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Wie Kinder vor Gericht gute Zeugenaussagen liefern

05.07.2000 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Ab welchem Alter und unter welchen Bedingungen sind Kinder in der Lage, eine glaubwürdige Zeugenaussage über ein beobachtetes Ereignis zu liefern? Das wollen Wissenschaftler vom Psychologischen Institut der Universität Würzburg herausfinden. Mit ihrem Vorhaben haben sie in Deutschland einen Forschungszweig der Entwicklungspsychologie etabliert, der hier bislang kaum vertreten war.

Das Projekt von Prof. Dr. Wolfgang Schneider und Dr. Claudia M. Roebers läuft im Rahmen der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschergruppe "Kognitive Entwicklung", die im Frühjahr 2000 in ihre zweite Förderperiode eintrat. Für die kommenden drei Jahre stehen der gesamten Forschergruppe rund 2,5 Millionen Mark zur Verfügung.

Die beiden Psychologen versuchen unter anderem, eine spezielle Interviewtechnik zu entwickeln: Sie soll den Kindern helfen, möglichst viel, aber auch ausschließlich richtige Information aus dem Gedächtnis abzurufen. Es hat sich nämlich immer wieder herausgestellt, dass die wenigen Angaben, die Kinder spontan über ein Ereignis machen, durchwegs korrekt sind. Fehler treten in der Regel erst dann auf, wenn gezielte Fragen beantwortet werden sollen. In Fällen, in denen Kinder als Zeugen auftreten, werden solche Fragen aber häufig gestellt, weil die Kinder von sich aus nur sehr spärliche Aussagen machen.

In dem Würzburger Projekt werden Befragungsmethoden erprobt, die entweder die freien Berichte von Kindern verlängern oder die Wahrscheinlichkeit für falsche Antworten auf Fragen verringern können. Schließlich muss eine Zeugenaussage vor Gericht nicht möglichst ausführlich, sondern vor allem fehler- und widerspruchsfrei sein. Darüber hinaus werden die Auswirkungen von Suggestiv-Fragen auf das Gedächtnis und auf spätere Berichte von Kindern untersucht.

Die Wissenschaftler wenden folgende Methode an: Kinder unterschiedlichster Altersgruppen sehen einen kurzen Videofilm, in dem eine Bande einem Jungen Geld abnimmt. Dieses bekommt er auch dann nicht zurück, nachdem er die Bedingung der Gruppe erfüllt hat, einen Kampf mit dem Anführer hinter sich zu bringen. Nach Zeitintervallen von einer Woche bis mehreren Monaten werden die Kinder dann auf unterschiedliche Weisen einzeln über den Film befragt.

Laut Prof. Schneider bestätigen die bisherigen Ergebnisse Befunde aus dem anglo-amerikanischen Raum: Kinder sind vom Kindergartenalter bis zum Ende der Grundschulzeit immer besser in der Lage, ein Ereignis korrekt wiederzugeben, häufiger irreführenden Suggestiv-Fragen zu widerstehen und in einem Wiedererkennungstest richtige Antworten zu geben. Diese Fähigkeiten seien stark vom Gedächtnis abhängig: Wenn sie sich gut an die Sachverhalte erinnern, seien schon die meisten Kindergartenkinder in der Lage, Suggestiv-Fragen zu widerstehen. Bei Detailinformationen hingegen liegen ihre Antworten nicht oder kaum über der Ratewahrscheinlichkeit.

Die DFG-Forschergruppe "Kognitive Entwicklung" wird seit 1996 gefördert. Beteiligt sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Würzburg, Tübingen, Eichstätt, Bonn und Magdeburg; Sprecherin ist Prof. Dr. Beate Sodian aus Würzburg. Die Gruppe befasst sich allgemein mit der Entwicklung des Denkens vom Säuglingsalter bis zur Adoleszenz. Ein Schwerpunkt liegt im Bereich der experimentellen Säuglingsforschung, einem in Deutschland bisher unterrepräsentierten Forschungsgebiet. Einen zweiten Schwerpunkt bildet die Forschung über die Entwicklung des Gedächtnisses im Vor- und Grundschulalter.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Beate Sodian, T (0931) 31-2351, Fax (0931) 31-2763, E-Mail:

sodian@psychologie.uni-wuerzburg.de
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