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Brustkrebs: Risikofaktor inkompetenter Arzt

07.07.2000 - (idw) Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

Die Europäischen Leitlinien zur Abklärung nicht tastbarer Gewebeveränderungen in der Brust müssen in allen Kliniken verbindlich umgesetzt werden werden. Das fordern Experten auf dem ersten gemeinsamen Kongress der deutschen, österreichischen und schweizerischen Gesellschaften für Senologie (Lehre von den Erkrankungen der Brust), der vom 5. bis 8. Juli in Lugano (Schweiz) stattfindet. Denn nur eine qualitätsgesicherte Diagnostik und Therapie kann für mehr Lebensqualität der betroffenen Frauen sorgen. Ein inkompetenter Arzt ist hingegen für Brustkrebspatientinnen ein Risikofaktor.

Die Bemühungen um eine bessere Früherkennung von Brustkrebs haben in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass Ärzte bei einer Röntgen- oder Ultraschalluntersuchung der Brust auffällige Gewebeveränderungen entdecken, die nicht als Knoten tastbar sind. Die Abklärung solcher Veränderungen gilt als eine der größten Herausforderungen für Radiologen, Pathologen und operative Gynäkologen. Nach den Qualitätsstandards der Europäischen Leitlinien soll die Abklärung solcher nicht tastbaren Befunde ausschließlich durch Teams mit interdisziplinärem Fachwissen und Training sowie erfahrenen Operateuren erfolgen. Große Kompetenz ist auch bei der Aufklärung und Beratung betroffener Patientinnen notwendig. Professor Klaus-Dieter Schulz, Direktor der Universitätsfrauenklinik Marburg, untermauert diese Qualitätsanforderungen mit einer bedrückenden Aussage: "Patientinnen, die von unerfahrenen Operateuren behandelt werden, haben eine um zehn Prozent geringere Überlebenschance".

Darum sehen die europäischen Leitlinien eine Standardisierung der Verfahren und der Dokumentation vor. Erforderlich ist beispielsweise die Diagnosesicherung vor einem chirurgischen Eingriff, um unnötige Operationen zu vermeiden. Ebenso ist es unerlässlich, dass das verdächtige Gewebe vor dem Eingriff präzise markiert wird, damit der Operateur es auch sicher findet. Ebenso muss der Chirurg das entnommene Gewebe so kennzeichnen, dass im Falle einer erforderlichen Nachoperation klar ist, in welchem Bereich der Brust nochmals operiert werden muss. Eine Radiographie des entnommenen Gewebes ist zwingend, um sicher zu stellen, dass die verdächtige Veränderung vollständig und mit ausreichendem Sicherheitsabstand entfernt wurde. Nicht zuletzt fordern die Experten von den Operateuren auch befriedigende kosmetische Ergebnisse.

Schulz betont etwa nachdrücklich, dass der Operationsschnitt direkt über der Gewebeveränderung liegen muss. Bei der noch weit verbreiteten Standardschnittführung am Rand des Brustwarzenhofes würde hingegen zu viel Gewebe verletzt. Ebenso sei bei dieser konventionellen Technik die Chance geringer, dass das veränderte Gewebe komplett entfernt wird.

In ganz Europa sollen Frauen nicht länger als drei Wochen warten, bis eine Gewebeveränderung diagnostisch abgeklärt wird. Zwischen dieser zusätzlichen Diagnostik und einem danach gegebenenfalls erforderlichen Eingriff sollen höchstens nochmals zwei Wochen liegen.

Nahezu beschwörend klagt Schulz die Unsitte vieler Chirurgen an, selbst in dem entfernten Gewebe herumzuschneiden, um nach sichtbaren Veränderungen zu suchen. Gleichzeitig weist er mit Nachdruck darauf hin, dass der so genannte Schnellschnitt, also die Untersuchung des herausoperierten Gewebes durch Pathologen während der Operation, nicht sinnvoll ist. Denn durch diese Schnellbeurteilung wird das Gewebe oft so beschädigt, dass es danach nicht mehr gründlich analysiert werden kann.

Die Experten auf der Senologie-Tagung sind überzeugt, dass eine enge interdisziplinäre Kooperation mehrerer Fachgebiete Voraussetzung für eine optimale Behandlung nicht tastbarer Gewebeveränderungen ist. Damit diese aber auch Realität werden kann, wünscht sich die Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Senologie, die Wiener Pathologie-Professorin Angelika Reiner, "dass Chirurgen und Gynäkologen künftig lernen, die Kompetenz und Arbeit der Pathologen und Radiologen mehr zu respektieren."

Tagungsbüro: #41-91-9110430

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