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Auch Luther hätte seine Freude daran

21.08.2000 - (idw) VolkswagenStiftung

VolkswagenStiftung ermöglicht Wiederaufbau der Theologischen Fakultät Tartu in Estland

1990 blickte die ganze Welt auf sie: Die baltischen Staaten Estland, Litauen und Lettland brachten mit ihrem Kampf um Unabhängigkeit einen Stein ins Rollen, der erst mit dem endgültigen Zerfall der Sowjetunion weit gehend zur Ruhe kommen sollte. Der Umbruch traf nicht zuletzt die Wissenschaften - und bedeutete hier und da auch, an vergangene, bessere Zeiten anknüpfen zu können.

Mit Unterstützung der VolkswagenStiftung gelang dies der Theologischen Fakultät der Universität Tartu in Estland. Sie ist die älteste und größte Hochschule des Landes und gilt als das Wissenschaftszentrum der jungen baltischen Republik; sie war im 19. Jahrhundert die einzige deutschsprachige Hochschule in Russland. Über ihre Theologische Fakultät, die einzige in Estland, nahm sie lange Zeit eine zentrale Rolle in der Region ein,
verbunden damit, dass das Luthertum in der Geschichte Estlands und Lettlands nachhaltig Einfluss auf die Gesellschaft ausübte. So waren denn die Beziehungen zu Deutschland - neben jenen zu den skandinavischen Ländern - stets von großer Bedeutung. Diese konnten nun neu belebt werden mithilfe der VolkswagenStiftung, die in den vergangenen fünf Jahren für den Wiederaufbau der Fakultät knapp 400.000 Mark bereitgestellt hat.

Die Ausgangssituation Anfang der neunziger Jahre war trostlos. In der 1991 wieder neu gegründeten Theologischen Fakultät waren nahezu alle Disziplinen nicht oder nicht angemessen besetzt, die Arbeit erfolgte unter schwierigsten Bedingungen. Für den Betrachter allerdings wenig überraschend, hängt doch bei der Theologie als "klassischer Buchwissenschaft" viel von einer gut sortierten Bibliothek ab. Und hier gab es die größten Defizite zu beklagen. Galt die Fachbibliothek in Tartu bis 1919 als international herausragend, von da an bis zum Zweiten Weltkrieg noch als recht gut, so wurde sie mit dem Zeitpunkt der russischen Besatzung im Jahr 1940 nicht mehr gepflegt. Für den Zeitraum der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts fehlte folglich fast alles, was wissenschaftliches Arbeiten sich wünscht. Auch die technische und räumliche Ausstattung war weit unter mitteleuropäischem Niveau. Dieses Gesamtbild bot sich, als 1995 die Hilfe der VolkswagenStiftung einsetzte.

Es sollte eine Erfolgsstory werden. Inzwischen gibt es sechs Lehrstühle mit nahezu vollständigem Lehrkörper: Allein 15 der derzeit 19 Mitarbeiter der Fakultät konnten sich durch die Mittel der VolkswagenStiftung wissenschaftlich qualifizieren. Des Weiteren unterstützte die Stiftung Gastdozenturen; auch forschten und arbeiteten sieben Magisterstudierende jeweils zwei Semester lang in Deutschland. Der vorhandene Buchbestand wurde erschlossen und damit überhaupt erst wieder wissenschaftlich zugänglich gemacht, darüber hinaus wurden Fachbücher beschafft sowie Basisliteratur und Lehrmaterialien ins Estnische übersetzt. Ferner stehen den Magister- und Promotionsstudierenden inzwischen Computer zur Verfügung, mit deren Hilfe sie ihre Abschlussarbeiten verfassen oder via Internet das wissenschaftliche Gespräch in die Welt hinaus pflegen können. Damit ist der Anschluss an die internationale Wissenschaft in Sicht; zudem - und das ist beinahe noch wichtiger - kann jetzt auf estnischer Seite eigenverantwortlich Nachwuchsförderung in den theologischen Disziplinen betrieben werden.

Heute bestehen seitens der Fakultät Kontakte zu den Universitäten in Greifswald, Göttingen, Marburg, Münster - und vor allem Kiel. Das Institut für Neutestamentliche Wissenschaft und Judaistik der dortigen Christian-Albrechts-Universität hat auf deutscher Seite als Bewilligungsempfänger der VolkswagenStiftung den Aufbau in Estland seit 1995 vorangetrieben. Auch die Nordelbische Kirche und der Evangelisch-Theologische Fakultätentag in Deutschland machten die Sache früh zu ihrem Anliegen. Der Kontakt zwischen den Institutionen beider Staaten wird auch über die Förderung hinaus Bestand haben - erleichtert nicht zuletzt dadurch, dass Sprachbarrieren kontinuierlich abgebaut werden. Denn ein Bestandteil der Ausbildung ist, dass alle Studierenden der Theologischen Fakultät Tartu zwei Jahre lang Deutsch lernen.

Fazit: Nach über 50 Jahren ungewollten Dornröschenschlafs wurde wieder eine Infrastruktur geschaffen für wissenschaftliches Arbeiten und akademische Lehre, für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und: eine internationale Ausrichtung. Die Theologische Fakultät Tartu ist nun in der Lage, den Weg alleine weiter zu gehen.

Kontakt: VolkswagenStiftung, Dr. Wolfgang Levermann, Tel.: 05 11 / 83 81 - 212, E-Mail: levermann@volkswagenstiftung.de

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