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"Maßgeschneiderte" Bestrahlung

28.03.2000 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster


Dreidimensionaler Bestrahlungsplan für die Behandlung eines Bronchialkarzinoms 28. März 2000
"Maßgeschneiderte" Bestrahlung

Klinik für Strahlentherapie: Moderne Beschleuniger eröffnen neue Perspektiven in der Krebsbehandlung


Münster (upm/rei) In der Krebsbehandlung lässt der ganz große Durchbruch immer noch auf sich warten. Gleichwohl ist es in den letzten Jahren gelungen, die Behandlungserfolge verschiedener Tumorerkrankungen deutlich zu verbessern. Neben Fortschritten bei der Operation und der Chemotherapie ist die Optimierung der Behandlungserfolge in hohem Maße auch auf die dritte klassische Säule der Krebstherapie, nämlich die Bestrahlung, zurückzuführen: Präzise Lokalisation des Tumors mittels moderner Bildgebung, minutiöse rechnergestützte Therapieplanung und verbesserte Bestrahlungstechnologie gehen heute Hand in Hand und haben dazu geführt, dass das große Ziel einer jeden Strahlentherapie, nämlich die vollständige Vernichtung von Tumorzellen bei größtmöglicher Schonung benachbarten gesunden Gewebes, immer greifbarer geworden ist.

Am Universitätsklinikum Münster wurde den vielversprechenden Entwicklungen in der Strahlentherapie Rechnung getragen, so dass krebskranke Kinder und Erwachsene dort heute von den verbesserten Therapiemöglichkeiten in vollem Umfang profitieren können. Mit Investitionen in Höhe von insgesamt gut zehn Millionen Mark und umfangreichen Umbauarbeiten wurde der "Gerätepark" der Klinik unter Leitung von Prof. Dr. Normann Willich komplett erneuert und dabei auf den allerneusten Stand gebracht. Zu den neuen Geräten zählen unter anderem zwei moderne Linearbeschleuniger, ein Spezialbeschleuniger für zielgenaue hochdosierte Bestrahlungen, ferner ein neuer, leistungsfähigerer Computertomograph, ein Therapiesimulator und nicht zuletzt ein Gerät, das dreidimensionale Ultraschallbilder liefert.

Die Rundum-Erneuerung der Strahlentherapie war fällig, da die mit Einrichtung der Klinik Mitte der 80er Jahre angeschafften Geräte nach einer Laufzeit von gut 15 Jahren ohnehin dringend überholt werden mussten und somit ein Umstieg auf eine neue Gerätegeneration auf der Hand lag. Das Besondere an den neuen Linearbeschleunigern liegt laut Willich darin, dass sie über zwei unterschiedlich hohe Energiespektren verfügen. Für welches der beiden sich die Strahlentherapeuten im Einzelfall entscheiden, hängt von der Lokalisation des Tumors ab, denn die Strahlung dringt je nach gewählter Energie unterschiedlich tief in das Gewebe ein und entfaltet an unterschiedlicher Stelle ihre höchste Wirkung. Aufgrund dieser differenzierteren Nutzung des Gerätes ergeben sich neue Perspektiven für eine maßgeschneiderte The rapie. Viel genauer als früher kann die Strahlung gezielt die Krebsgeschwulst erreichen und an Ort und Stelle zerstören, ohne dass dabei benachbartes gesundes Gewebe in Mitleidenschaft gezogen wird.

So bringt der Niedrig-Energie-Bereich des Beschleunigers insbe sondere bei Kindern einen Gewinn, bei denen beispielsweise im Rahmen einer Leukämiebehandlung zum Schutz vor möglichen Hirnmetastasen eine Schädelbestrahlung durchgeführt wird. Hierbei ist es wichtig, dass die Strahlen mit voller Dosis die Hirn häute erreichen, andererseits aber die empfindlichen Augen sau ber aussparen. Nach Angaben Willichs liegt die Klinikfür Strahlen therapie der Universität Münster mittlerweile bei der Bestrahlung krebskranker Kinder bundesweit zahlenmäßig mit an vorderster Stelle.

Neben den unterschiedlichen Energiespektren der Photonen strahlen verweist der münstersche Strahlenmediziner noch auf einen weiteren Vorteil der neuen Beschleuniger: Mittels rechner gesteuerter Blenden, einem sogenannten Lamellen-Kollimator, kann das Strahlenfeld genau der Form des jeweiligen Tumors an gepasst werden. Früher wurden solche in den Strahlengang ein gelegte Blenden für jeden einzelnen Patienten individuell aus Blei gegossen, anschließend wurden sie wieder eingeschmolzen.

Die Vorbereitungen für eine zielgenaue Bestrahlung beginnen im übrigen sogar noch eher: In einem Rechner fließen die Befunde unterschiedlicher bildgebender Diagnostik zusammen. Daraus werden dreidimensionale Bilder rekonstruiert. Jetzt können die Zielvolumina für die Bestrahlung definiert und ebenfalls in den Rechner eingegeben werden. Mit Hilfe eines Lasersystems wer den die im Therapieplan festgelegten Bestrahlungsfelder auf den Patienten übertragen. Sodann wird am Beschleuniger zunächst ein Probestrahl auf den Patienten gelenkt. Eine Detektorplatte unter dem Patienten registriert diesen Strahl und meldet dem Rechner die Daten über das von dem Probestrahl getroffene Be strahlungsfeld zurück, so dass gegebenfalls noch Korrekturen vorgenommen werden können. Von der Diagnostik über die Therapieplanung bis zur eigentlichen Bestrahlung ist somit alles vernetzt.

Noch treffsicherer wird die Bestrahlung mit dem Spezialbeschleu niger: Bei diesen sogenannten stereotaktischen Bestrahlungen kann das zu bestrahlende Areal bis auf 0,1 Millimeter genau fest gelegt werden. Durch spezielle Röhren wird nun ein sehr scharfer hochdosierter Strahl aus unterschiedlichen Richtungen auf den Tumor "geschossen". Weil bei dieser Art der Bestrahlung so scharf "geschossen" wird, dass der Tumor bereits durch diese ein malige Bestrahlung vernichtet wird, wird dieses Verfahren auch als Radiochirurgie bezeichnet. Die Wirkung des Strahls wird hier also mit der eines Skalpells verglichen.

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