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Unwort des Jahres 1999: "Kollateralschaden", Unwort des 20. Jahrhunderts: "Menschenmaterial"

25.01.2000 - (idw) Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt (Main)

Sprecher der Jury gibt Entscheidung in Frankfurt bekannt

FRANKFURT. Die Unwort-Jury hat neben dem Unwort des Jahres 1999 ein Unwort des 20. Jahrhunderts gewählt. Unwort des Jahres 1999 wurde "Kollateralschaden". Als Unwort des 20. Jahrhunderts gilt der Jury "Menschenmaterial". Dies teilte der Sprecher der Jury, der Frankfurter Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser, heute bei einer Pressekonferenz in der Goethe-Universität mit.

"Kollateralschaden" wurde aus insgesamt 1.063 Vorschlägen von 1.865 Einsenderinnen und Einsendern ausgewählt. Dieser in deutschen Medien nur halb übersetzte Begriff aus der Nato-offiziellen Berichterstattung über den Kosovo-Krieg vernebelte auf doppelte Weise die Tötung vieler Unschuldiger durch Nato-Angriffe. "Kollateralschaden" lenkte mit seiner imponierenden Schwerverständlichkeit vom schlimmen Inhalt dieser Benennung ab und verharmloste - auch und gerade wenn man den Begriff wörtlich nimmt - die militärischen Verbrechen in diesem nicht erklärten Krieg als belanglose Nebensächlichkeit (Nato-Englisch: "collateral damage" = Randschaden), heißt es im Votum der Jury.

Nach Meinung der Jury trieb "Kollateralschaden" die vielfältigen Versuche auf die Spitze, das Vorgehen auf dem Balkan in ein freundlicheres Licht zu rücken. Dazu gehörte u.a. auch, Bombardements zu "Luftschlägen" und den Krieg insgesamt zum bloßen Kosovo-"Konflikt" herunterzuspielen. Dazu passt, dass Vertreibungen - zuletzt der Kosovo-Serben - als "Völkerverschiebung" umschrieben werden konnten.

Das Unwort des 20. Jahrhunderts "Menschenmaterial" wurde auf der Grundlage der mehrjährigen Sammlung von Unwort-Vorschlägen und wortgeschichtlichen Untersuchungen gewählt. Aus der Begründung der Jury: "Menschenmaterial" ist zwar bereits im 19. Jahrhundert aufgekommen und spielt u.a. schon bei Karl Marx (1867) eine Rolle, hat aber im 20. Jahrhundert seine besonders zynische Bedeutung gewonnen, nicht zuletzt als Umschreibung von Menschen, die als Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg "verbraucht" wurden. Dieser zeiten- und ideologienübergreifende Begriff steht exemplarisch für die weit gediehene Tendenz, Menschen nur noch nach ihrem "Materialwert" einzuschätzen. Er ist gleichsam der Vater für ebenfalls zynische Begriffe wie "Schüler-, Lehrer- oder Spielermaterial", aber auch für Unwörter wie "Patienten-, Geburten- und Häftlingsgut". Das Medizinern immer noch geläufige Wort vom "Patientengut" wurde 1999 durch einen süddeutschen Klinikchef noch unterboten, der Todkranke gar als "morbides Patientenmaterial" umschrieb.

Dem Ungeist, der solchen Wortschöpfungen zugrundeliegt, entsprechen denn auch zahlreiche andere "Materialisierungen" des Menschen wie "Biorohstoffe", "Organgewinnung", "weiche Ziele" (im Artilleristenjargon), "Humankapital" und "Bodyleasing" sowie die Abfallmetaphern "Belegschaftsaltlasten", "Personalentsorgung" und "Wohlstandsmüll".

Die jüngste Unwort-Suche war die neunte seit 1991. Diesmal haben sich 1.865 Personen aus allen Bevölkerungsschichten des deutsch-sprachigen Raums, aber auch aus dem weiteren Ausland, mit 1.063 verschiedenen Vorschlägen beteiligt.

Der diesjährigen Jury gehörten an: die Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Albrecht Greule (Regensburg), Frau Prof. Dr. Margot Heinemann (Görlitz-Zittau), Prof. Dr. Rudolf Hoberg (Darmstadt) und Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser (Frankfurt) sowie als kooptierte Mitglieder der Intendant des DeutschlandRadio Ernst Elitz und die Redakteurin der Zeitung "Die Woche" Jutta Voigt.


Nähere Informationen: Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser, Fachbereich Neuere Philologien, Sprechwissenschaftlicher Arbeitsbereich, Telefon 069/798-22275 oder - 23114, Fax: 069/798-28332; E-Mail: schlosser@lingua.uni-frankfurt.de.
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