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Verhütung von Krankenhaus-Infektionen:Intensivstationen unter der Lupe

07.02.2000 - (idw) Universitätsklinikum Benjamin Franklin

Mediendienst Nr. 65 - Aus der Forschung - 7. Februar 2000

Erstes deutsches Projekt zur Unterscheidung zwischen vermeidbaren und "schicksalhaften" nosokomialen Krankheiten

Im Bundesdurchschnitt erkranken etwa 500.000 bis 800.000 Menschen während ihres Krankenhausaufenthaltes an einer Infektion meist durch Bakterien, aber auch durch Viren oder Pilze. Die häufigsten Erkrankungen betreffen die Harnwege, die Lunge, Operationswunden oder das Blut (Sepsis).
Seit Oktober 1999 leiten Prof. Dr. Henning Rüden und Privatdozentin Dr. Petra Gastmeier, Institut für Hygiene des Fachbereichs Humanmedizin der Freien Universität Berlin / Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF) ein Projekt zum Aufbau eines Infektionsepidemiologischen Netzwerkes unter dem Titel: Ausbreitung nosokomialer Infektionen und multiresistenter Erreger im Bereich der Intensivtherapie. Mit dieser Untersuchung beschreiten die FU-Mediziner Neuland in zweifacher Hinsicht:
* Zum ersten Mal werden Krankenhausinfektionen entsprechend ihrer Herkunft analysiert: Endogene Infektionen, bei denen der Patient die Erreger bereits vor dem Krankenhausaufenthalt in sich trug, sind kaum zu vermeiden. Dagegen können exogene Infektionen, die von Materialien und medizinischem Personal übertragen werden, verhindert werden.
* Hieraus ergibt sich auch ein für Europa neuer Ansatz der Infektionsprävention. Bisher wurde mit hohem materiellem und technischem Aufwand versucht, in den Risikobereichen der Krankenhäuser eine keimfreie Atmosphäre zu schaffen. Nun sollen vermeidbare Risiken anhand exakter Daten identifiziert und daraus gezielte vorbeugende Maßnahmen abgeleitet werden. Es überrascht nicht, dass ein Teil der Mediziner erst von der Notwendigkeit des Umdenkens überzeugt werden muss.
An dem Projekt sind auch das Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene und das Institut für Biometrie (beide Universität Freiburg), die Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin (Universität Tübingen, das Mikrobiologische Institut der Charité sowie das Robert Koch-Institut beteiligt.
Die Studie wurde auf Intensivtherapiestationen konzentriert, da sie ein Risikoschwerpunkt für die nosokomialen Infektionen sind. Diagnostik und Therapie sind hier überwiegend mit Eingriffen, also invasiven Methoden verbunden, bei denen Krankheitserreger übertragen werden können. Ein Viertel aller nosokomialen Infektionen tritt in diesem Bereich auf. Im übrigen bedeutet dies auch erhebliche Kosten für das Gesundheitswesen, die zu großen Teilen vermeidbar wären.
Zwei sehr ernst zu nehmende Entwicklungen erhöhen das Infektionsrisiko: Zum einen nimmt das Durchschnittsalter der Patienten und damit die allgemeine Anfälligkeit zu; im Zusammenhang damit steigt die Zahl von Patienten, die durch sehr aufwendige Behandlungen ein geschwächtes Immunsystem haben. Zum anderen steigt auch die Zahl der antibiotikaresistenten Bakterien, die gleich auf mehrere Medikamente nicht mehr ansprechen (Multiresistenz).
Um hier weitere Verbesserungen zu erzielen, wird unter Federführung der FU-Mediziner das Infektionsepidemiologisches Netzwerk aufgebaut. Ziel ist es, mit verschiedenen epidemiologischen Methoden die Übertragungshäufigkeit vermeidbarer nosokomialer Infektionen und multiresistenter Erreger zu ermitteln. Dafür haben die Wissenschaftler vier Schritte vorgesehen:
1. Zunächst wird KISS, das seit 1997 in Deutschland bestehende Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System daraufhin überprüft, welche der dort gesammelten Informationen für das jetzige Projekt verwendbar sind. An dieser fortlaufenden systematischen Sammlung, Analyse und Interpretation von Gesundheitsdaten einschließlich Infektionsraten (Surveillance) sind mittlerweile 120 Intensivstationen beteiligt. Auf den KISS-Daten zu den häufigsten Infektionen aus rund 400.000 Patiententagen und der Analyse durch das Nationale Referenzzentrum für Krankenhaushygiene (Institut für Hygiene, FU Berlin) basiert das nun begonnene Projekt.
2. Es wird ein spezielles Surveillance-System für multiresistente Erreger entwickelt. Dabei werden die Entstehungsbedingungen (etwa nicht notwendiger Antibiotikaeinsatz) und die Übertragung (etwa hygienische Probleme) beachtet.
3. Die acht wichtigsten Erreger werden genetisch und molekularbiologisch analysiert und eingeteilt. Der Anteil und die ökonomischen Konsequenzen der durch exogene Übertragung verursachten Krankenhausinfektionen werden ermittelt. Außerdem wird ein Modell zur Infektionsausbreitung auf Intensivstationen erstellt.
4. Ausbrüche nosokomialer Infektionen und spezielle Häufungen multiresistenter Erreger werden untersucht und Risikofaktoren identifiziert.
Die Laufzeit für die erste, vierteilige (s.o.) Projektphase beträgt drei Jahre. Am Infektionsepidemiologischen Netzwerk werden Mediziner aus rund einhundert Krankenhäusern beteiligt sein, die bereits beim KISS mitarbeiten, ferner das Robert Koch-Institut, die Charité sowie die Universitäten Freiburg, Tübingen und Nottingham. Es ist eines von drei infektiologischen Netzwerken des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), die per Ausschreibung vergeben und national sowie international begutachtet wurden.
Mit diesem Projekt wird eine wissenschaftliche Methode etabliert, die auf dem erwiesenen (evidence based) klinischen Nutzen für Patienten basiert. Nach Abschluss der ersten Projektphase - so hoffen die Koordinatoren - kann die gezieltere Verhinderung von im Krankenhaus erworbenen Infektionen möglichst in allen deutschen Kliniken umgesetzt werden.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Henning Rüden, PD Dr. Petra Gastmeier
Institut für Hygiene
Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF) Hindenburgdamm 30, 12200 Berlin
Tel.: (030) 8445-3680; Fax: -4486
E-Mail: hygfub@zedat.fu-berlin.de
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