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Den Jahren Leben geben

24.01.2000 - (idw) Arbeitsgemeinschaft für Internistische Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. (AIO)

Krebsbehandlung im Alter

"Gesund bleiben bis ins hohe Alter", ein von der Werbeindustrie oft verwendeter Slogan zur Anpreisung von Produkten, die Jugend und Schönheit verheißen, ist wohl den wenigsten von uns vergönnt, denn mit zunehmendem Alter steigt auch die Wahrscheinlichkeit, daß Verschleißerscheinungen auftreten, die oft zu chronischen Erkrankungen und auch Behinderungen führen. In den letzten 120 Jahren hat sich die Lebenserwartung bei den Männern von 35,6 auf 73,5 Jahre und bei den Frauen von 38,5 auf 79,8 Jahre erhöht. Rund 15% aller Menschen sind heute älter als 65 Jahre. Wir werden zwar älter, aber nicht gesünder. Diese Tatsache zwingt zu gesundheitspolitischem Nachdenken und Handeln.

Es ist das Ziel ärztlichen Handelns, daß möglichst viele alte Menschen lange gesund bleiben können und denen, die unter gesundheitlichen Einschränkungen zu leiden haben, eine möglichst hohe Lebensqualität zu erhalten. Dies gilt insbesondere für Krebserkrankungen. Krebs ist in erster Linie eine Alterskrankheit. Dreiviertel aller in Deutschland an Krebs Sterbenden sind 65 Jahre oder älter. In vielen Fällen kann die Krankheit zwar behandelt, aber nicht mehr geheilt werden.

Die Therapieformen, die bei der Bekämpfung einer Krebserkrankung zum Einsatz kommen, sind intensiv und belastend. Nicht nur der Tumor, sondern auch der gesamte Organismus werden durch eine solche Behandlung angegriffen. Bei alten Menschen besteht die Gefahr, daß der Körper einer solchen Belastung nicht standhalten kann. Der Arzt befindet sich bei seinen Entscheidungen in einem ständigen Spannungsfeld zwischen der unkritischen Übernahme standardisierter, also gemeinhin üblicher Behandlungsmethoden einerseits und dem Verzicht auf Behandlungsintensität, um dem Patienten nicht zu schaden, andererseits.

Altern ist kein Prozeß, der bei allen Menschen zu einem definierten Zeitpunkt einsetzt und sich in gleicher Weise vollzieht. Im Gegensatz zu jüngeren Menschen, die auf eine bestimmte Behandlung, wie zum Beispiel eine Chemotherapie in ähnlicher Weise reagieren, sind die Reaktionen des Organismus bei der Behandlung älterer Patienten sehr inhomogen und vielfältig. Es ist daher außerordentlich schwierig, eine einheitliche Vorgehensweise im Sinne von Behandlungsleitlinien bei der Therapie von Krebserkrankungen alter Menschen festzulegen. Je älter der Mensch, um so individueller muß das therapeutische Vorgehen sein. Nicht selten erfolgen Behandlungen bei sehr alten Patienten "ins Blaue" hinein und sind allein auf ärztliche Intuition gegründet, da keine entsprechenden Erfahrungswerte vorliegen.

Kriterien zu schaffen, die eine Bewertung von Diagnostik und Therapie bei Krebserkrankungen im hohen Alter objektivierbar machen, hat sich die in der Klinik für Innere Medizin II am Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität in Jena gegründete Projektgruppe "Geriatrische Onkologie" zur Aufgabe gemacht. Die Tätigkeit dieser Forschungsgruppe, die gegenwärtig die einzige ihrer Art in Deutschland ist, wird mit 3,7 Mio DM über einen Zeitraum von 5 Jahren von der Deutschen Krebshilfe gefördert. Unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Höffken geht ein interdisziplinäres Team bestehend aus Medizinern, Psychologen, Entwicklungspsychologen, Verhaltensforschern, Neuropsychologen und Pharmakologen den Fragen nach, was aus medizinischer Sicht älteren Krebspatienten an Therapie zugemutet werden kann und andererseits von den Patienten selbst erwartet und toleriert wird.

Das Lebensalter, so der Koordinator der Forschungsgruppe, Dr. Ullrich Wedding, darf nicht allein an der Anzahl der Lebensjahre festgemacht werden, sondern ist stets im Kontext mit psychischen, physischen und sozialen Aspekten der Lebenssituation zu sehen. Das Forscherteam untersucht daher nicht nur Stoffwechselvorgänge und Veränderungen des körperlichen Zustandes während und nach der Therapie, sondern widmet sich darüber hinaus auch Fragen wie dem Einfluß von Depression und Demenz auf eigene Entscheidungen und Therapiefähigkeit, der Bedeutung der Angehörigen im Behandlungsprozeß, der Auswirkung der Erkrankung auf die Lebensperspektive und des Einflusses der Therapie auf bestimmte kognitive Fähigkeiten der Patienten.

Die Bereitschaft alter Menschen, die eigenen Erwartungen an die gegebenen Lebensumstände anzupassen, ist hoch, so der Jenaer Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Rainer K. Silbereisen. Während junge Menschen um der Hoffnung auf Heilung willen während ihrer Therapie eine große, aber zeitlich begrenzte Einschränkung ihrer Lebensqualität in Kauf nehmen, erwarten ältere Menschen eher vom Arzt, daß er ihren "Jahren Leben gibt." Dies bedeutet jedoch nicht, daß alten Patienten, die eine aggressivere Therapie tolerieren und auch vertragen, diese vorenthalten werden soll.

Der Umstand daß aufgrund der demografischen Entwicklung im Jahr 2030 der Anteil der über 65-jährigen 25% der Gesamtbevölkerung ausmachen und darüber hinaus die Zahl der Krebserkrankungen in den nächsten Jahren um über 50% zunehmen wird, führt, so Höffken, bei der Erarbeitung und Anwendung von Therapiekonzepten in der Onkologie zu einem Paradigmenwechsel. Alte Menschen mit Krebserkrankungen sind in der Vergangenheit in wissenschaftlichen Studien, die eine Etablierung von therapeutischen Konzepten zum Ziel hatten, kaum berücksichtigt worden.

Um die Behandlung von Patienten mit Krebserkrankungen weiter verbessern zu können ist es notwendig, Behandlungsleitlinien für die Krebstherapie bei alten Menschen zu definieren, konstatiert Höffken. Er fordert darüber hinaus, klinische Studien zu neuen und besseren Therapiemöglichkeiten vom Einschlußkriterium "Alter" zu befreien.

Weitere Informationen zum Forschungsprojekt "Geriatrische Onkologie":

Prof. Dr. Klaus Höffken
Direktor der Klinik für Innere Medizin II
Erlanger Allee 101
07740 Jena
E-Mail: ilh@rz.uni-jena.de
Prof. Dr. Klaus
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