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Kleinwaffen und Geschlechterrollen

09.09.2002 - (idw) Bonn International Center for Conversion (BICC)

Ein Schlüsselproblem für das Konfliktmanagement

Mit seiner Publikation Gender Perspectives on Small Arms and Light Weapons: Regional and International Concerns (brief 24) untersucht das Internationale Konversionszentrum Bonn (BICC) zum ersten Mal den Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Kleinwaffen und seinen Auswirkungen auf die Geschlechterrollen. Nach einer viel beachteten ersten internationalen Präsentation während der Internationalen Frauenkonferenz in Kampala, Uganda, im Juli 2002, stellt am 9. September 2002 Staatssekretär Erich Stather, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), die Studie im Rahmen einer Bundespressekonferenz in Bonn vor.

Die in brief 24 veröffentlichten Beiträge fußen vor allem auf Erfahrungen, die im Rahmen des SALIGAD-Projekts (Small Arms and Light Weapons in IGAD) im Horn von Afrika gemacht wurden. Die weite Verbreitung von Kleinwaffen ist eine stete Bedrohung und ein konstantes Hindernis für die Entwicklung in dieser Region. Die Autorinnen und Autoren kommen zu dem Schluss:

- Frauen zählen zu den Hauptleidtragenden der Waffengewalt, die den Mangel an Gleichberechtigung verschärft;
- der Einsatz von Kleinwaffen beeinflusst die Geschlechterrollen nachhaltig - und zwar während und nach dem Konflikt.

Während bewaffneter Konflikte machen Kleinwaffen Frauen wie Männer zu Opfern oder Täterinnen und Tätern:

- Frauen sind nicht nur Kriegsopfer, oft werden sie Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt. Die Vergewaltigung ist Mittel die Gesellschaft zu terrorisieren sowie den Gegner zu strafen und zu demütigen. Erst der Einsatz von Kleinwaffen macht solche Massenvergewaltigungen möglich.

- Frauen werden - wie vielerorts auch Kinder - zwangsrekrutiert und zum Dienst an der Waffe gezwungen. Mitmachen ist der einzige Weg am Leben zu bleiben.

- In manchen Regionen wie Eritrea und Uganda nahmen Frauen als reguläres Mitglied von "Befreiungsarmeen" freiwillig die Kalaschnikow in die Hand.

- In Somalia waren es vor allem Frauen, die Munition schmuggelten. Ihre Mittäterschaft sicherte den Nachschub für die kämpfenden Männer.

- Opfer und Täter durch Kleinwaffeneinsatz - dies gilt auch für Männer: Männer werden im Krieg getötet, verletzt und - wie ein Bericht aus Uganda und dem Sudan belegt - ebenfalls Opfer von Vergewaltigungen durch andere Männer. Männer sind es aber auch, die die Konflikte vorbereiten, die Waffen erwerben und später im Kampf massenhaft einsetzen.

Nach dem Ende eines Konflikts kommt es zu weiteren Verschiebungen der Geschlechterrollen:

- Wie immer ein Konflikt militärisch ausgehen mag - Frauen zählen in der Regel zu seinen Hauptverlieren. Die Rollenverschiebungen in der Nachkriegszeit gehen meist zu Lasten der Frauen. Sie sind für die Pflege der Verwundeten zuständig. Wenn die Männer der Familie getötet wurden oder zu Invaliden geworden sind, fällt jede zivile Arbeitsteilung weg. Frauen müssen allein die Rolle des Erziehers, des Versorgers und des Familienoberhaupts übernehmen. Dies ist auch für die betroffenen Männer schwierig: häufig traumatisiert oder schwer verwundet durch das Kriegsgeschehen, leiden sie am Verlust ihres früheren gesellschaftlichen Status.

- Nach der Rückkehr der Männer ist häufig ein Anstieg der häuslichen Gewalt, auch unter Einsatz von Kleinwaffen, zu beobachten. Ihr im Krieg brutalisiertes Verhalten bringen die Männer in die Familie ein. Insbesondere wenn sie zur Verliererseite gehören, dient die Waffe dann oft dazu, verlorenes männliches Selbstbewusstsein zu kompensieren und Dominanz zu zeigen.

- Nach Kriegsende ist auch die Gesundheitsversorgung von Frauen zusammengebrochen, die unter den Folgen geschlechtsspezifischer Gewalt noch lange Zeit physisch und psychisch leiden. Sie müssen nach einer Vergewaltigung allein mit dem Problem ungewollter Kinder zurecht kommen. Sie erfahren keine Hilfe, sondern gesellschaftliche Ablehnung durch die Dorfgemeinschaft und die eigenen männlichen Familienmitglieder.
"Am Zusammenhang zwischen Geschlechterrollen und Konflikten, die meist mit Kleinwaffen ausgetragen werden, kommt am Horn von Afrika niemand vorbei. Dieses Problem existiert nicht nur in der Politik, sondern buchstäblich in jedem Haushalt," erläutert Kiflemariam Gebre Wold (BICC), Projektleiter SALIGAD und Mitherausgeber von brief 24.

Schlussfolgerungen für das Post-Konflikt-Management

Das wichtigste Ergebnis der Publikation Gender and Small Arms lautet: Die Kontrolle und das Management von Kleinwaffen bleibt ohne die geschlechtsspezifische Perspektive unvollständig. "Wenn Frauen zu diesen militärischen Fragen ihre Stimme nicht erheben, und beim Abbau von Kleinwaffen nicht mitreden und mitentscheiden können, wird es keine tragfähige, geschlechtsübergreifende Lösung der Probleme geben," schreibt Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (BMZ) in ihrem Vorwort zu brief 24, der von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) finanziell gefördert wurde.

Für das BICC stellt brief 24 einen Einstieg in weitere Aktivitäten und Projekte dar, die sich ebenfalls mit geschlechtsspezifischen Aspekten von Abrüstung und Konfliktmanagement beschäftigen werden.


Weitere Informationen:
Susanne Heinke-Mikaeilian
Tel.: 0228/911 96-44
E-Mail: pr@bicc.de
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