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Wie Homo sapiens an Kultur gewann

13.03.2000 - (idw) Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Der moderne Mensch unterscheidet sich von seinen urzeitlichen Vorfahren im Knochenbau. Das lässt sich an Knochenfunden belegen. Wie Homo sapiens sich kulturell entwickelte, können Wissenschaftler nur aus den Spuren schließen, die frühere Menschen hinterlassen haben. Der Tübinger Urgeschichtler Prof. Nicholas Conard untersucht solche Hinweise aus der Zeit vor 150 000 Jahren bis heute bei Ausgrabungen in den südafrikanischen Geelbek-Dünen.

Wie Homo sapiens an Kultur gewann

Der Landschaftsarchäologie in Südafrika helfen moderne Technologie und die Natur

Mit die ältesten bekannten Fußspuren anatomisch moderner Menschen wurden in versteinerten Dünen in der Nähe von Geelbek entdeckt. Geelbek liegt nahe der Atlantik-Küste, etwa 90 Kilometer nördlich von Kapstadt. Die 117 000 Jahre alten Abdrücke sind für den Tübinger Urgeschichtler Prof. Nicholas Conard ein Beleg dafür, dass die ersten anatomisch modernen Menschen aus Afrika kamen. Bei seiner Grabungskampagne in Geelbek erforscht er mit seinem internationalen Team eine Fläche von etwa drei Quadratkilometern, auf der sich Spuren der menschlichen Evolution aus der Zeit der letzten 150 000 Jahre finden. "Ich will mehr über die Beziehung zwischen anatomischer und kultureller Modernität des Homo sapiens erfahren", sagt Conard.

In den Dünen von Geelbek geben Tausende von Funden Hinweise auf die Lebensweise der steinzeitlichen Menschen: Knochenreste von Reptilien, Vögeln, Rindern, Pferden, Nashörnern und Fischreste liefern Informationen über die Ernährungsstrategien in der Steinzeit. Schnittspuren und Schlagmarken an den Knochen, Steinartefakte wie Spitzen, Kratzer, Schaber und gezähnte Stücke belegen, dass die Menschen auf die Jagd gingen. Die Untersuchung der Steinartefakte und ihres Rohmaterials geben Einblick in die damalige Technologie und die Mobilität der Menschen. Dazu kommen Straußeneierschalen, die als Wasserbehälter oder Schmuck benutzt wurden. Einige, dort gefundene Keramikteile stammen aus den letzten 2000 Jahren.

Die meisten Funde in Geelbek liegen an der Oberfläche. Dies ist durch die Hilfe der Natur möglich: Jedes Jahr wandern die Dünen etwa vier bis zehn Meter nach Norden, da immer Wind vom Atlantik her weht. Die Dünen unterdrücken die Vegetation und ermöglichen den Wissenschaftlern, die Täler zwischen den Dünen genau zu untersuchen. Dabei wurden Anhäufungen gebrannter Steine, von Steinartefakten und Knochen verschiedener Tierarten freigelegt und erfasst. Die räumliche Verteilung der Funde hilft den Urgeschichtlern, die Stellen als Jagd-, Wohn- oder Schlachtplätze zu interpretieren.

Um bis zu 500 Funde pro Tag zu dokumentieren, benutzen die Tübinger Urgeschichtler für die genaue Lagebestimmung der Fundplätze ein satellitengesteuertes Globales-Positionierungs-System (GPS), für die Messung der genauen Position der Stücke einen computergestützten Lasertheodoliten. Die Daten werden in einen Geländecomputer eingegeben. Mit speziellen Programmen können die eingemessenen Funde in Verteilungspläne und Profile projiziert werden, um täglich die Fundverteilungen zu aktualisieren. Conard rechnet damit, dass die Ausgrabungen in Geelbek archäologisch wichtige Informationen der spannenden Vorgeschichte des Homo sapiens liefern werden. Durch den Aufbau einer lokalen Evolutionsgeschichte hofft der Tübinger Urgeschichtler, dem Verlauf des weltweiten kulturellen Entwicklungsprozesses der Menschen ein Stück näher zu kommen. (2865 Zeichen)


Durch ein Fenster in die Vergangenheit

Tübinger Urgeschichtler bei Ausgrabungen in südafrikanischem Dünengebiet

Vor etwa 100 000 Jahren lebten Menschen, die den gleichen Körperbau hatten wie wir heute. Funde in den Klasies River Mouth Höhlen am Indischen Ozean, östlich des Kaps der guten Hoffnung, oder in Qafzeh in Israel belegen dies. Unter anderem die Augen und Stirnpartien der gefundenen Schädel geben Hinweise darauf, dass dort die ersten anatomisch modernen Menschen der Frühzeit gelebt haben. Aber wann entwickelte sich der "kulturell moderne Mensch" mit hohen geistigen Fähigkeiten und woher kommt er? Diese Fragen sind noch umstritten. "Wir wissen zwar, dass in Europa vor etwa 40 000 Jahren die Menschen komplexe Steinwerkzeuge und Knochengeräte sowie Schmuck und Kunstgegenstände hergestellt haben, aber wie sie zum Beispiel vor 60 000 Jahren untereinander kommuniziert haben, wissen wir gar nicht", erklärt Prof. Nicholas Conard vom Tübinger Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters.

Conard führt seit 1998 archäologische Feldforschungen in den Geelbek-Dünen in Südafrika durch. Die Geelbek-Dünen liegen nahe der Atlantik-Küste im West Coast National Park, etwa 90 Kilometer nördlich von Kapstadt. Er überprüft zusammen mit seinem Forschungsteam bei den Ausgrabungen in Geelbek die Hypothese, dass der moderne Homo sapiens aus Afrika stammt. Conard geht es dabei nicht nur um den Bau von Knochen und Schädeln: "Ich möchte die Verbindung zwischen anatomischer und kultureller Modernität untersuchen und eine Chronologie erstellen, welche die offenen Fragen der Evolutionsgeschichte des Menschen beantworten kann." Um mehr über die Lebensweisen der steinzeitlichen Menschen zu erfahren, reicht eine einzige Fundstelle nicht aus. Deswegen erforscht Conard auch bei Ausgrabungen in Deutschland und Syrien die für ihn spannendste Periode, die Zeit zwischen 150 000 und 30 000 Jahren vor heute.

Das verhältnismäßig große Areal in den Geelbek-Dünen beinhaltet zahlreiche steinzeitliche Fundplätze. Conard und sein Forschungsteam registrieren hier auf einer Fläche von etwa drei Quadratkilometern Funde aus der Steinzeit. "Das Interessante hier ist", meint Conard, "Land-schaftsarchäologie zu betreiben." Im Gegensatz zu den meisten altsteinzeitlichen Ausgrabungen auf der Welt wird hier nicht in die Tiefe, sondern auf großer Fläche gegraben. Die meisten Fundstücke liegen an der Oberfläche. Das liegt an den mobilen Dünen und der geringen Vegetation. Der Sand unterdrückt das Wachstum der Pflanzen, man trifft nur vereinzelt kleine Büsche, Bäume kommen in dieser Gegend nicht vor. An der Atlantikküste weht immer ein Wind, meist von Süden. Die Dünen bewegen sich so jedes Jahr ungefähr vier bis zehn Meter weit, hauptsächlich nach Norden. Dadurch werden die darunter liegenden Funde freigelegt. Conard sieht das positiv: "Die Natur arbeitet hier für uns."

Das interessanteste Analysegebiet für die Archälogen sind die Täler zwischen den Dünen. Sie untersuchen rund 120 Täler, die meist etwa einen Hektar groß sind. Die Geelbek-Dünen öffnen für Conard ein "Fenster in die Vergangenheit", da die Funde aus verschiedenen Tälern verglichen werden können und sich dadurch ein differenziertes Bild der Steinzeit herauskristallisiert. In diesen, durch Winderosion freigelegten Flächen zwischen den Dünen haben die Tübinger bis jetzt weit über 15 000 Funde ausgegraben, die erste Aussagen über die steinzeitliche Vorgeschichte des Gebietes erlauben. Der älteste prähistorische Fund ist etwa 150 000 Jahre alt, der jüngste 2000. Auch holländische Tonpfeifen aus der Kolonialzeit wurden gefunden und untersucht. Die Arbeit in den Dünen ist noch in vollem Gange. Bislang haben die Forscher achtzehn Täler erforscht. Dabei wurden hauptsächlich Tierknochen und Steinartefakte geborgen. Dazwischen fanden sich auch immer wieder Straußeneierschalen. Sie waren in der Steinzeit ein wichtiges Rohmaterial für Jäger und Sammler und wurden als Wasserbehälter oder Schmuck verwendet. Die wenigen Keramikfundstücke gelten als Indikator der späteren Perioden der Steinzeit und belegen die Besiedlung der Dünen während der letzten 2000 Jahre.

Über 8000 Knochenreste von Reptilien, verschiedenen Vögeln, Pferden, Elefanten, Nashörnern und sogar Fischreste liefern Informationen über mögliche Nahrungsquellen in der Steinzeit. Sie sind für die Rekonstruktion der Ökologie und Ökonomie der Steinzeit sehr wichtig. An den Knochen lassen sich Alter, Geschlecht und sogar die Jahreszeit, in der der Tod des Tieres eintrat, ermitteln. "Reste eines großen Kapzebras bedeuten zum Beispiel, dass dessen Begleitfunde mindestens 12 000 Jahre alt sind, da dieses Tier zu jener Zeit ausgestorben ist" erläutert Conard. Sowohl die 2500 Steinartefakte wie etwa Jagdspitzen, Messer, Schaber, gezähnte und geschliffene Steine als auch verschiedene Veränderungen an den Knochen wie Schnittspuren und Schlagmarken belegen die jägerische Lebensweise in der Steinzeit.

Durch die Auswertung der Steinartefakte kann man mehr über die steinzeitliche Technologie erfahren. Auch die Analyse der Zusammensetzung von Artefakten und der Herkunft des Rohmaterials erlaubt, Aussagen über die menschliche Mobilität zu machen. Aber nicht nur die einzelnen Funde, sondern auch die Verteilung der Objekte über die Fläche liefern wichtige Hinweise auf das Leben des frühen Homo sapiens. So weisen zum Beispiel Ansammlungen von gleichen Steinwerkzeugen oder von Knochen des gleichen Tieres in einem Gebiet auf bestimmte Jagdgewohnheiten und Ernährungsstrategien hin. Weitere Anhaltspunkte für die damalige Lebensweise erhalten die Wissenschaftler, wenn sie eine hohe Konzentration an gebrannten Steinen oder Straußeneierschalen an einem bestimmten Ort vorfinden.

Bei aller Sorgfalt arbeiten die Tübinger Urgeschichtler in Geelbek so schnell wie möglich, sammeln Funde und werten Daten aus, denn die Dünen sind ständig in Bewegung. "Wir dokumentieren bis zu 500 Funde pro Tag", sagt Conard. Während der Ausgrabung wird der genaue Fundort mit Hilfe eines Globalen Positionierungs-Systems (GPS-Empfänger) bestimmt, das Signale von 24 Satelliten empfangen kann. Die einzelnen Fundstücke werden mit einem computergesteuerten Lasertheodoliten lokalisiert. Jeden Abend werden die Daten aus dem Geländecomputer verwendet, um topographische Karten der Fundplätze zu erstellen. Conard verfolgt mit den Ausgrabungen in Geelbek das ehrgeizige Ziel, die kulturellen Errungenschaften des Homo sapiens so genau wie möglich zu dokumentieren. Da dieses Dünengebiet schon seit über 150 000 Jahren von Menschen besiedelt ist, wird es seiner Einschätzung nach viele Fundplätze geben, die Einblick in die steinzeitliche Kultur ermöglichen. Doch nicht nur Conard und sein Forschungsteam verfolgen die Urgeschichte der Menschheit gespannt. Auch der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki lobte die Tübinger Ausgrabungskampagne in seiner Jahresrede vor dem Parlament. (6815 Zeichen)

Nähere Informationen:

Prof. Nicholas Conard
Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters
Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie
Schloss
72074 Tübingen

Tel. 0 70 71/2 97 24 16
Fax 0 70 71/29 64 57

Die Grabungskampagne 2000 in Südafrika läuft seit dem 10. Januar und endet am 28. April. Herr Prof. Conard ist vom 17. März bis zum 9. April bei den Ausgrabungen.

Im Internet ist das Grabungsprojekt unter der Adresse
http://www.uni-tuebingen.de/urgeschichte/index_de.html (englischsprachig) zu finden, der Pressedienst unter: http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html

Unter dieser Adresse sind auch Abbildungen einsehbar, die auf Wunsch per e-mail verschickt werden können.
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