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Wie Regenwald-Touristen das Zigeunerhuhn stören

12.04.2000 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Abseits des Massentourismus hat sich eine Form des Reisens entwickelt, die für sich selbst mit den Schlagworten "sanfter Tourismus" oder "Öko-Tourismus" wirbt. Doch auch diese Art, fremde Länder kennenzulernen, kann sich für die Natur vor Ort negativ auswirken, wie Antje Müllner von der Universität Würzburg herausgefunden hat.

Die Zoologin hat untersucht, wie der Kanu-Tourismus den Bruterfolg eines Vogels namens Hoatzin im Regenwald von Ecuador beeinflusst. Ins dortige Schutzgebiet Cuyabeno kommen Jahr für Jahr viele Touristen, um bei Bootsfahrten Tiere entlang der Flussufer zu beobachten. Der etwa hühnergroße, auf Grund seiner auffällig bunten Färbung auch Zigeunerhuhn genannte Hoatzin lebt in den Überschwemmungsbereichen der Regenwälder. Sein Nest, in dem er ein bis drei Junge großzieht, baut er in den Bäumen entlang der Ufer.

Antje Müllner, die am Würzburger Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie tätig ist und deren Projekt von der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit gefördert wurde, hat in touristisch genutzten Gewässern und in gesperrten Vergleichsgebieten den Bestand von Hoatzin-Nestern erfasst und den Bruterfolg der Vögel kontrolliert. Dabei ist sie zu dem Ergebnis gekommen, dass jegliche Annäherung von Menschen, sei sie nun gezielt oder unbeabsichtigt, die jungen Zigeunerhühner in die Flucht treibt.

Als natürliche Anpassung an Feinde wie Raubvögel oder Anakondas springen die kleinen Vögel nämlich schon ab ihrem dritten Lebenstag aus dem Nest ins Wasser, sobald ein Störenfried erscheint. Dort tauchen sie ab und klettern dann, wenn die Gefahr vorbei ist, mit Hilfe ihrer krallenbewehrten Flügel an anderer Stelle wieder auf einen Baum. Dieser Ort kann zehn bis dreißig Meter vom Nest entfernt sein. Wenn die Elterntiere ihre verschollenen Jungen wieder finden, dann versorgen sie diese an ihrem neuen Standort weiter. In ihr eigenes Nest kehren die Kleinen aber nie wieder zurück.

Kommt es allzu oft zu solchen Störungen - was laut Antje Müllner in Gewässern mit Bootsverkehr der Fall ist - sind die Überlebensaussichten der jungen Hoatzine deutlich verschlechtert. Zum einen sind sie im Wasser Gefahren durch Piranhas und durch Unterkühlung ausgesetzt. Zum anderen belegen Hormonmessungen, dass die Jungvögel in Gewässern mit Tourismus gestresster sind als ihre abseits lebenden Artgenossen. Um solche Störungen zu vermeiden, müsse ein ausreichender Mindestabstand zum Nest und zu den Jungvögeln eingehalten werden, so eine Forderung der Würzburger Biologin. Dazu sei es notwendig, die bisherige Beobachtungspraxis zu ändern, bei der sich die Urlauber mit ihren einheimischen Führern den Tieren in der Regel so weit nähern, bis diese flüchten: "Wilde Tiere müssen nicht unbedingt 'hautnah' erlebt werden, sondern können auch durch Ferngläser, die leider die wenigsten Touristen mitbringen, und von Beobachtungsständen aus betrachtet werden."

Weitere Informationen: Antje Müllner, T (0931) 888-4377, Fax (0931) 888-4352, E-Mail:
muellner@biozentrum.uni-wuerzburg.de

Kurzfassung:
Wie Regenwald-Touristen das Zigeunerhuhn stören

Öko-Touristen, die im südamerikanischen Regenwald auf Beobachtungsreise gehen, stören die Natur. Zu diesem Schluss kommt die Zoologin Antje Müllner von der Universität Würzburg. Sie hat im Regenwald von Ecuador untersucht, wie der Kanu-Tourismus den Bruterfolg eines Vogels namens Hoatzin beeinflusst. Der auch Zigeunerhuhn genannte Hoatzin zieht in seinem Nest, das er in den Bäumen entlang der Ufer baut, ein bis drei Junge groß. Laut Antje Müllner springen die kleinen Zigeunerhühner schon ab ihrem dritten Lebenstag aus dem Nest ins Wasser, sobald ein Störenfried zu nahe kommt. Geschieht das allzu oft, was in Gewässern mit Bootsverkehr der Fall ist, dann sind die Überlebensaussichten der jungen Hoatzine deutlich verschlechtert. Zum einen sind sie im Wasser Gefahren durch Piranhas und durch Unterkühlung ausgesetzt. Zum anderen belegen Hormonmessungen, dass die Jungvögel in Tourismus-Gewässern gestresster sind als ihre in Ruhe lebenden Art-genossen. Deshalb müsse ein ausreichender Mindestabstand zum Nest eingehalten werden, so eine Forderung der Würzburger Zoologin, deren Projekt von der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit gefördert wurde.

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