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"Wir müssen endlich die Gerechtigkeitsfrage stellen"

04.09.2002 - (idw) Private Universität Witten/Herdecke gGmbH

Kenntnisse in Gesundheitsökonomie sind für den Arzt der Zukunft wichtig, aber er braucht auch die Fähigkeit zum bewussten Perspektivwechsel

"Ich finde es interessant, dass zunehmend auch staatliche Universitäten die Bedeutung von Gesundheitsökonomie entdecken." So kommentiert der Dekan der Fakultät für Medizin der Universität Witten/Herdecke, Prof. Dr. Dr. Christian Köck, verschiedene Pressemeldungen aus deutschen Hochschulen mit der Ankündigung, ab dem kommenden Wintersemester 2002/03 Medizinern ökonomische Kenntnisse vermitteln zu wollen oder Wirtschaftswissenschaftler zu Medizinmanagern auszubilden. Laut neuer Approbationsordnung für Mediziner müssen Ärzte in Zukunft auch in der Lage sein, Verschreibungen nicht nur nach medizinischen, sondern auch nach ökonomischen Kriterien vorzunehmen.
"Bessere ökonomische Kenntnisse von Medizinern fordern wir seit Jahren und vermitteln unseren angehenden Medizinern solche bereits im Modellstudiengang Medizin an der Universität Witten/Herdecke", erklärt Köck. "Doch allein mit besseren Kenntnissen in Ökonomie, wie viele glauben, ist die Misere des deutschen Gesundheitswesens nicht zu lösen", kritisiert Köck den allgemeinen akademischen Aktionismus. Als "Scheindebatte" bezeichnet er daher die beliebte Diskussion darüber, ob dieses oder jenes Medikament fünf Cent teurer oder billiger sei. Solche öffentlichen Debatten lenkten vom Kern des Problems ab: Wie ist Gerechtigkeit im Gesundheitswesen auch in Zukunft unter den Bedingungen knapper Ressourcen und steigender Lebenserwartung zu realisieren? "Wir müssen uns viel tiefere Fragen stellen", fordert Köck. Zum Beispiel, ob es gerecht sei, die begrenzten Ressourcen des Gesundheitswesens in Zukunft eher Jüngeren als Älteren zugute kommen zu lassen. Ebenfalls eine nur vordergründig ökonomische Frage sei jene nach den Ausgaben für Vorbeugung: Ist es gerecht, in Zukunft mehr in die Prävention zu investieren und dafür weniger in die Behandlung bereits existierender Erkrankungen? "Um die Beantwortung solcher Fragen werden wir uns auch gesellschaftlich bald nicht mehr herumdrücken können. Es wäre indes illusorisch zu glauben, wir könnten solche Probleme nur ökonomisch lösen."
Köck fordert daher, dass nach dem Vorbild des Wittener Modellstudiengangs Medizin "der Zusammenhang zwischen Ethik und Ökonomie in der Medizinerausbildung in Zukunft eine größere Rolle spielen muss." Nötig sei ein Ausbildungsmodell, in dem entlang praktischer Berufserfahrungen schon früh die Fähigkeit trainiert werde, bewusst Perspektiven zu wechseln, damit eingefahrene Rollenvorstellungen in Frage gestellt würden. Der Arzt der Zukunft müsse in der Lage sein, sich je nach Situation in die Rolle eines Patienten oder eines Ökonomen versetzen zu können, um dann die richtigen Schlussfolgerungen ziehen zu können.
Kontakt: Prof. Dr. Dr. Christian Köck, Tel.: 02302/926-793/-794

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