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Deutscher Forscher rettet königliche Gärten in Thailand

10.01.2000 - (idw) Senat der Bundesforschungsanstalten im Geschäftsbereich des BMVEL

"Killerfliegen" als biologische Alternative zu Insektiziden / Entwicklungshilfe wörtlich genommen


Die "Killerfliege" Coenosia beim Verspeisen einer Minierfliege (Foto: Kühne)
Der Königspalast von Chiangmai (Foto: Kühne) Einem Hilferuf aus Thailand ist Dr. Stefan Kühne, Insektenforscher der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) aus Kleinmachnow, gefolgt. Auf Einladung der thailändischen Regierung besuchte er Ende vergangenen Jahres das südostasiatische Königreich, um einem Schädling zu Leibe zu rücken, der den Gärtnern des Königspalastes in Chiangmai das Leben schwer macht.

Kühne bot sich in den Gewächshäusern der königlichen Gärten ein erschreckendes Bild. Die dort gezüchteten Blumen wiesen Symptome auf, die der deutsche Experte nur zu gut kannte: Schäden von Minierfliegen. Die Fliegenweibchen legen ihre Eier in die Blätter ab, was zu hellen Pusteln führt. Im Folgenden fressen die jungen Maden Gänge in die Blätter ihrer Wirtspflanzen, Rußtaupilze dringen ein, die Pflanzen verkümmern.

Die Situation war so dramatisch, dass die thailändischen Bediensteten wöchentlich zur Pflanzenschutzspritze griffen und Insektizide versprühten. Doch die Chemie war an ihre Grenzen gestoßen: Die Minierfliegen hatten bereits gegen viele Mittel Resistenzen entwickelt. Da fanden die Thailänder in den Gärten Nützlinge, von denen sie sich eine natürliche Schädlingsregulation erhofften: Räuberische Fliegen der Gattung Coenosia. Ausgewiesener Experte für diese Fliegen ist Dr. habil. Stefan Kühne, der den thailändischen Fachleuten bereits durch einen vorherigen Experteneinsatz bekannt war.

Der Fliegenforscher errichtete im Königspalast von Chiangmai ein improvisiertes Labor und untersuchte genauestens die Insektenfauna der Gärten. Tatsächlich fand er verschiedene Exemplare räuberischer Fliegen aus der Gattung Coenosia, die er in deutschen Gewächshausern bereits erfolgreich gegen schädliche Fliegen einsetzen konnte. Die Arten der Gattung Coenosia - von Kühne gern "Killerfliegen" genannt - lauern versteckt auf Blättern, um im passenden Moment ihre Beute im Flug zu greifen und mit speziellen Mundwerkzeugen zu töten und auszusaugen. Daheim am BBA-Institut für integrierten Pflanzenschutz hatte Kühne die Biologie der Tiere erforscht und eine Zuchtmethode entwickelt.

Doch warum waren die Killerfliegen in den königlichen Gärten nicht effektiv genug? Kühne fand heraus, dass die Entwicklungsmöglichkeiten in den Gewächshäusern für die nützlichen Tierchen nicht ausreichten. Der deutsche Experte nahm den Begriff Entwicklungshilfe wörtlich und optimierte die Lebensbedingungen für die räuberischen Fliegen. Er ließ Gräben in die Gewächshausböden ziehen, die er mit Kokosfasern, Kuhdung und Erdnussschalen bestückte. Diese Mischung wird vor Ort als Blumenerde verwendet, um Zierpflanzen zu topfen. Das Material ist locker und luftig - ein ideales Biotop für die bodenlebenden Larven der Killer. Statt der ausschließlichen Verwendung chemisch-synthetischer Insektizide entwickelte er gegen die anpassungsfähigen Schädlinge ein integriertes Bekämpfungskonzept mit verschiedenen Komponenten. Er empfahl den Einsatz eines natürlichen Insektenbekämpfungsmittels aus dem Neembaum, in Asien traditionell als "sanftes" Pflanzenschutzmittel verwendet. Weiterhin sollen im Gewächshaus gelbfarbene, mit Wasser gefüllte Schalen die blütenbesuchenden Schädlinge anlocken und ertränken. Ein aufgelegtes Gazegitter verhindert dabei, dass die größeren Killerfliegen in der Flüssigkeit verenden. Dadurch kann auf die bisher verwendeten gelben Klebefolien, an denen auch die Coenosia-Fliegen massenhaft starben, verzichtet werden. Weiterhin sollen Schlupfwespen die Larven der Minierfliegen parasitieren.

Durch diese vielfältigen Maßnahmen wird nun in Zukunft eine gesunde Produktion von Zierpflanzen in den königlichen Gärten möglich sein. Das hohe Ansehen des Königshauses könnte auch in Thailand dazu beitragen, biologische und integrierte Bekämpfungsmethoden von Schaderregern populärer zu machen und somit den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln weiter zu reduzieren.

Eher nebenbei machte der Fliegenforscher aus der Biologischen Bundesanstalt noch einen wertvollen Fund: Auf Blumenmärkten entdeckte er einige Coenosia-Fliegen, die sich den bislang bekannten Arten nicht zuordnen lassen. Kühne schätzt, dass er bis zu drei neue Arten gefunden hat. Da in Thailand eine hohe Luftfeuchtigkeit herrscht, könnten diese neuen Killerfliegen auch für deutsche Gärtner interessant werden. Denn die Zucht der in Deutschland zur Schädlingsbekämpfung verwendeten Coenosia-Arten ist aufgrund von insektenpathogenen Pilzen schwierig. Diese Krankheitserreger befallen die Fliegen häufig bei hoher Luftfeuchtigkeit und töten sie ab. Vielleicht sind die neu gefundenen Arten besser an feuchte Verhältnisse angepasst und weniger anfällig gegen Pilzinfektionen. Dann könnte diese umweltfreundliche Art der Schädlingsbekämpfung auch in deutschen Gewächshäusern den Durchbruch schaffen.


Nähere Informationen und Fotos bei:
Priv. Doz. Dr. habil Stefan Kühne, Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft, Stahnsdorfer Damm 81, 14532 Kleinmachnow, Tel.: 033203/48-307, eMail: s.kuehne@bba.de

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