Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 23. Oktober 2014 

Gewalt in den Medien

03.09.2002 - (idw) Universität Leipzig

Der Leipziger Professor für Empirische Kommunikations- und Medienforschung Werner Früh hat Gewaltpotentiale des Fernsehangebots untersucht und stellt die Ergebnisse jetzt in einer wissenschaftlichen Publikation vor. In die Studie flossen über 30 000 Wahrnehmungsurteile von fast 1000 Personen ein. Rund 1500 verschiedene Gewaltszenen wurden beurteilt.

"Wenn jemand im Fernsehen Gewalt sieht, aber als solche nicht erkennt, dann nimmt er auch keine Gewalt wahr." Es scheint eine ebenso einleuchtende wie naheliegende Aussage zu sein, die Werner Früh trifft. Und doch - genau die fehlende Differenzierung zwischen Gewalt und Wahrnehmung von Gewalt hat den Professor der Universität Leipzig dazu bewogen, sich der Diskussion um Medien und Gewalt, um Gewalt in Medien und um die Wirkung medialer Gewalt zu nähern. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen hat er unter dem Titel "Gewaltpotentiale des Fernsehangebots. Programmangebot und gruppenspezifische Interpretation" im Westdeutschen Verlag, Wiesbaden, vorgelegt.
"Was in der Öffentlichkeit diskutiert wird", stellt Professor Früh fest, "ist in aller Regel die Wirkung von Gewalt." Gewalt selbst? Fehlanzeige. Dazu müsste zuerst einmal einigen Fragen nachgegangen werden: Wird Gewalt überhaupt als Gewalt bemerkt? Wann wird Gewalt als Gewalt empfunden? Wie unterschiedlich wird Gewalt gesehen? Allesamt Probleme, die bislang beim Thema "Gewalt in den Medien" gemeinhin ausgeblendet blieben. So klafft an dieser Stelle eine Lücke. Werner Früh, Professor für Empirische Kommunikations- und Medienforschung, benennt sie als "Rezeption von Gewalt". Darin schließt er die Überlegung ein, dass Unterschiede in der Wahrnehmung von Gewalt auch zu unterschiedlichen Folgen von Gewalt führen. "In der klassischen Forschung werden diese Unterschiede nicht gemacht", skizziert er seinen Ansatz. Oder, salopp formuliert: Leichen werden - als Indiz für Gewalt - gezählt, und aus deren Anzahl werden Wirkungen von Gewalt abgeleitet. Doch so simpel ist es nicht.
Neben diesem grundlegenden Punkt lenkt Professor Früh die Aufmerksamkeit auf einen zweiten markanten Fragenkomplex: Was ist Gewalt? Auf welchem Verständnis von Gewalt basiert die Forschung? Er hat festgestellt, zum einen stützt sich die Debatte auf "starke Formen von Gewalt, wie töten, schlagen, beleidigen"; zum anderen wird der Unterschied zwischen Täter und Opfer vernachlässigt. Aus seiner Sicht ist es "sinnvoll, den Gewaltbegriff am Täter und seiner Intention - andere zu schädigen - festzumachen"; egal, ob der Täter seine Absicht durchsetzen konnte oder nicht. In der Summe arbeitet Professor Früh mit der Definition, "Gewalt ist eine realisierte oder beabsichtigte, bewusste (nicht unbedingt geplante) Schädigung von Personen, Tieren, Pflanzen oder Sachen".
Eine Sichtweise, die in der Konsequenz bedeutet, dass der Gewaltbegriff "sehr viel weiter ausgedehnt werden kann". In alltägliches Geschehen übersetzt, gehören zu einer Gewalt, die die bewusste Absicht impliziert, sich auf Kosten anderer einen Vorteil zu verschaffen und / oder andere zu benachteiligen, auch das Mobbing in einem Unternehmen oder das Drängeln an einer Bushaltestelle. Verhaltensweisen, die aus Sicht der Wirkungsforschung "möglicherweise viel gefährlicher" sind als die Gewaltausbrüche so genannter Einzeltäter oder Amokläufer. Jene spektakulären Einzelfälle ereignen sich nicht im luftleeren Raum; auch andere konsumieren mittels Video, Fernsehen, Computerspiel etc. Gewalt - ohne zwangsläufig Aufsehen erregende Gewalttaten zu verüben. Professor Werner Früh leitet daraus die Frage ab: "Ist es unter Umständen relevanter, wenn sich der kulturelle Standard der Toleranz gegenüber von Gewalt verändert?" Wenn eine solche Verschiebung sich beispielsweise darin ausdrückt, dass es nicht mehr üblich ist, sich an einer Bushaltestelle anzustellen, sondern um einen Platz im Bus zu drängeln, zu rempeln, zu prügeln ... Eine solche Verschiebung der "unteren Schwelle der Gewalt, die in unserem System integriert ist und die durch soziale Sanktionen in Schranken gehalten wird", auf die Medien durchaus Einfluss nehmen, erfordert nach Professor Frühs Auffassung das weit gefasste Verständnis von Gewalt.
Auf der Basis der ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Begriff der Gewalt verfolgt die Studie in vier Ebenen ein komplexes Design. Erstens wurde ein Spektrum von 1437 verschiedenartigen Gewaltszenen vom Publikum zielgruppenspezifisch beurteilt. Die Kriterien der Einschätzung richteten sich auf Gewalthaltigkeit, Angsterregung, Mitgefühl, Faszination sowie intellektuellen Nutzen als die kognitiven und affektiven Dimensionen von Wahrnehmung. Insgesamt flossen in diese Rezeptionsstudie über 30 000 Wahrnehmungsurteile von 921 Personen ein. Zweitens erfolgte eine Inhaltsanalyse, in der eine Medienstichprobe von einer künstlichen 7-Tage-Woche aus fünf verschiedenen Fernsehprogrammen mit demselben Kategoriensystem beleuchtet wurde, das der Evaluierung der Gewaltszenen für die Rezeptionsstudie zugrunde lag. Drittens wurden beide Befunde miteinander verknüpft, um das zielgruppenspezifische Stimuluspotential zu ermitteln. Und viertens schließlich wurde die zielgruppenspezifisch evaluierte Medienstichprobe mit den tatsächlichen Einschaltquoten der Zielgruppen im betreffenden Zeitraum gewichtet.
In der Summe der umfänglichen und tiefgehenden Untersuchung konnte gezeigt werden, "dass verschiedene Personen in denselben Gewaltszenen sehr unterschiedlich viel Gewalt wahrnehmen und auch affektiv sehr verschieden auf Gewaltszenen im Fernsehen reagieren". Wird das Resümee - "Die Gewalt im Medienangebot entsteht erst durch die Interpretation der Rezipienten." - aufgefächert, ergeben sich auffällige, teils überraschende Ergebnisse. Generell ist zur Wahrnehmung von Gewalt anzumerken: Das Bildungsniveau spielt "praktisch keine Rolle"; Frauen nehmen mehr Gewalt wahr als Männer; Jüngere weniger als Ältere - zwischen den Altersgruppen 16 bis 21 Jahre sowie 51 und älter liegt die Differenz bei über 40 Prozent.
Den Befund ergänzt Professor Werner Früh um eine essentielle Anmerkung: "Eine einzige Fernsehsendung macht noch keinen normal sozialisierten Menschen zum Mörder." Die stärkste Prägung der Haltung zu Gewalt, so belegen diverse Studien, geht vom Erziehungsstil der Eltern und vom gesellschaftlichen Umfeld aus. Erst unter den nachfolgenden Einflussfaktoren finden sich die Medien. Dies bedeutet in der Konsequenz: "Wenn man ein paar Videospiele verbietet, sei die Welt wieder in Ordnung - diese Annahme ist falsch." Noch einmal plädiert Professor Werner Früh für die weite Fassung des Begriffs Gewalt. "Möglicherweise sind subtilere Formen von Gewalt die ausschlaggebenden."
Um diese Überlegung weiter auszubauen und zu untermauern, arbeitet Professor Werner Früh derzeit an einer Studie, die sich mit so genannter Alltagsgewalt beschäftigt. Die empirischen Daten liegen bereits vor - jetzt stehen sie zur Auswertung an. Daniela Weber

Weitere Informationen: Prof. Dr. Werner Früh

Telefon: 0341 97 35741
E-Mail: frueh@uni-leipzig.de
uniprotokolle > Nachrichten > Gewalt in den Medien

ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/5754/">Gewalt in den Medien </a>