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Homo erectus bilzingslebensis: Faszinierendes Bild einer urmenschlichen Kultur

08.02.2000 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Seit 30 Jahren erforscht ein Team um den Jenaer Archäologen und Geologen Prof. Dr. Dietrich Mania eine rund 370.000 Jahre alte, frühmenschliche Siedlungsstätte in der Nähe von Bilzingsleben (Nordthüringen). Nun gibt es einen bemerkenswerten Neufund, einen hominiden Unterkiefer, der an diesem Donnerstag, dem 10. Februar, um 10.30 Uhr in Jena (Uni-Hauptgebäude, Senatssaal, 1. OG) der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorgestellt wird.


Der neu gefundene Unterkiefer von Bilzingsleben gehörte vermutlich einem jungen Homo erectus. "Eindeutig erectus!" Behutsam dreht Prof. Dr. Dietrich Mania die Schädelrekonstruktion eines "Bilzingsleben-Individuums" in seiner rechten Hand und weist mit dem linken Zeigefinger auf Stirnbein, Schläfenbein und Hinterhauptknochen. "Wir haben die Schädeltrümmer eines der beiden Individuen über der Kalotte des Homo erectus aus der kenianischen Olduvai-Schlucht zusammengesetzt", erklärt er. "Die zahlreicheren Stücke des zweiten ließen eine eigene Rekonstruktion zu und ergaben klar denselben Typus des Homo erectus, auch vergleichbar mit Sinanthropus pekinensis."

Insgesamt 28 frühmenschliche Schädelfragmente und acht Zähne hat der 61-jährige, der als Archäologe und Geologe der Jenaer Universität angehört, in den letzten 30 Jahren aus einem Travertinsteinbruch bei Bilzingsleben (Kreis Sömmerda) geborgen. Auf dem Tisch liegt der Abguss seiner neuesten Trouvaille: ein rechter Unterkieferast, der vermutlich einem dritten, noch jungen Individuum gehörte. Für das Original stellt der Paläoanthropologie-Professor Emanuel Vlicek, Manias Prager Kollege, gerade ein anatomisches Gutachten. Am 10. Februar wird der Neufund der Fachöffentlichkeit präsentiert.

Nicht unumstritten ist in der internationalen ,scientific community' die Einordnung der Funde. Manche Wissenschaftler bezweifeln trotz der an sich schlüssigen Argumente die Taxonomie des deutsch-tschechischen Gespanns; sie sehen im "Bilzingslebensis" eher eine kulturlose Frühform des erectus oder des Neandertalers. Eindeutige Belege hingegen gibt es für die Datierung der Knochen auf einen Zeitraum zwischen 350.000 und 400.000 Jahre vor heute. Das lässt sich aus den geologischen Verhältnissen und typischen Fossilien schließen, die Mania in denselben Sedimenten fand; auch die 234U/230Th-Radioisotop-Methode, die Zerfallsprodukte von Uran- und Thorium-Bestandteilen untersucht, verweist auf das Mittelpleistozän und die vorletzte Zwischeneiszeit in Europa.

Ohnehin wird die Bilzingslebener Fundstelle nicht allein wegen der hominiden Knochenfragmente weltweit als bedeutsam eingestuft; vollständige ältere und jüngere Schädelkalotten fand man auch anderswo in Deutschland, nicht zuletzt in Ehringsdorf bei Weimar. Die anthropologische Zunft begeistert vielmehr der weitgehend rekonstruierbare Kontext dieser ungewöhnlich komplexen Fundstelle, aus der Dietrich Mania und sein Team peu à peu eine ganze urmenschliche Siedlungsstätte ans Tageslicht förderten. Zahllose Tierknochen, Werkzeuge aus Stein, Knochen und Holz - über sechs Tonnen Material insgesamt - sowie eine erkennbare Lagerinfrastruktur mit Feuerstellen und Werkplätzen haben die Forscher schon aus dem Staub der Äonen freigelegt. Es entsteht das Bild eines in sozialer Gemeinschaft lebenden und kulturfähigen Wesens, dessen Intelligenzpotenziale offenbar an die unsrigen heranreichen.

Die Wissenschaft von der Anthropogenese, der Menschwerdung des Menschen, hat in den letzten zehn Jahre erhebliche Fortschritte gemacht. Hielt man Homo erectus, die älteste von drei be-kannten prähistorischen Menschenarten neben dem Neandertaler und unserem Vorvater, dem Homo sapiens, lange Zeit bloß für einen tumben Ahnen, so unterstellen ihm die Forscher inzwischen guten Gewissens beachtliche Fähigkeiten. Etwa vor einer Million Jahren - die frühesten Existenzbelege aus der kenianischen Olduvai-Schlucht datieren auf 1,8 Millionen Jahre - hat er sich von Afrika aus auf den Weg gemacht, wanderte auf den eurasischen Kontinent ein und drang über Java bis nach Australien vor. - Eine Distanz, die sich allein mit dem in der Evolution üblichen "Inselsprung" nicht überwinden lässt. Ganz offensichtlich konnten diese Hominiden Boote oder Flöße bauen und damit auf hoher See navigieren. Das bedeutet wiederum, dass sie zur sprachlichen Verständigung untereinander fähig waren.

Das Bild vom primitiven Jäger und Sammler trifft auch für den nordthüringischen Urmenschen nicht zu. Aus seinen Funden interpretiert Dietrich Mania ein florierendes Lagerleben der "wilden Horde von Bilzingsleben", das manch heutigen Pfadfinder-Jüngling zu abenteuerlichsten Phantasien anregen dürfte. So fand der Jenaer Professor drei kreisrunde Hüttenplätze mit vorgelagerten Feuerstellen; erstere sind eine - gut nachvollziehbare - Deutung, letztere aufgrund kalzinierter verkohlter Holzreste und brandrissiger Steine belegt. Damit hätten wir es mit einer Sippe von etwa 20-30 Individuen zu tun, die offenbar über rund 25 Jahre hinweg die Hominiden-Siedlung bewohnte.

Diese Frist errechnet Mania aus den faunistischen Knochenfunden, rund 1000 erjagte Tiere - vom Biber bis zum Elefanten - hat die Sippe verspeist. 27% davon sind Nashörner, 18% Hirsche und 16% Biber, ein klares Indiz für eine Absichtsjagd. Ein tonnenschweres und beileibe nicht ungefährliches Rhinozeros konnte aber ein einzelner Jäger kaum allein erbeuten. Sondern die Bilzingslebener Urmenschen müssen strategisch koordinierte Jagdgesellschaften gebildet und recht wirksame Waffen benutzt haben: zum Beispiel ballistische Speere, wie sie Manias Kollege Dr. Hartmut Thieme vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege in einem Tagebau bei Schöningen freilegte.

Mania vermutet, dass seine Homo erectus-Sippe erlegte Nashörner und Elefanten nicht vollständig verzehrt hat. Zwar kennt man die meisten archaischen Gesellschaften unserer Tage als hochgradige Nahrungsverwerter, vollständige Tierskelette sind in Bilzingsleben jedoch rar - vielleicht ein Transport- oder Konservierungsproblem. Dafür verfügten die prähistorischen Einwohner Thüringens über sehr taugliche Werkzeuge, mit denen sie die großen stabilen Röhrenknochen aufknackten, um an das Mark mit seinen lebenswichtigen Nährstoffen zu gelangen.

Ein ganzes Arsenal großer, sehr zweckdienlich bearbeiteter Instrumente haben die Jenaer Forscher inzwischen geborgen und archiviert; weitere sind so klein und scharf, dass sie sicher anderen Zwecken dienten, zum Beispiel um Tierhäute zu durchstechen und mit präparierten Pflanzenfasern "zusammenzunähen". Außerdem fanden sich regelrechte Ambosse und Schlagsteine aus sehr harten Quarzgeröllen, mit denen man selbst Feuersteine bearbeiten kann.

Schließlich das Stichwort "Metaphysik". Dietrich Mania ist davon überzeugt, dass auf einem merkwürdigen, weil abfallbereinigten und künstlich gepflasterten Freiplatz rituelle Handlungen vollzogen wurden. Vielleicht verspeiste die Gruppe hier auch die Köpfe Verstorbener, deren Überreste der Wissenschaftler fand. "Es fällt auf, dass es von der Bilzingslebener erectus-Lagerstätte keine postkranialen menschlichen Skelettreste gibt", erläutert er, "offensichtlich sind nur die Köpfe Verstorbener, vom Körper getrennt, dorthin transportiert worden." Das erklärende Fachwort heißt Patrophagie; auch von primitiven Gesellschaftsformen der Neuzeit ist der Brauch bekannt, die Gehirne Verstorbener in dem Glauben zu essen, dessen gute Eigenschaften würden sich so auf die Nachgeborenen übertragen.

Vieles wird sicher ein Rätsel bleiben. Zum Beispiel ein bearbeitetes Knochenstück mit drei Staffeln paralleler Striche, vielleicht ein prähistorischer Mondkalender. Mania meint vorsichtig: "Wohl handelt es sich um die sehr frühe Notierung eines menschlichen Gedankens." Vermutlich werden wir es nie erfahren, aber eine Erkenntnis ist mit Händen zu greifen: Die kulturelle Evolution des prähistorischen Menschen besitzt offensichtlich weitaus größere Bedeutung als seine morphologische.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Dietrich Mania
Forschungsstelle Bilzingsleben der Universität Jena
Tel.: 03641/616469
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