine aktuelle Konjunkturprognose für das Jahr 2000 vor.

Auf der Pressekonferenz am 21.12.1999 in München gab Prof. Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für
Wirtschaftsforschung, folgende Erklärung ab:
Das ifo Institut wird derzeit grundlegend umstrukturiert. Die traditionelle
Basis des ifo Instituts liegt bei seinen weltweit beachteten monatlichen Konjunkturumfragen.
Diese Basis soll erhalten und durch die Nutzung des Internets bei den Umfragen noch
stärker aktualisiert werden. Als zweites Standbein wird neben den Konjunkturumfragen
in Zukunft der internationale Institutionenvergleich vorrangig entwickelt, um der Globalisierung
und dem Interesse am Vergleich der institutionellen Regelungen verschiedener Länder zu
entsprechen. Ein neuer Arbeitsbereich "Internationaler Institutionenvergleich" hat die
Aufgabe, das so entstehende Wissen systematisch aufzubereiten und in einer Datenbank
zu sammeln. Die Datenbank heißt "DICE". Das ist das englische Wort für Würfel, aber wir
bezeichnen damit die "Databank for Institutional Comparisons in Europe".
Das ifo Institut wird politiknäher arbeiten und zu diesem Zweck Fragen der öffentlichen Finanzen
und der Arbeitsmärkte in den Vordergrund stellen. Zwei neue Arbeitsbereiche, nämlich "Öffentliche
Wirtschaft" sowie "Sozialpolitik und Arbeitsmärkte" werden diese Aufgaben wahrnehmen. Andere
Bereiche wurden gleichzeitig zusammengefasst und gestrafft. Die Politiknähe kommt auch durch
die nun in unregelmäßiger Folge, aber tagesaktuell an die Presse verteilten ifo Standpunkte zum
Ausdruck. Ein Sammelheft mit den ersten zehn Standpunkten dieses Jahres ist gerade erschienen.
Dazu gehören Themen wie "Rente mit 60", "Teilkapitaldeckung der Rente", "Steuerreform" oder "Transrapid".
Das ifo Institut wird sich stärker als bislang auch in die internationale Diskussion einbringen.
Zu diesem Zweck hat es zusammen mit der Universität München die CESifo GmbH gegründet,
unter deren Dach das Center for Economic Studies (CES) und das ifo Institut zusammenarbeiten.
CESifo wird neue Publikationsorgane in englischer Sprache herausbringen, internationale
Konferenzen organisieren, Forschungsprojekte mit externen Wissenschaftlern organisieren
sowie Video-Vorlesungen und Wirtschaftsdaten über das Internet verbreiten. Es hat bereits
über zweihundert international wohlbekannte Forscher zu einem wissenschaftlichen
Forschungsnetzwerk zusammengeführt.

Traditionell berichtet das ifo Institut bei seiner Dezember-Pressekonferenz über wichtige
aktuelle Wirtschaftsprobleme. Neben der Konjunkturlage sind zwei Themen von besonderer
Bedeutung:

Der Euro

Der Euro ist schwach, weil die Zinsen in den USA konjunkturbedingt hoch sind. Bei sich
ändernder Konjunkturlage kann das derzeit zum Dollar-Raum bestehende Zinsdifferential
wieder abnehmen mit der Folge, dass der Euro als Anlagewährung attraktiver wird.
Das würde auch den Kurs erhöhen. Die hohe amerikanische Auslandsverschuldung,
das hohe US-Leistungsbilanzdefizit sowie die wirtschaftliche Größe Europas im Vergleich
zu den USA werden Anlagen in Euro-Papieren langfristig immer attraktiver machen. Ein hoher
Euro-Kurs kann deshalb langfristig erwartet werden.

Der Aufholprozess in den neuen Bundesländern

Der Aufholprozess ist seit längerem ins Stocken geraten. Alarmierend ist der Umstand,
dass die Ausrüstungsinvestitionen je Erwerbstätigen im Jahr 1998 erstmals seit 1992 wieder
unter das Westniveau gefallen sind (90%). Dies ergibt sich aus der Investorenrechnung,
die das ifo Institut im Auftrag des Bundesfinanzministeriums durchführt. Bedenklich ist
auch, dass in den neuen Bundesländern noch immer mehr als jede dritte Mark, die dort
ausgegeben wird, aus dem Westen stammt. Vom Ziel, in den neuen Bundesländern eine
sich selbst ernährende Volkswirtschaft zu schaffen, ist Deutschland nach wie vor sehr weit
entfernt. Die Fehler der Vereinigungspolitik zeigen sich jetzt in aller Schärfe.

Aktuelle Konjunkturlage

Die gegenwärtige Konjunktursituation ist insgesamt als rosig zu bezeichnen. Zwar ist die
gewerbliche Wirtschaft der neuen Bundesländer nur verhalten optimistisch, was die
Absatzerwartungen betrifft, doch zeigen im Westen alle Indikatoren nach oben. In
der letzten Woche hat der erneute, starke Anstieg des ifo Geschäftsklima-Index für
internationales Aufsehen gesorgt. Die Aufschwungkräfte kommen nur zu einem
geringen Maße vom inländischen Konsum, sondern sind - neben einer gewissen
Investitionsbelebung - vor allem auf die sich rasch verbessernde weltwirtschaftliche
Konjunkturlage zurückzuführen. Die Asienkrise ist vorbei, und auch in der EU werden
sowohl die Wirtschaftslage als auch die Wirtschaftserwartungen von den Experten,
die das ifo Institut vierteljährlich auf aller Welt befragt, positiv beurteilt.
Die positive Konjunkturentwicklung sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen,
dass die deutsche Wirtschaft nach wie vor unter erheblichen Strukturproblemen leidet,
die eine nachhaltige Belebung der Beschäftigungslage ausschließen.

Zur zukünftigen Entwicklung der Konjunktur berichtete Dr. Willi Leibfritz,
Leiter des Bereichs Konjunktur und Finanzmärkte:

Prognose 2000: Mehr Wachstum und etwas weniger Arbeitslose

Weiterhin günstige Rahmenbedingungen für den Aufschwung

Die weltwirtschaftlichen Bedingungen für eine Fortsetzung des Aufschwungs in Deutschland im Jahr 2000
sind günstig. In den asiatischen Schwellenländern und in Japan steigt die Produktion wieder. Von der
amerikanischen Wirtschaft werden selbst bei einem abgeschwächten Wachstum ("Soft-landing"-Szenario)
weiterhin positive Impulse auf die Weltwirtschaft ausgehen, was die Überwindung der Krisen
insbesondere auch in Lateinamerika erleichtert. In Westeuropa gewinnt der Aufschwung im Jahr 2000
an Kraft und an Breite; dabei werden die konjunkturellen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern
geringer. Der reale Welthandel wird im Jahr 2000 um etwa 7 % expandieren, nach reichlich 4 % im Jahr 1999.
Der Ölpreis dürfte vom gegenwärtigen Niveau kaum noch steigen und im Durchschnitt 2000 bei 22 US-Dollar
pro Barrel liegen, nach 18 Dollar im Durchschnitt 1999. Die monetären Rahmenbedingungen einschließlich
des Wechselkurses regen derzeit aufgrund der Abwertung des Euro die Konjunktur deutlich an; der
expansive Effekt wird sich allerdings im Verlauf des Jahres 2000 insbesondere wegen der unterstellten
Festigung des Euro-Kurses verringern. Die Kerninflationsrate wird sich im EWU-Durchschnitt nur
wenig beschleunigen; in Deutschland wird die Preissteigerungsrate auf der Verbraucherstufe im
Jahresdurchschnitt 2000 nicht zuletzt wegen der zweiten Stufe der Ökosteuer mit 1,2 % etwas höher
sein als in diesem Jahr (0,6 %).
Das Preisziel der Europäischen Zentralnotenbank (Inflationsrate unter 2 %) bleibt im Jahr 2000
ungefährdet, zumal die Lohnpolitik in den Ländern der EWU zu moderaten Abschlüssen führen
dürfte; im Frühjahr 2000 ist in Deutschland und in der gesamten EWU im Vorjahresvergleich mit
überdurchschnittlich hohen Preissteigerungsraten zu rechnen, die mit den niedrigen Rohölpreisen
im Frühjahr 1999 in Zusammenhang stehen (Basiseffekt); sie werden im weiteren Jahresverlauf wieder
abnehmen. Die Finanzpolitik wirkt in Deutschland und auch im Durchschnitt der EWU-Länder in Folge
der Rückführung der Budgetdefizite zwar kurzfristig nachfragedämpfend, doch ist dieser Effekt relativ
gering; das staatliche Finanzierungsdefizit nimmt im Durchschnitt der EWU-Länder von etwa 1 ½ %
auf etwa 1 ¼ % des Bruttoinlandsprodukts ab und in Deutschland von 1,5 % auf 1,3 %.

Produktionsanstieg beschleunigt sich...

Die wichtigsten in die Zukunft weisenden Indikatoren, wie Auftragseingänge in der Industrie und ifo
Geschäftserwartungen, signalisieren eine weitere Festigung der Konjunktur. Die Industrieproduktion
dürfte im Jahr 2000 wieder zum Motor der Konjunktur werden und um rund 3 ½ % zulegen. Die
Bauwirtschaft wird sich nur allmählich erholen. Die realen Umsätze der konsumnahen Sektoren
dürften sich in Folge der beschleunigt steigenden Realeinkommen und der sich leicht bessernden
Lage auf dem Arbeitsmarkt merklich erhöhen. Insgesamt dürfte das Bruttoinlandsprodukt im Jahr
2000 sowohl im Jahresverlauf als auch im Jahresdurchschnitt um 2 ½ bis 3 % zunehmen, spitz gerechnet
um 2,7 %.

...Arbeitslosenzahl sinkt etwas

Die Arbeitslosigkeit wird wegen der besseren Konjunktur und des geringeren Arbeitskräfteangebots
im Jahr 2000 voraussichtlich stärker zurückgehen als in diesem Jahr. Die Beschäftigung dürfte sich im
Jahresdurchschnitt um knapp 150 000, im Jahresverlauf sogar um eine Viertelmillion erhöhen. Im
Durchschnitt des Jahres 2000 wird die Arbeitslosigkeit in Deutschland um reichlich 200 000 Personen
auf knapp 3,9 Mill. sinken; im Jahresverlauf dürfte der Rückgang der Arbeitslosenzahl mehr als 300 000
betragen. Entlastet wird der Arbeitsmarkt vom Rückgang des Arbeitsangebots um ca. 0,2 Mill. In den
neuen Bundesländern wird die Arbeitslosenzahl - trotz einer leichten Abnahme im Verlauf - im
Jahresdurchschnitt ähnlich hoch bleiben wie 1999 (rund 1,35 Mill. oder 17,5 %), in Westdeutschland
wird sie auf reichlich 2,5 Mill. sinken (1999: 2,75 Mill. oder 8,8 %).

Wirtschaftspolitik bleibt gefordert

Der Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion in Deutschland wird im Jahr 2000 um ¾ Prozentpunkte
stärker als das Potentialwachstum bzw. das Trendwachstum sein, so dass der gesamtwirtschaftliche
Auslastungsgrad entsprechend steigt. Ende 2000 dürfte das BIP seinen mittelfristigen Trendwert wieder
nahezu erreicht haben. Selbst wenn die weltwirtschaftlichen und die monetären Rahmenbedingungen mittelfristig
günstig bleiben - was keinesfalls gesichert ist - dürfte sich das Wirtschaftswachstum in den Jahren nach 2000
allerdings wieder auf den Potentialpfad von rund 2% abschwächen. Ein Wachstumspfad von 2 ½ bis 3 %
und eine Senkung der Arbeitslosenzahl unter 3 Mill. wären mittelfristig aber erreichbar, wenn es gelänge,
die hohe strukturelle Arbeitslosigkeit zu senken. Bei einem Produktivitätszuwachs von 1 ½ bis 2 % könnte

dann die Beschäftigung Jahr für Jahr um rund 1 % zunehmen. In diesem Szenario würde die Beschäftigung
jährlich um rund 350 000 steigen und die Zahl der Arbeitslosen um gut 200 000 zurückgehen. Im Jahr 2003
würde die Arbeitslosigkeit noch 3,2 Mill. oder knapp 8 % betragen, im Jahr 2005 noch 2 ¾ Mill. oder 6 ¾ %.
Insbesondere die Lohnpolitik, die Steuerpolitik und die Sozialpolitik sind gefordert, die Weichen dafür zu stellen.
Ansonsten würde auch mittelfristig die Arbeitslosenzahl nur wenig zurückgehen.

ifo Institut für Wirtschaftsforschung
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Kurt Vogler-Ludwig
Tel. +49-89-9224-1371
Fax +49-89-9224-1461
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