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Fakultät Maschinenbau ehrt Technikwissenschaftler Spur

07.02.2000 - (idw) Universität Dortmund

Der Ingenieur und Produktionstechniker Günter Spur ist ein bedeutender Technikwissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Sein Lebenslauf dokumentiert die Stationen eines überaus erfolgreichen und national wie international hoch angesehenen Wirkens, das durch fachliche Breite, Exzellenz und sehr große Schaffenskraft beeindruckt. Heute (07.02.2000) wird ihm an der Universität Dortmund von der Fakultät Maschinenbau die Ehrendoktorwürde verliehen.


Ehrendoktor der Universität Dortmund: Günter Spur Die Fakultät Maschinenbau hatte die Ehrenpromotion am 17.11.1999 beschlossen und der Senat der Universität hat am 9.12.1999 zugestimmt, um damit eine herausragende Persönlichkeit für ihre besonderen Leistungen in Wissenschaft und Forschung auszuzeichnen.

Die Laudatio wird Dekan Prof. Dr.-Ing Matthias Kleiner halten. Zum Festvortrag ist Prof. Dr.h.c. Dr.-Ing.E.h. Dr.-Ing. Joachim Milberg, der Vorsitzende des Vorstandes der BMW AG eingeladen.

Ausgangspunkt Praxis

Günter Spur wurde am 28. Oktober 1928 in Braunschweig geboren und studierte dort von 1948 bis 1954 an der Technischen Hochschule Braunschweig Maschinenbau mit der Fachrichtung Fertigungstechnik. Er ging nach dem Studienabschluss zu der renommierten Werkzeugmaschinenfabrik Gildemeister & Comp. in Bielefeld. Nach zwei ersten Jahren der Industriepraxis als Konstrukteur wechselte er 1956 an die Technische Hochschule Braunschweig zurück - als wissenschaftlicher Assistent und später als Oberingenieur bei seinem akademischen Lehrer Prof. Pahlitzsch, dem langjährigen Direktor des Instituts für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik. Dabei entstand 1960 die Dissertation "Beitrag zur Schnittkraftmessung beim Bohren mit Spiralbohrern unter Berücksichtigung der Radialkräfte".

1962 nahm Günter Spur wieder bei Gildemeister & Comp. in Bielefeld die Position des Konstruktionsleiters und später des Konstruktionsdirektors an. Zahlreiche wichtige technische Entwicklungen im Bereich der Drehmaschinen entstanden in dieser Zeit und sind mit den ersten von insgesamt 20 Patenten belegt.

Auf Spuren von Georg Schlesinger

Mit knapp 37 Jahren wurde Günter Spur 1965 auf den traditionsreichen Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik der Technischen Universität Berlin berufen, der 1904 als Wiege der modernen Betriebswissenschaft von Georg Schlesinger (1874 - 1949) gegründet worden war.

Das Leben, Wirken und Schicksal Schlesingers, der als Jude 1933 von den Nationalsozialisten aus dem Amt vertrieben wurde, hat Günter Spur stark beeinflusst und wurde von ihm im Rahmen seiner Forschungsarbeiten zur Geschichte der Produktionstechnik in den vergangenen Jahren u.a. in einem DFG-Forschungsvorhaben intensiv wissenschaftlich aufgearbeitet. Unter anderem war Günter Spur Initiator für die Stiftung eines internationalen Georg-Schlesinger-Preises durch das Land Berlin, der seit 1980 in Verbindung mit einem bedeutenden Fachkolloquium regelmäßig verliehen wird.
Leitung des "Doppelinstituts"

Von seiner Berufung 1965 bis zu seiner Emeritierung 1997 entwickelte und etablierte Günter Spur aus dem Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik das weltweit auch als "Doppelinstitut" bekannte Produktionstechnische Zentrum der TU Berlin mit dem universitären Institut für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb sowie dem Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik. Aus dieser "Berliner Schule" der Produktionswissenschaft sind in der Ära Spur eine große Zahl von Universitätsprofessoren und Professoren an Fachhochschulen erwachsen.

Die große Bandbreite der wissenschaftlichen Arbeiten von Günter Spur, der in den 80-er Jahren als "Vater der Fabrik der Zukunft" tituliert wurde, wird nicht nur durch eine Vielzahl von wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Vorträgen und Herausgeberschaften dokumentiert. Sie wird insbesondere deutlich, wenn man die von 1970 bis 1998 entstandenen wichtigen Monographien betrachtet: "Mehrspindel-Drehautomaten" (1970), "Optimierung des Fertigungssystems Werkzeugmaschine" (1972), "Produktionstechnik im Wandel" (1979), "Industrieroboter" (1979), "CAD-Technik" (1984), "Keramikbearbeitung" (1989), "Vom Wandel der industriellen Welt durch Werkzeugmaschinen" (1991), "Fabrikbetrieb" (1994), "Die Genauigkeit von Maschinen" (1996), "Das virtuelle Produkt", (1997), "Technologie-Management" (1998). Diese Monographien wurden genauso zu Standardwerken wie der legendäre "Spur / Stöferle": das von Günter Spur herausgegebene "Handbuch der Fertigungstechnik".

Interdisziplinäre und integrierende Forschung

Günter Spur war Sprecher der Sonderforschungsbereiche "Produktionstechnik und Automatisierung" (1973 - 1984), und "Rechnerunterstützte Konstruktionsmodelle im Maschinenwesen" (1982 - 1992) an der TU Berlin und hat damit wesentliche Impulse für die wissenschaftliche Zusammenarbeit aller am Fabrikbetrieb beteiligten Disziplinen und besonders für die Integration der Bereiche Konstruktion und Fertigung gegeben.

Die Ausrichtung von renommierten wissenschaftlichen Tagungen, Kolloquien und Kongressen, die aktive Mitgliedschaft in Gremien und Akademien im In- und Ausland, die Gründung der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus: dies sind einige weitere Kennzeichen des wissenschaftlichen Lebenswerkes von Günter Spur.

Der neue Ehrendoktor der Universität Dortmund widmet sich heute unvermindert mit Engagement und Visionskraft insbesondere im Rahmen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und als Vorsitzender des "Konvents für Technikwissenschaften in der Konferenz Deutscher Akademien" den Fragen der Zukunft der Produktion und der Produktionswissenschaften sowie der Weiterentwicklung von Technikgeschichte und Technikphilosophie.

Günter Spur hat sich mit seinem wissenschaftlichen Wirken national und international große Anerkennung erworben und zahlreiche bedeutende Ehrungen erfahren. Dazu zählen unter anderem Ehrendoktorate in Leuven, Chemnitz, Prag, Moskau, Peking und Cottbus, Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Berlin, die Grashof-Denkmünze des VDI, hohe Ehrungen der produktionstechnischen Gesellschaften der USA und die Ehrenmitgliedschaft der renommierten "CIRP International Institution of Production Engineering Research", deren Präsident er von 1977 bis 1978 war.

Ratgeber für die Universität Dortmund

Die Dortmunder Maschinenbau-Fakultät wird seit ihrer Gründung von Günter Spur Rat gebend und hilfreich intensiv begleitet. Bereits vom Gründungsdekan Professor Lindner wurde er in Gespräche zur Konzeption und Profilierung der Fakultät eingebunden. Spur hat an verschiedenen Berufungsverfahren mitgewirkt und insbesondere die produktionstechnische Ausrichtung der Fakultät Maschinenbau mitgeprägt.

Dabei ist nach Günter Spur die Leitlinie einer weiterentwickelten neuen Produktionstechnik sehr viel weniger als früher die Mechanik, sondern vielmehr das Zusammenwirken unterschiedlicher, vor allem neuer Technologien. Fortschritte der Produktionstechnik entstehen an den Schnittstellen der Fertigungstechnik und Werkstofftechnik zur Informationstechnik, Elektrotechnik, Mikroelektronik, Verfahrenstechnik, Bautechnik sowie zur Biotechnik und in der Vernetzung dieser Technologiefelder.

Die weltmarktorientierte Erneuerung einer so definierten Produktionstechnik trägt zu Lösungen gesamtgesellschaftlicher Probleme bei. Sie muss die Probleme des Arbeitsmarktes und des Verkehrs genau so berücksichtigen wie die der Verschwendung von Ressourcen. Die neue Produktionstechnik zielt auf eine ressourcensparende Verbesserung der Mobilität und auf die Umweltschonung, auf eine Optimierung der Versorgung mit dem Produktionsfaktor Information sowie auf den Schutz der Gesundheit des Menschen. Die durch die Visionen und wissenschaftlichen Arbeiten von Günter Spur stark beeinflusste Dortmunder Produktionstechnik orientiert sich so an den Leitbildern der zukünftigen industriellen Welt und wird sich mit Ideen und Erkenntnissen an ihrer Erneuerung beteiligen.

Daher ist in Würdigung der außerordentlich großen Verdienste von Günter Spur um die Technikwissenschaften und um die Entwicklung der Fakultät Maschinenbau der Universität Dortmund die Verleihung der Ehrendoktorwürde eine angemessene Auszeichnung, die von dem zu Ehrenden gleichzeitig auf die ehrende Fakultät und Universität ausstrahlt.

(MK)
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