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Dr. Leopold-Lucas-Preis 2000 an Richard von Weizsäcker

15.05.2000 - (idw) Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Universität Tübingen zeichnet den Altbundespräsidenten aus

Am Dienstag, dem 16. Mai 2000, verleiht die Evangelisch-Theologische Fakultät im Namen der Eberhard-Karls-Universität Tübingen den mit 60.000 DM dotierten Dr. Leopold-Lucas-Preis an Altbundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker.

Die Fakultät zeichnet Richard von Weizsäcker, wie es in der Verleihungsurkunde heißt, aus, da er "durch seine zukunftsweisenden Ortsbestimmungen mit hohem geistig-moralischen Anspruch der öffentlichen Redekultur in der Bundesrepublik vorbildliche Maßstäbe gesetzt, den allgemeinen Konsens über die Grundwerte moderner Gesellschaft gefördert und über nationale Grenzen hinweg Brücken der Verständigung und Versöhnung geschlagen hat."

Der Festakt aus Anlass der Preisverleihung findet um 17.15 Uhr im Festsaal der Neuen Aula, Wilhelmstr. 7, statt. Die Laudatio auf den Preisträger hält der Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Volker Drehsen. Der Preisträger wird in seinem Festvortrag das Thema "Polnisch-deutsche Verständigung nach dem Zweiten Weltkrieg" behandeln.

Der mit 60.000 DM dotierte Dr. Leopold-Lucas-Preis würdigt alljährlich hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Theologie, der Geistesgeschichte, der Geschichtsforschung und der Philosophie. Er ehrt dabei insbesondere Persönlichkeiten, die zur Förderung der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern wesentlich beigetragen und sich durch Veröffentlichungen um die Verbreitung des Toleranzgedankens verdient gemacht haben. Zu den bisherigen Preisträgern gehörten namhafte Wissenschaftler wie Karl Rahner, Paul Ricoeur, Raimund Popper und Michael Walzer. Die Auszeichnung wurde 1972 von dem am 9. Juli 1998 verstorbenen Generalkonsul Franz D. Lucas, ehemals Ehrensenator der Eberhard-Karls-Universität, zum 100. Geburtstag seines in Theresienstadt umgekommenen Vaters, des jüdischen Gelehrten und Rabbiners Dr. Leopold Lucas, gestiftet.

Richard von Weizsäcker wurde 1920 in Stuttgart geboren, ging als Diplomatensohn in Berlin, Kopenhagen, Bern und wiederum in Berlin zur Schule, um danach Rechtswissenschaften und Geschichte in Oxford und Grenoble zu studieren. Nach dem Militär- und Kriegsdienst von 1938 bis 1945 schloss er sein Jurastudium mit einer Promotion in Göttingen ab. Richard von Weizsäcker begann seine berufliche Laufbahn zunächst in der Wirtschaft, bis er 1969 in die Politik wechselte: Er war Mitglied des Deutschen Bundestages und zugleich des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Von 1964 bis 1970 und noch einmal 1977 bekleidete er das Amt des Präsidenten des Deutschen Evangelischen Kirchentages; von 1972 bis 1979 war er stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender, 1979 bis 1981 Vizepräsident des Bundestages, von 1981 bis 1984 Regierender Bürgermeister von Berlin und 1984 bis 1994 Präsident der Bundesrepublik Deutschland.

Richard von Weizsäcker hat insbesondere mit seiner Rede zur 40. Wiederkehr des Kriegsendes am 8. Mai 1985 in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit nachhaltig Impulse des Nachdenkens über die jüngste deutsche Geschichte vermittelt und zum bewussten wie verantwortlichen Umgang mit einer belasteten und belastenden Vergangenheit ermutigt. Dabei hat er sich als entschiedener Anwalt einer nüchtern redlichen Erinnerung mit dem Ziel der Versöhnung statt des Revanchismus erwiesen.

Als Mitautor der Ostdenkschrift der EKD und als Befürworter der sozialliberalen Entspannungspolitik gegenüber Osteuropa galt sein eindrückliches Engagement dem Bemühen, die Folgen der Naziherrschaft und des Zweiten Weltkrieges langfristig zu "bereinigen". Sein besonderes Anliegen war dabei die Aussöhnung mit Polen. Den Prozess der deutschen Wiedervereinigung hat er vorbehaltlos begrüßt, dabei aber immer wieder auch seine Einfädelung in den europäischen Integrationsprozess angemahnt und die Verpflichtungen Europas gegenüber der Dritten Welt in Erinnerung gebracht.

Mit seinem politischen, publizistischen und menschlichen Engagement hat sich Dr. Richard von Weizsäcker stets in besonderer Weise der Versöhnung zwischen Menschen und Völkern verbunden und verpflichtet gefühlt; dafür wird ihm der Dr. Leopold-Lucas-Preis des Jahres 2000 zuerkannt.

Dr. Leopold Lucas wurde am 18. September 1872 in Marburg geboren. Er entstammte einer seit Anfang des 17. Jahrhunderts in Marburg ansässigen jüdischen Familie. Lucas studierte in Berlin Geschichte und jüdische Wissenschaft sowie Philosophie und orientalische Sprachen. 1895 wurde er in Tübingen mit einer Dissertation über die "Geschichte der Stadt Tyrus zur Zeit der Kreuzzüge" zum Doktor der Philosophie promoviert. Im Jahre 1899 wurde er als Rabbiner nach Glogau berufen. Er diente dieser traditionsreichen jüdischen Gemeinde vier Jahrzehnte lang als Lehrer, Prediger und Seelsorger. Unermüdlich war Leopold Lucas während seines ganzen Lebens wissenschaftlich tätig. Sein besonderes Arbeitsgebiet war die Geschichte der Juden in den ersten christlichen Jahrhunderten. Lucas war 1902 Initiator der "Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums", deren Leitung er sich mit Martin Philippson teilte. Im Jahr 1940 folgte Lucas einem Ruf an die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin - zu einer Zeit also, in der die Vernichtung der Juden in Deutschland beschlossene Sache war und begonnen hatte. Am 17. Dezember 1942 wurde Leopold Lucas zusammen mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert. Auch hier wirkte er noch als Seelsorger seiner Leidensgenossen. Er erlag am 13. September 1943 den Strapazen des Konzentrationslagers. Frau Dorothea Lucas wurde im Oktober 1944 nach Auschwitz verschleppt und umgebracht.

Pressekonferenz mit Richard von Weizsäcker:

16. Mai, 16 Uhr, Raum 239, Neue Aula, Wilhelmstr. 7
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