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Hochschulverband: Reform auf Kosten des wissenschaftlichen Nachwuchses

10.04.2000 - (idw) Deutscher Hochschulverband

Deutscher Hochschulverband
- Presseinformation - Nr. 9/2000

Bonn, den 10. April 2000

Hochschulverband: Reform auf Kosten des wissenschaftlichen Nachwuchses
Schiedermair sieht mehr Schatten als Licht im Bericht der Expertenkommission

Wenig Zustimmung und viel Kritik erntete der am Montag von Frau Bundesministerin Bulmahn in Berlin vorgestellte Bericht der Expertenkommission zur Reform des Hochschuldienstrechtes bei den Betroffenen. Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Professor Schiedermair, erklärte in einer ersten Stellungnahme, die Kommission habe sich in wesentlichen Fragen vor der Antwort gedrückt und sei insgesamt zu sehr den politisch gewollten und auch von Frau Ministerin Bulmahn schon öffentlich vorgegebenen Ergebnissen gefolgt. Schiedermair hatte aus diesem Grund die Kommission im Januar verlassen. Im Deutschen Hochschulverband sind über 17.500 Hochschullehrer an den deutschen Universitäten vereinigt.

Schiedermair übte insbesondere Kritik an der von der Kommission empfohlenen Einführung einer Junior-Professur unter Wegfall der Habilitation. "Das ist nichts anderes als die Wiedereinführung der in der Praxis vollständig gescheiterten Assistenzprofessur der 70er Jahre. Mit keiner Silbe beschäftigt sich die Kommission mit deren damaligem Scheitern. Statt dessen wird mit geradezu atemberaubender Blauäugigkeit die Zuweisung eines eigenständigen Ausstattungsbudgets für diese Junior-Professuren gefordert. Woher soll das Geld für die von der Kommission geforderten 6.000 Junior-Professoren eigentlich herkommen? Das sind Luftschlösser", erklärte Schiedermair. Die Erklärung der Kommission, dazu müßten von den Ländern "Etatmittel in nennenswertem Umfang bereitgestellt werden", dokumentiere die vollständige Entfernung des Kommissionsvorschlages von der Realität an den Universitäten.

Völlig inakzeptabel sei die Vorstellung, mit der Junior-Professur die bewährte Personalstruktur des wissenschaftlichen Assistenten und des Hochschuldozenten des Hochschulrahmengesetzes ersetzen zu wollen. Statt den wissenschaftlichen Nachwuchs behutsam in der persönlichen Verantwortung eines erfahrenen Hochschullehrers an diesen Beruf heranzuführen, solle eine Billigprofessur eingeführt werden, für die in den Fakultäten niemand Verantwortung trage. Statt eines bewährten Qualifikationsverfahrens, an dessen Ende auch nach den Vorschlägen des Deutschen Hochschulverbandes mit 35 Lebensjahren die Erstberufung auf eine Professur stehen soll, werde nun "der Aufstieg im Hause" wie bei den Laufbahnbeamten durch das Beförderungssystem der vereinfachten Hausberufung installiert. "Die nächste Überleitungswelle wartet schon. Bisher hatte sich nur niemand vorstellen können, dass man so etwas wieder einmal zum Prinzip erhebt" kritisiert Schiedermair den vereinfachten Übergang von einer Junior-Professur auf eine Vollprofessur.

Auch die Vorschläge für eine leistungsgerechte Besoldung der Hochschullehrer stoßen beim Deutschen Hochschulverband auf erhebliche Kritik. "Wenn man wissenschaftliche Leistungen durch Zulagen honorieren will, muß man bei zwei Kernfragen Farbe bekennen: Was sind die Kriterien für eine wissenschaftliche Leistung und wer entscheidet über diese Kriterien? Zu beiden Kernfragen schweigt sich die Kommission aus" bemängelte Schiedermair.

Darüber hinaus protestierte Schiedermair gegen die geplante Herabsetzung der Eingangsbesoldung für C 4-Hochschullehrer. "Dies ist ein weiterer Schlag gegen den wissenschaftlichen Nachwuchs, besonders in den nicht marktgängigen Fächern. In Wahrheit soll eben nicht nach wissenschaftlicher Leistung, sondern nach Marktlage bezahlt werden" erklärte Schiedermair, der sich bereits auf dem 50. Hochschulverbandstag in Berlin schützend vor die sogenannten kleinen Fächer vor allem in den Geisteswissenschaften gestellt hatte. Es sei geradezu absurd, mit dem Anspruch auf eine leistungsgerechtere Besoldung anzutreten und gleichzeitig die Kürzung der Eingangsgehälter für C 4-Professoren um mehr als DM 1.500,-- monatlich zu empfehlen. Den Hinweis der Kommission auf die Möglichkeit, diese Besoldungseinbuße durch leistungsorientierte Gehaltsbestandteile wieder ausgleichen zu können, hält Schiedermair für nicht überzeugend. Zwar habe sich die Kommission als Reaktion auf die diesbezügliche Kritik des Deutschen Hochschulverbandes über gesetzliche Mechanismen für den Erhalt des Gesamtbesoldungsniveaus Gedanken gemacht. Dies reiche jedoch nicht aus, zumal in einem späteren Gesetzgebungsverfahren, wie beim Dienstrechtsreformgesetz erwartungsgemäß alle Möglichkeiten zum Sparen rigoros ausgenutzt würden. Deshalb bleibe von den Empfehlungen der Kommission im Endergebnis vermutlich nichts anderes übrig als eine drastische Gehaltskürzung für Professoren, die durch die vage Option auf Zulagen nicht ausgeglichen werde. Im übrigen verfolge die Kommission mit dem neuen Zulagensystem offenkundig die Vorstellung, die Spitzengehälter an den Universitäten aus Gründen der Kostenneutralität mit Geldmitteln zu bestreiten, die man im Wege der Gehaltskürzungen den Professoren vorher weggenommen habe. "Ein solches System ist", so Schiedermair, "wie jeder in der Personalführung Erfahrene weiß, kein Anreiz zur Leistung, sondern das genaue Gegenteil".

Positiv wertet der Deutsche Hochschulverband den empfohlenen Verbleib der Hochschullehrer im Beamtenverhältnis, die Perspektive eines eigenständigen Personalstatus für Hochschullehrer, die Öffnung der besoldungsrechtlichen Obergrenzen für Spitzenwissenschaftler, die geforderte Anpassung des Nebentätigkeitsrechts, die persönliche Honorierung von Drittmitteleinwerbungen und die Betonung, dass für die Vergabe von Leistungsprämien ein wissenschaftsadäquates Verfahren erforderlich sei.

Schiedermair kündigte an, die Empfehlungen der Kommission im einzelnen zu analysieren und vor Beginn des Gesetzgebungsverfahrens der Öffentlichkeit die Reformvorstellungen des Deutschen Hochschulverbandes vorzustellen.

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