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St. Gereon in Köln in römischer Zeit

31.01.2000 - (idw) Universität zu Köln

St. Gereon in Köln in römischer und frühmittelalterlicher Zeit
Köln-Preis an Ute Verstegen

Der römische Kernbau von St. Gereon in Köln gehört zu den architektonisch anspruchsvollsten Bau-leistungen der römischen Kaiserzeit in den nordwestlichen Provin-zen des Römi-schen Reiches. Der ungewöhnliche Bauentwurf und seine Bau-geschichte mit Umformungen über eineinhalb Jahrtausende hinweg machen St. Gereon zu einem überaus schwierigen Forschungs-objekt. Der römische Bau mit seinen Veränderungen bis in das 13. Jahrhun-dert ist bisher noch nicht eingehend analysiert worden.

Dieser schwierigen Aufgabe widmet sich Dr. Ute Verstegen in ihrer mit dem Köln-Preis prämierten Dissertation "St. Gereon in Köln in römischer und frühmittel-alterlicher Zeit", die sie unter der Betreuung von Professor Dr. Günther Binding am Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln angefertigt hat. Bei St. Gereon handelt es sich um ein sogenanntes Konchengebäude. Als Konchen bezeichnet man angebaute halbrunde Anräume, die von einer Halb-kuppel überwölbt sind. Gegenstand der Arbeit ist die monografi-sche Bearbeitung dieses Kölner Konchen-gebäudes und seiner umgebenden baulichen Strukturen. Im ersten Teil präsentiert die Autorin eine erstma-lige Zusammenfassung der bisher erschienenen Einzelergebnisse der Forschungen zu St. Gereon und schafft so eine Grundlage für die weitere Forschung. Die Untersuchung umfaßt schwerpunktmäßig den Zeitraum von der Spätantike bis in die karolingische Zeit.

Im zweiten Teil wird die Stellung des Bauensembles im Kontext der spätantiken Architektur sowie der städtebaulichen Situation des römischen Köln bestimmt. Auf dieser Basis wird dann die Frage nach Funktion und Bedeutung des Gebäudekomplexes in der damaligen Zeit untersucht.

Die bautypologische Einordnung des Gebäudes belegt enge Bezüge zu Grab- und Repräsentationsbauten des vierten und des beginnenden fünften Jahrhunderts. Konchengebäude wurden in der römischen Architektur seit dem zweiten Jahrhundert vereinzelt errichtet, erreichten jedoch nie den Verbreitungsgrad der gleichzeitigen, reich mit Nischengliederungen versehenen verwandten Gebäude. Erst im vierten Jahrhundert ist eine zunehmende Verselbständigung von vorher untergeordneten Anräumen zu beobachten. Sie fand unter anderem ihren Ausdruck in der Projektion der Innenraumdisposition auf die Außenbauerscheinung, wofür das Hervortreten der Konchen aus den Umfassungsmauern ein typisches Beispiel bildet. Eine weitere Steigerung der Selbständigkeit dieser Gebäudeteile erfolgte durch ihre eigenständige Durchlichtung, die auch in St. Gereon nachgewiesen ist.

Die Grundform des Ovalbaus steht einzigartig im Umfeld der damaligen Architektur. Sie könnte eine formale Umsetzung von Richtungstendenzen sein, die in spätantiken Zentralbauten vor-herrschten und über formale wie gestalterische Mittel der Aus-stattung und Lichtführung realisiert wurden. Der beobachteten Ausrichtung entlang einer Längsachse wurde auch die Form des Atriums angeglichen. Dies gilt als zusätzlicher Hinweis darauf, daß die beiden Baukörper, Zentralbau und Atrium, bereits als eine bauliche Einheit geplant wurden.

Bezügliche der Funktion des Kölner Bauensembles kann keine der von der Forschung bisher vorgeschlagenen Gebäudenutzungen mit Sicherheit bestätigt werden. Eine Funktion als christliche Märtyrergedenkstätte ist beispielsweise auszuschließen, da die Legende der Soldatenmärtyrer der Thebäischen Legion erst ab dem sechsten Jahrhundert faßbar wird. Auch gibt es keine Hinweise auf eine frühere Verehrung anderer Personen an dieser Stelle. Die auf dem Gereonsgräberfeld gefundenen antiken Militärgrabsteine könnten nachträglich einen lokalen Impuls für die Legendenbildung von thebäischen und maurischen Soldatenheiligen gegeben haben. So war beispielsweise Donatus, dessen aus dem letzten Drittel des vierten Jahrhunderts stammende Grabinschrift im Atrium von St. Gereon gefunden wurde, ein Afrikaner, wie der Namenszusatz "civis Afer" auf seinem Grabstein nahelegt.

Für das Konchengebäude wird eine bautypologische Herkunft aus Bankettsälen der repräsentativen Wohnarchitektur vermutet. Die formale Übernahme stand eventuell in Verbindung mit einer Funktionsähnlichkeit dieser Räume mit den auf den antiken Gräber-feldern gelegenen Memorialbauten und Mausoleen, in denen Grab-bankette zum Totengedächtnis abgehalten wurden.

Eines der wichtigsten Ergebnisse der Arbeit ist die Erkenntnis, daß das spätantike Gebäude mitsamt bedeutender Teile seiner qualitätsvollen Ausstattung offensichtlich bis in das zwölfte Jahrhundert Bestand hatte und sich nicht, wie frühere Forschungen nahelegten, in dieser Zeit als Ruine präsentierte.

Desweiteren zeigt diese Dissertation, daß die fortbestehenden Denkmäler der Spätantike wie das hier untersuchte Kölner Konchen-gebäude einen prägenden Eindruck auf die mittelalterliche Bevölkerung ausüben und dadurch das mittelalterliche Kunst-schaffen beeinflussen konnten.

Verantwortlich: Eva Faresin

Für Rückfragen steht Ihnen Professor Dr. Günther Binding unter der Telefonnummer 0221/470-4440 und der Fax-Nummer 0221/470-6721 zur Verfügung.

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