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Statt technisch einmal tschechisch

14.04.2000 - (idw) Universität Hildesheim

Dozent am Diplom-Studiengang Internationale Fachkommunikation der Universität Hildesheim übersetzt Erzählungen aus dem Tschechischen

Der Diplom-Studiengang "Internationale Fachkommunikation" ist vor allem auf das Übersetzen technischer Texte spezialisiert. Aber auch bei der Ausbildung von technischen Übersetzerinnen und Übersetzern spielt die Begegnung von Kulturen eine zentrale Rolle. Es ist daher nur natürlich, wenn andere Texte als technische in den Blick kommen. In den beiden Erzählungen, die Rainer Barczaitis zusammen mit seiner Frau Eleonore übersetzt und kürzlich im Hildesheimer Cambria-Verlag veröffentlicht hat, geht es nun um einen besonderen Aspekt der Begegnung von Kulturen: Der tschechische Autor Václav Vokolek setzt sich mit seiner Heimat, dem nordböhmischen Sudetenland auseinander, wo schon lange der Umgang verschiedener Kulturen miteinander zu verfolgen ist - samt allen damit verbundenen Problemen.

Vokolek, 1947 in Decín (Tetschen) an der Elbe geboren, gehört zu der Generation tschechischer Schriftsteller, die vor 1989 nicht publizieren konnte. Seine in den siebziger Jahren entstandenen Erzählungen "Unangenehme Geschichte" und "Zerrissene Fäden" verarbeiten Eindrücke aus seiner Jugend; sie spielen in einer Grenzregion zu Deutschland, die das nordböhmische Sudetenland zum Vorbild nimmt, eine Landschaft, wo "die Deutschen lebten - mythische Figuren, die in fremder Zunge sprachen. Feinde." Mit diesem zwiespältigen Eindruck setzt Vokolek sich auseinander und beschreibt in eindrücklichen Bildern Schicksale von Menschen tschechischer und deutscher Herkunft, die in dieser Landschaft verwurzelt sind, sie prägten und von ihr geprägt wurden. Zum Beispiel die Geschichte des Priesters Jan Böhm, Sohn einer tschechischen Mutter und eines deutschen Vaters. Kein angenehmes Schicksal, eine Unangenehme Geschichte eben:

"Den letzten Teil der Geschichte muß ich selbst erzählen. Keine Geschichte, die gut ausgeht. Es ist nur eine Geschichte, eine von vielen, unwichtig, ob sie ausgedacht ist. Warum erzähle ich dann diese unangenehme Geschichte? Nur weil ich meine, daß nichts vergessen ist, daß Erinnerungen, die uns in schlaflosen Nächten verfolgen, ihre Rechte haben, daß nichts, was geschieht, ohne Auswirkungen bleibt, und daß jeder Schritt, auch der kleinste, seine Bedeutung hat für die Gegenwart und die Zukunft.
Eben deshalb muß ich zu Ende erzählen, muß ich den unsicheren Weg des einfältigen Priesters verfolgen, muß das anhören, was man nicht hören sollte, dahin schauen, wohin keiner gerne schaut. Noch ein paar Monate muß ich unter Fenstern stehen, auf frischen Spuren schleichen und Zeuge sein. Wovon? Schon in diesem Augenblick weiß ich: von nichts Gutem..."

Die Lebensgeschichte des Jan Böhm spannt einen Bogen vom Beginn des ersten Weltkriegs bis in die sechziger Jahre. In ei-nem spannenden Finale beschreibt Vokolek die letzten Lebenswochen dieses unheroischen Menschen, dem sein Leben im großen und ganzen mißlingt. In der zweiten Erzählung, "Zerrissene Fäden", begibt sich ein tschechischer Autor in seiner Heimatstadt auf die Suche nach den Spuren eines deutschen Schriftstellers des 19. Jahrhunderts. Auf mehreren, einander durchdringenden Ebenen entsteht ein Gewebe von Erlebnissen und Eindrücken aus der Vergangenheit und der heutigen Zeit.

Vokolek stellt sich mit seinen beiden Erzählungen in die Tradition der tschechischen "katholischen Moderne"; Einflüsse von Schriftstellern wie J. Durych sind zu spüren, vor allem von dessen Roman "Gottes Regenbogen", in dem dasselbe Problem thematisiert wird: Die Folgen der Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, und zwar aus der Sicht eines tschechischen Autors. Vokolek sieht, wie Durych, in diesem Thema vor allem eine allgemeine Frage, die jenseits aller Aktualität wichtig bleiben wird. Und für deutsche Leser ist es interessant, wie ein Tscheche dieses heikle Thema angeht. Die Übersetzung will dazu beitragen, aus der Erinnerung an die schwierige und manchmal tragische Geschichte einer Landschaft und ihrer Menschen Hoffnung für die Zukunft kultureller Begegnung zu gewinnen - auch wenn vielfache Erfahrung dagegen spricht.

Rainer Barczaitis ist Dozent am Studiengang "Internationale Fachkommunikation". Seine Frau ist , wie der Autor, in Decín aufgewachsen.

Kontakt: barczaitis@fuet.uni-hildesheim.de

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