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Religiöse Orientierungen und Erziehungsvorstellungen von türkischen Lehramtsstudentinnen

23.02.2000 - (idw) Universität Augsburg

Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien geht an Yasemin Karakasoglu-Aydin (Essen)

Der Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien geht in diesem Jahr an Yasemin Karakasoglu-Aydin. Ihre 1999 am Fachbereich Erziehungswissenschaft, Psychologie und Sport der Universität GH Essen vorgelegte Dissertation "Religiöse Orientierungen und Erziehungsvorstellungen. Eine empirische Untersuchung an türkischen Lehramts- und Pädagogik-Studentinnen im Ruhrgebiet" wurde von der Jury am 9. Februar 1999 aus insgesamt zwanzig eingegangenen Bewerbungen ausgewählt. Im feierlichen Rahmen des Goldenen Saals des Augsburger Rathauses wird Karakasoglu-Aydin den Preis am 10. Mai 2000 in Empfang nehmen. Die Festveranstaltung beginnt um 19 Uhr und wird begleitet von einer Lesung Reiner Kunzes. Der Lyriker stellt speziell für diesen Abend im Oberen Fletz des Rathauses auch eine Fotoausstellung mit dem Titel "Den andern in die Augen blicken" zusammen. Sie zeigt Originalaufnahmen zu seinem Buch "Steine und Lieder"sowie unveröffentlichte Portraitfotos aus der namibischen Buschsavanne.

Nach Leistung statt nach Kopftuch

Zur Bewerbung um den vom Forum Interkulturelles Leben und Lernen in Zusammenarbeit mit der Universität und der Stadt Augsburg alljährlich ausgeschriebenen und mit DM 10.000,- dotierten Wissenschaftspreis sind Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aller deutschen Universitäten aufgerufen, deren Studien einen substantiellen Beitrag zum Generalthema "Interkulturelle Wirklichkeit in Deutschland: Fragen und Antworten auf dem Weg zur offenen Gesellschaft" zu leisten vermögen. Der Beitrag, den Yasemin Karakasoglu-Aydin mit ihrer Doktorarbeit zu diesem Thema geleistet hat, erfüllt dieses Kriterium nach Auffassung der Jury in hohem Maße. Die Autorin, so der Jury-Vorsitzende Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Wolfgang Frühwald, "räumt mit dem Vorurteil auf, dass es genüge, türkisch-muslimische Frauen einzuteilen in solche, die ein Kopftuch tragen, und in solche, die kein Kopftuch tragen. Die hoch differenzierten religiösen Einstellungen dieser jungen Frauen - erstmals werden Alevitinnen und Sunnitinnen in die Untersuchung einbezogen -, belegen, dass die Entwicklung einer islamisch definierten Moderne in Deutschland bisher kaum beachtet wurde. Interkulturelle Pädagogik kann demnach auch dort von Vorurteilen geprägt sein, wo sie sich bisher davon frei wusste, und Religiosität kann nicht mit Konservatismus gleichgesetzt werden." Für die von Yasemin Karakasoglu-Aydin repräsentativ befragten jungen Frauen, so Frühwald weiter, bedeute Integration, "dass sie gesellschaftlich in dem anerkannt werden wollen, was sie als ihr 'Eigenes' begreifen, dass sie nach ihrer Leistung, nicht nach ihrer Kleidung zu beurteilen sind." Selbst bei sogenannten "Ritualistinnen" werde deutlich, "dass die religiöse Erziehung der eigenen Kinder nicht in Widerspruch steht zu ihren weiteren Erziehungsidealen der Selbstbestimmung, der Mündigkeit und der Toleranz".

Die Preisträgerin

Yasemin Karakasoglu-Aydin, 1965 in Wilhelmshaven geboren und im Besitz sowohl der deutschen wie der türkischen Staatsangehörigkeit, ist zweisprachig, bikulturell und in einer Familie mit zwei religiösen Bekenntnissen aufgewachsen. 1984/85 nahm sie an der Universität Hamburg das Studium der Turkologie mit den Nebenfächern Politikwissenschaft und Neuere Deutsche Literatur auf. Einen Teil ihres Studiums absolvierte sie an der Fakultät für Türkische Sprache und Literatur der Hacettepe Universität in Ankara. Das Thema ihrer Magisterarbeit war "Die Multiperspektive als Form der kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte, Zeit und Identität im türkischen Gegenwartsroman am Beispiel des Romans 'Sessiz ev' von Orhan Pamuk". Im Laufe ihres 1991 mit dem Magisterexamen abgeschlossenen Studiums war Yasemin Karakasoglu-Aydin u. a. ehrenamtliche Mitarbeiterin bei "Terre des Hommes" und Leiterin von Deutsch- und Alphabetisierungskursen für Migrantinnen bei verschiedenen staatlichen und kirchlichen Trägern; sie arbeitete darüber hinaus in der Islam-Abteilung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe und als Wirtschaftsübersetzerin für Deutsch-Türkisch/Türkisch-Deutsch. Nach dem Studium war sie bis 1995 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Türkeistudien in Essen, parallel dazu zeitweise Dozentin am Arbeitsbereich Turkologie der Universität Hamburg. 1995 übernahm sie die Leitung der Abteilung "Soziokulturelle Fragen" am Zentrum für Türkeistudien, ein Jahr später wechselte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Arbeitsbereich Interkulturelle Pädagogik des Fachbereichs 2 der Universität GH Essen. Hier promovierte sie im vorigen Jahr und befasst sich seither als wissenschaftliche Assistentin insbesondere mit Aspekten des Islams und des muslimischen Alltags in der Bundesrepublik, mit der Geschichte, der Entwicklung und den Aktivitäten der türkisch-islamischen Organisationen in Deutschland, sowie mit der Lebenssituation und -orientierung von Migrantinnen und insbesondere von Studentinnen und Studenten türkischer Herkunft.

Neben Yasemin Karakasoglu-Aydins Dissertation lagen der Augsburger Jury in diesem Jahr 19 weitere Bewerbungen von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus Augsburg, Berlin, Bielefeld, Bochum, Dresden, Frankfurt am Main, Freiburg, Jena, Leipzig, Mannheim, München, Oldenburg und Witten-Herdecke vor. Der Augsburger Wissenschaftspreis, der in diesem Jahr zum dritten Mal vergeben wird, ging 1998 an den Bamberger Politikwissenschaftler Alfredo Märker für seine Diplomarbeit zum Thema "Zuwanderung in die Bundesrepublik: Universalistische und Partikularistische Gerechtigkeitsaspekte", 1999 erhielt ihn die Frankfurter Soziologin Dr. Encarnación Gutiérrez Rodriguez für ihre Dissertation mit dem Titel "Jongleurinnen und Seiltänzerinnen - Dekonstruktive Analyse von Ethnisierung und Vergeschlechtlichung".

Bewerbungsfrist für 2001 endet am 30. September 2000

Die Bewerbungsfrist für den Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2001 läuft noch bis zum 30. September 2000. Eingereicht werden können wissenschaftliche Arbeiten, insbesondere Magister-, Staatsexamens- und Diplomarbeiten sowie Dissertationen und Habilitationsschriften, die nicht früher als zwei Jahre vor dem Bewerbungsschluss an einer deutschen Universität abgeschlossen und vorgelegt wurden. Bewerbungen sind mit zwei Exemplaren der Studie, einer ca. 10seitigen Zusammenfassung der Studie, mindestens einem Gutachten eines Professors/einer Professorin und einem Lebenslauf über die jeweilige Universitätsleitung an das Rektoramt der Universität Augsburg, Universitätsstraße 2, 86159 Augsburg, zu richten.

Über die Vergabe des Preises entscheidet eine Jury, der unter dem Vorsitz des Münchner Germanisten, ehemaligen DFG-Präsidenten und amtierenden Präsidenten der Alexander von Humboldt-Stiftung Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Wolfgang Frühwald und neben dem FILL-Vorsitzenden und Preisstifter Helmut Hartmann folgende Persönlichkeiten angehören: Prof. Dr. Dr. h. c. Josef Becker, emeritierter Ordinarius für Neuere und Neueste Geschichte und Alt-Präsident der Universität Augsburg; Priv. Doz. Dr. Carmine Chiellino, deutschsprachiger italienischer Schriftsteller und Privatdozent für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Augsburg; Prof. Dr. Dr. h. c. Friedrich G. Friedmann, emeritierter Ordinarius für Nordamerikanische Kulturgeschichte der Universität München und Ehrenbürger der Universität Augsburg; Dr. P. Emeran Kränkl, Abt der Benediktinerabtei St. Stephan in Augsburg; Oberkirchenrat Dr. Ernst Öffner; Margarete Rohrhirsch-Schmid, Bürgermeisterin der Stadt Augsburg; Dr. Sabine Tamm, Leiterin des Akademischen Auslandsamtes der Universität Augsburg; Prof. Dr. Peter Waldmann, Ordinarius für Soziologie und stellvertretender Direktor des Instituts für Spanien- und Lateinamerikastudien der Universität Augsburg.

Kontakt und weitere Informationen:

Universität Augsburg, Pressestelle, 86135 Augsburg, Telefon 0821/598-2096, Telefax 0821/598-5288, e-mail: klaus.prem@presse.uni-augsburg.de * Informationen über das "Forum Interkulturelles Leben und Lernen e. V." (FILL) unter http://www.fill.de

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