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Visionen für einen Bahnhof: Erfurter Architekturstudenten planen einen neuen IC-Bahnhof für Jena

07.02.2000 - (idw) Fachhochschule Erfurt

Architektur-Diplomanden der FH Erfurt planten den neuen Hauptbahnhof in Jena/ Thüringen, 18 Entwürfe wurden vorgestellt.


Der Entwurf von David Seidl
Diplomverteidigung: links Diplomand Seidl Das Diplomthema ist für die Studierenden die intensivste, komplexeste Auseinandersetzung mit Architektur am Ende des Studiums. Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten im Entwurf, der Gestaltung, der Konstruktion, Kenntnisse über Wirtschaft, Technologie und Ökologie sind notwendig, um einen Entwurf diplomgerecht zu bearbeiten. Eine Herausforderung an jeden Diplomanden. Visionen werden zur Idee, Tradiertes wird konsequent hinterfragt, Haltung präzisiert und schließlich materialisiert.

18 von insgesamt 45 Diplomanden am Fachbereich Architektur der Erfurter Fachhochschule entschieden sich für das von den Studierenden selbst eingereichte Diplomthema: Hauptbahnhof Jena - Neubau eines zentralen Verkehrsknotenpunktes für die Stadt Jena. Bereits im Juni 1999 war den Studenten Gunter Enderle, Mario Lahn und David Seidl klar, ihr Diplom sollte ein interessantes, innovatives Thema behandeln. Angeregt von den Konzeptionen zur Renaissance der Bahnhöfe und durch die Diskussionen zu geplanten und gebauten Bahnhofsprojekten formulierten sie das Thema eines neuen Hauptbahnhofes für die Region Jena.
Hintergrund ist die besondere zersiedelte Stadtstruktur von Jena mit ihren vier Bahnhöfen (Saalbahnhof, Paradiesbahnhof, Westbahnhof, Bhf. Jena Göschwitz) an zwei Hauptstrecken. Die Holzlandbahn/Strecke: Frankfurt - Dresden und die Saalebahn/Strecke: Berlin - Nürnberg, jede mit eigenem Fernbahnhof, die rund 2 km voneinander entfernt liegen. Ein Umsteigen von der Ost-West-Strecke zur Nord-Süd-Strecke ist nur mit dem städtischen ÖPNV bzw. Taxi möglich, was zeitraubend, unsicher und umständlich ist.

Der Ansatz für das Diplomthema war ein zentraler Verkehrsknotenpunkt im Bereich der Schnittstelle beider Eisenbahntrassen, der zur Bündelung und Verteilung sämtlicher Verkehrsträger der Stadt führt und die getrennten Stadtteile bindet.
Ein Bahnhof für Jena ist nicht vergleichbar mit den Konzeptionen für den Bahnhof Stuttgart 2000, den Neubau des ICE Bahnhofes Frankfurt-Flughafen, den Expo 2000- und Messebahnhof Hannover-Laatzen, den Umbau des Erfurter Hauptbahnhofes oder den bereits abgeschlossenen Umbau des Leipziger Hauptbahnhofes zu einem modernen Shopping- und Kulturcenter. Abgesehen von der nicht vergleichbaren Größenordnung (die Bahn rechnet für Jena mit einem Fahrgastaufkommen von rd. 8000 Fernreisenden und Pendlern pro Tag) steht in Jena eher die Problematik der strukturellen Bindung zwischen den Zentren der Alt- und Neustadt/ Lobeda. Ergänzende kommerzielle und kulturelle Funktionen im Zusammenhang mit einem neuen Hauptbahnhof dürfen nicht zu einer Verödung der vorhandenen Zentren führen.

Angemessene Lösungen waren gefragt, die einem gut funktionierenden Verkehrsknotenpunkt gerecht werden, genügend Offenheit für zukünftige, sich entwickelnde Funktionen bieten, hohe Gestalt- und Gebrauchswerteigenschaften mit Merkzeichencharakter besitzen sowie wirtschaftliche und energetische Aspekte innovativ behandeln. Eine überaus komplexe Aufgabe, zumal der Standort eine grobe Definition der städtebaulichen Struktur und Verkehrserschließung erforderte.

Die Diplomanden entwickelten Visionen und beantworteten auf recht unterschiedliche Weise das Thema eines mittelstädtischen Bahnhofes. Bemerkenswerte Konzepte und Modifikationen des Bautyps Bahnhof wurden in den Diplomkolloquien vorgestellt:
u.a. der Bahnhof
- als "Brücke" zwischen Altstadt , Neustadt und Saaleaue
- als "1. Schicht" und auslösendes Element einer künftigen infrastrukturellen Entwicklung
- als Element der funktionell räumlichen Verzahnung mit dem Stadtraum
- ein Symbol für Geschwindigkeit und Dynamik
- eine Architektur der Identität mit Merkzeichencharakter

- das Bahnhofsgebäude als erschließende "Röhre"
- insbesondere das Bahnhofsdach als sog. "fünfte Fassade" mit raffinierter, filigraner Konstruktion
- ein öffentlicher Ort mit optimierten Service- und Dienstleistungsfunktionen,
weniger Verkaufs- und Vermarktungsfunktionen

Interessant und anregend sind die Bahnhofsentwürfe, die auch durch ihre handwerklich perfekten Modelle im Maßstab 1:200 bestechen. 3 Monate Arbeit investierten die jungen Architekten in ein Thema, das stark exemplarische Züge trägt und dessen gesellschaftliche ökologische und volkswirtschaftliche Brisanz auf Umsetzung drängt.

Prof. Dr. Birgitt Zimmermann
FH Erfurt
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