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Auch Menschen mit Demenz haben Anspruch auf Würde und Lebensqualität

02.09.2002 - (idw) Kuratorium Deutsche Altershilfe - Wilhelmine Lübke Stiftung e. V.

Die wachsende Zahl von Menschen, die an demenziellen Erkrankungen, wie zum Beispiel der Alzheimerschen Krankheit, leiden, zwingt die Altenpflege, neue Wege einzuschlagen. Hierüber berichtet die soeben erschienene Ausgabe 3/2002 von PRO ALTER, dem Fachmagazin des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA).

(KDA) Köln 2.9.2002 - Die wachsende Zahl von Menschen, die an demenziellen Erkrankungen, wie zum Beispiel der Alzheimerschen Krankheit, leiden, zwingt die Altenpflege, neue Wege einzuschlagen. Hierüber berichtet die soeben erschienene Ausgabe 3/2002 von PRO ALTER, dem Fachmagazin des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA).
Darin werden Möglichkeiten aufgezeigt, die weit reichende Veränderungen für Menschen mit Demenz erwirken können. Sie zeigen auf, wie (professionell) Pflegende die ihnen anvertrauten Menschen begleiten können.

So berichtet PRO ALTER beispielsweise über die ersten Ergebnisse der Anwendung von "Dementia Care Mapping (DCM)" in zwei vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Modellprojekten. Mit dem in England entwickelten Messverfahren kann man das Wohlbefinden von demenziell erkrankten Menschen ermitteln. "DCM" stelle, heißt es in PRO ALTER, einen Lösungsansatz für ein lange Zeit schier unlösbares Problem in der Pflege dar: Wie kann man erkennen, ob sich Menschen, die sich über ihr Befinden oftmals nicht mehr deutlich äußern können, in ihrem Umfeld wohl fühlen? Entsprechend positiv sind die Reaktionen der an den Modellprojekten beteiligten Mitarbeiter. Viele gaben an, dass sie durch "DCM" sensibler, selbstkritischer sowie fähiger und offener für neue Verhaltensweisen im Umgang mit demenziell erkrankten Menschen geworden seien.

Die Kommunikation mit einem demenziell erkrankten Menschen kann sehr schwierig und nervenzehrend sein. Wie man solche anstrengenden Situationen und Kommunikationsprobleme vermeiden kann, zeigt die KDA-Pflege-Expertin Christine Sowinski in PRO ALTER auf. "Die Sprache sollte deutlich, langsam, in einem ruhigen Tonfall und nicht übertrieben laut sein. Auch schwerhörige Menschen hören besser, wenn man mit ihnen in einer normalen Lautstärke, dafür aber langsam, deutlich und in kurzen Sätzen spricht", rät sie. Zu den kurzen, einfachen Sätzen gehöre auch, dass man nur eine Mitteilung pro Satz mache. Schachtelsätze und komplizierte Fragen sollten vermieden werden.

Wohnen in "Lebensstilgruppen": Schlafmittel konnten deutlich reduziert werden

Doch nicht nur das Verhalten der Pflegenden beeinflusst den Umgang mit demenziell erkrankten Menschen, sondern auch die (räumliche) Umgebung, in der sie leben. PRO ALTER stellt dazu zwei neue Ansätze aus dem Ausland vor: So ist in den Niederlanden das sogenannte "Lebensstilkonzept" mit seinem Motto "Wohnen wie gewohnt" im Kommen. Ein Beispiel dafür ist das "Verpleeghuis Hogewey" in Weesp bei Amsterdam. Dort leben alle 160 Bewohner in kleineren Wohn- beziehungsweise Lebensstilgruppen, die ihrer Biografie entsprechen. So wohnen zum Beispiel im "gehobenen Lebensstil" mit entsprechend edler Ausstattung Menschen wohlhabender Herkunft zusammen. Der "koloniale Lebensstil" wendet sich an Bewohner, die einen großen Teil ihres Lebens in der ehemaligen holländischen Kolonie Indonesien verbracht
haben und entsprechendes Essen und Mobiliar bevorzugen. Und während sich im "häuslichen Lebensstil" Menschen zusammengefunden haben, die besonders gerne hauswirtschaftlichen Tätigkeiten nachgehen, leben in der "Künstlerlebensstilgruppe" sehr individuelle Charaktere mit teilweise exzentrischen Gewohnheiten. "In allen Wohngruppen wird Wert auf so viel Normalität wie möglich gelegt; jede Gruppe hat dadurch einen eigenen Tagesablauf und eigene Gewohnheiten", ist in PRO ALTER zu lesen. So kann denn auch - anders als in vielen anderen Altenpflegeheimen - jeder schlafen gehen, wann er möchte. PRO ALTER: "So stehen die Bewohner der "häuslichen Gruppe" in Weesp wie gewohnt relativ früh, die der "Künstlergruppe" dagegen eher spät auf. Der Verbrauch von Schlafmitteln konnte dadurch stark reduziert werden."

Schweizer Betreuungskonzept mit "gefährlicher Attraktivität"

Sehr kritisch wird vom KDA dagegen das sogenannte "OASE"-Konzept zur Betreuung demenzkranker Menschen in einer Schweizer Einrichtung beurteilt. Im Krankenheim Sonnweid in Wetzikon werden die Bewohner - je nach der Stärke ihrer Erkrankung - in drei "Welten" unterteilt und entsprechend betreut, wobei die am stärksten Betroffenen in einer besonderen Wohnform, der "Oase", gepflegt werden. Dabei "liegen acht oder neun schwerstdemenzkranke Menschen in ihren Betten, die in einem relativ engen Raum stehen. Dieser ist in diffuses Licht getaucht, und in der Stille vernimmt man das Geräusch einer Pneumatik. Mit dieser wird eine Bewohnerin wie in einer Baby-Wiege hin und her geschaukelt. Dieses Geräusch erinnert sofort an eine Intensivstation. Das ist extrem bedrückend und menschenunwürdig, denn auch Menschen mit fortgeschrittener Demenz haben einen Anspruch auf Normalität und Lebensqualität", beschreibt Hans Peter Winter, der Leiter der KDA-Abteilung Architektur, gegenüber PRO ALTER seinen Besuch in Wetzikon.

Inzwischen hat das Sonnweider Modell schon über die Schweizer Grenzen hinaus Interesse geweckt. In Luxemburg wird sogar überlegt, ob dieses nicht landesweit auf die Pflegeheime übertragen werden soll. "Eine unheilvolle Tendenz mit gefährlicher Attraktivität auch für viele Verantwortliche der Altenhilfe-Infrastruktur in den deutschen Bundesländern", urteilt Dr. Willi Rückert, der beim KDA die Abteilung Sozialwirtschaft leitet. "Denn wenn eine 'Oase' neun Einzelzimmer ersetzt, kann es für scharfe Rechner schnell aus rein ökonomischen Erwägungen sinnvoll erscheinen, nur noch 'Oasen' zu schaffen", so Dr. Rückert in PRO ALTER. "Doch das wird sicher niemand wollen, der sich für ein menschenwürdiges Leben im Alter einsetzt. Aus diesem Grund lehnt das KDA eine Übertragung der "Oase"-Idee auf deutsche Einrichtungen ab."


PRO ALTER, das Fachmagazin des Kuratoriums Deutsche Altershilfe, erscheint viermal im Jahr. Die soeben erschienene Ausgabe 3/2002 enthält auch
- ein ausführliches Experten-Interview zur Rolle der Pflegefachkräfte bei fragwürdiger Behandlung von Druckgeschwüren. Darin wird der schwierige Bereich der Kompetenzabgrenzung zwischen Pflegekräften und Ärzten von dem Juristen und wissenschaftlichen Leiter des Instituts für Gesundheitsrecht und -politik, Hans Böhme, beurteilt.

- Tipps für die Therapie von Druckgeschwüren,
- Informationen zu PLAISIR, einem Verfahren zur rationalen Personalbemessung in stationären Altenpflege-Einrichtungen,
- und vieles mehr.

PRO ALTER ist zu beziehen beim Kuratorium Deutsche Altershilfe, An der Pauluskirche 3, 50679 Köln, Fax 0221/ 93 18 47-6, E-Mail: versand@kda.de. Das Einzelheft kostet 4,80 Euro (zuzüglich Versankosten), das Jahresabonnement 16 Euro (einschließlich Versandkosten).
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