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Goethes geheimster Wohnsitz

07.06.2000 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Lea Ritter-Santini von der Universität Münster untersucht die italienischen der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, der "Wiege der deutschen Klassik".


Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar Nicht erst seit Goethes Italien-Reise war das sonnige und an Traditionen reiche Mittelmeer-Land Vorbild und Inspiration für den Hof in Weimar. Sogar eine italienischsprachige "Gazetta di Weimar" erschien zweieinhalb Jahre lang und wurde eifrig gelesen. Die italienischen Wurzeln Weimars sind wiederzufinden in den Beständen der "Herzogin- Anna-Amalia-Bibliothek", mit 900.000 Büchern eine der berühmtesten und wichtigsten Bibliotheken jener Zeit. Die italienischen Bestände dieser "Wiege der deutschen Klassik", wie sie auch genannt wird, werden bereits seit einigen Jahren von Prof. Dr. Lea Ritter-Santini, emeritierte Hochschullehrerin des Instituts für Komparatistik der Universität Münster, mit Unterstützung des Istituto Italiano per gli Studi Filosofici in Neapel durchforstet und katalogisiert.

35 Jahre lang stand die Bibliothek unter Goethes Leitung, der ihre Bestände - darunter Handschriften, Inkunabeln, Musikalien und historische Landkarten - auch selbst reichlich nutzte. Anhand der erhalten gebliebenen Ausleihlisten lässt sich rekonstruieren, was Goethe gelesen und was Einfluss auf sein Werk genommen hat. Da ist zum Beispiel der Band "Antiquités Etrusque, Grecques et Romaines", in dem erstmals antike Vasenmalereien, die in Pompeji und Herkulaneum gefunden worden waren, abgebildet wurden. Zum ersten Mal bot sich damit die Möglichkeit, die antike Welt nicht nur literarisch, sondern auch visuell zu erleben. Szenen wie die Walpurgisnacht im "Faust" scheinen, so Prof. Ritter-Santini, den Darstellungen einiger mythologischer Figuren nachempfunden zu sein.

Der italienische Einfluss zieht sich durch das gesamte Werk Goethes. Erst in der Aufarbeitung dessen, was Goethe gesammelt, gesehen und betrachtet hat, lässt sich herausfinden, wie das dichte Netz der Beziehungen gesponnen ist. Die Bestände der "Anna-Amalia-Bibliothek", zu denen auch Zeichnungen und Kupferstiche gehören, wurden im Laufe der Zeit von verschiedenen Bibliothekaren zusammengetragen. Einer von ihnen war Carl Ludwig Fernow, der nach einem Aufenthalt in Rom 1803 nach Weimar zurückkehrte und rund 2000 italienische Bücher mitbrachte. Als er starb, ließ Goethe diese für die Bibliothek ankaufen. Bisher hat Prof. Ritter-Santini zusammen mit italienischen Wissenschaftlern aus Bologna und Venedig rund 1500 Bände davon katalogisiert. Nicht alle Bücher, die einmal in der Bibliothek standen, sind zu finden, manche wurden verstellt, andere zu DDR-Zeiten verkauft, um Devisen zu beschaffen. Ein vollständiger Katalog des noch vorhandenen Fernow-Bestandes soll in italienischer Sprache im kommenden Jahr erscheinen.

Doch nicht nur für Wissenschaftler arbeitet Prof. Ritter-Santini. Im Goethe-Jahr 1999 hatte die von ihr und Herrmann Mildenberger konzipierte Ausstellung "Geheimster Wohnsitz - Goethes italienisches Museum", die in Weimar gezeigt wurde, großen Erfolg. Zur Zeit ist sie in erweiterter Form im Münchner Haus der Kunst noch einmal zu sehen. So werden die Schätze der Bibliothek und der Kunstsammlungen zu Weimar mit über hundert Zeichnungen, zu denen auch ein Leonardo da Vinci gehört, einem größeren Publikum zugänglich gemacht - was in Weimar selbst nur noch schwerlich möglich ist. Denn die "Wiege der deutschen Klassik" droht unter morschen Dächern und zwischen feuchten Mauern des Renaissancegebäudes Schaden zu nehmen. Die geplanten Sanierungsmaßnahmen belaufen sich auf knapp 48 Millionen Mark.

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