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Neuer Sonderforschungsbereich am Uniklinikum Tübingen

02.02.2000 - (idw) Universitätsklinikum Tübingen

Erkennen, Handeln, Lokalisieren:
Neurokognitive Mechanismen und ihre Flexibilität

Am 1.1. 2000 hat ein neuer, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderter Sonderforschungsbereich an der Tübinger Universität seine Arbeit aufgenommen. Arbeitsgruppen aus der Zoologie, dem Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik, der Medizinischen Psychologie, der Entwicklungsneurologie, der Neuroradiologie und der Neurologie werden dort zusammenarbei-ten.

Ziel dieses neuen Sonderforschungsbereiches ist es, einen Beitrag zu einem verbesserten Verständnis der Grundlagen "höherer Hirnleistungen" wie Be-wußtsein, Sprache, Gedächtnis, Wahrnehmen, Denken und Handeln, Emotio-nen und Motivationen zu leisten. Die Frage nach den Grundlagen dieser und verwandter "kognitiver" Funktionen ist Gegenstand der kognitiven Neurowis-senschaften, eines jungen, multidisziplinären Fachgebietes mit Wurzeln in hi-storisch eigenständigen Disziplinen wie der Psychologie, der Informatik, der Zoologie, der Neurologie u.a.m.

Als ein Beispiel für die geförderten Projekte wären die Untersuchungen von Prof. Niels Birbaumer (Institut für Med. Psychologie und Verhaltensneurobio-logie) zu nennen: Patienten, die weitgehend oder vollständig gelähmt sind und über keine normalen Wege der sprachlichen oder gestischen Verständigung verfügen, soll eine Ersatzstrategie angeboten werden. Diese basiert auf der nicht-invasiven Ableitung elektrischer Hirnaktivität. Die Patienten werden trai-niert, diese Hirnsignale willentlich zu beeinflussen, was wiederum von einem computerbasierten "Gedankenübersetzungssystem" in Schrift umgesetzt wer-den kann.
Oder das Projekt der Neurologischen Universitätsklinik (Prof. Johannes Dich-gans und Dr. Christian Gerloff), in dem versucht wird zu klären, welche Me-chanismen dazu beitragen, dass nach Schlaganfällen auftretende Sprachstörun-gen, Lähmungen oder Gefühlsstörungen eine teilweise erstaunliche Rückbil-dung erfahren. Hier geht es unter anderem auch darum, ob das Ausmaß der Funktionswiederkehr durch bessere Behandlungsstrategien, z.B. besondere krankengymnastische Übungsprogramme, gefördert werden kann.

Die Beteiligung vieler verschiedener Fachdisziplinen trägt der Tatsache Rech-nung, daß sich kognitive Leistungen nicht in reduktionistischer Weise aus dem Verständnis von Elementarprozessen ableiten lassen, sondern vielmehr die in-teraktive Forschung auf mehreren methodischen Ebenen erfordern. Die kogni-tiven Neurowissenschaften umfassen ein weites Spektrum von Funktionen. In-nerhalb des neuen SFB werden im Sinne einer Schwerpunktsetzung in erster Linie Fragen nach den Grundlagen der Raumwahrnehmung, der Raum- und Objektexploration und der Bedeutung des aktiven Handelns für die Wahrneh-mung bearbeitet.

Eine zentrale Rolle kommt in diesem Zusammenhang auch dem Verständnis der Mechanismen der Flexibilität dieser und anderer kognitiver Leistungen zu. Sie ist die Grundlage dafür, daß kognitive Funktionen zumindest teilweise nach Hirnverletzungen erhalten bleiben können und sich in der Folgezeit noch weiter verbessern können. Ein verbessertes Verständnis der Grundlagen kognitiver Funktionen und ihrer Flexibilität könnte zu verbesserten therapeutischen An-sätzen in der Rehabilitationsmedizin, etwa in Form spezieller krankengymna-stischer Strategien, führen und langfristig den Weg für die Entwicklung von leistungsfähigen Neuroprothesen ebnen helfen.

Ein Nutzen der Arbeit des neuen SFBs ist schließlich auch für die Technik zu erhoffen, die u.U. von der Verwertung von Lösungen, die die Biologie für die Bewältigung komplexer Probleme der Raumwahrnehmung und der Orientie-rung im Raum anzubieten hat, profitieren könnte.

Der SFB 550 umfasst derzeit 18 Teilprojekte, weitere sollen dazukommen. Die Gelder, die zur Verfügung stehen, belaufen sich in der ersten Förderperiode (2000 bis 2002) auf rund 6,7 Mio. Mark. Durch die Förderung werden 9,25 Stellen für wissenschaftliche Angestellte, 10 Stellen für Doktoranden und 3,5 Stellen für technische Assistenten geschaffen.

Ansprechpartner für nähere Informationen:

Universitätsklinikum Tübingen

Sonderforschungsbereichs 550
Prof. Dr. Hans-Peter Thier, Sprecher des Sonderforschungsbereichs 550
Hoppe-Seyler-Str. 3, Tübingen
E-Mail: thier@uni-tuebingen.de
Telefon 0 70 71/29-8 56 62, Fax 0 70 71/29-52 60
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