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2000 Jahre Bergbau im Harz - ein detailreiches Mosaik wurde jetzt publiziert

28.08.2000 - (idw) Technische Universität Clausthal

2000 Jahre Bergbau im Harz. Wie antwortete die Natur auf die Schläge, die ihr zugefügt wurden? Welche Techniken setzte der Mensch ein? Wie lernte er aus seinen Fehlern? Auf diese (und viele weitere) Fragen gibt der neue Band "Auf den Spuren einer frühen Industrielandschaft", hrsg. vom niedersächsischen Landesamt für Denkmalspflege, Auskunft. Ein spannendes, vielschichtiges Buch.


Die hohe Bleivergiftung der Hüttenleute ist mit moderner Analysetechnik an ihren Knochen nachweisbar.
Einträge von Kupfer (Cu) und Blei (Pb) in das Sonnenberger Moor, Oberharz. Die Werte der Kupfer- und Bleigehalte verschiedener Tiefen/unterschiedlichen Alters zeigen Anreicherungsfaktoren (Kempter/Frenzel). Wovon die historischen Quellen schweigen, das hinterläßt in der Natur doch Spuren. Und so konnte in den letzten zehn Jahren ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlern im Verbund mit der niedersächsischen Arbeitsstelle für Montanarchäologie in Goslar (Dr. Lothar Klappauf) eine Reihe offener Fragen zur Geschichte des Harzer Bergbaus klären. Eine Zusammenfassung ihrer Ergebnisse legten sie nun in der Reihe der Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Niedersachsen "Auf den Spuren einer frühen Industrielandschaft Naturraum - Mensch - Umwelt im Harz", Heft 21, vor. Karten und Überblicksartikel zur Geologie des Harzes, den Ursprüngen des Silberbergbaus im Mittelalter und seinem sozial- und kulturgeschichtlichen Hintergrund bilden neben Einzeluntersuchungen die verbindende Klammer. Ein Glossar erläutert Fachbegriffe für den Laien.

Was gibt die Natur preis? Der Harzer Bergbau ist viel älter als die schriftlichen Quellen vermuten ließen. Nicht erst im 10. Jahrhundert n. Chr., schon vor 2000 Jahren wurde Bergbau im Harz betrieben. Professor Dr. Wolfgang Brockner, TU Clausthal, untersuchte die Funde aus Düna - Erze/Erzrelikte, Metalle und Schlacken - auf ihre Elementzusammensetzung hin. So konnte die Erzeugung von Eisen, Kupfer, Blei und Silber aus den in der Nachbarschaft vorkommenden Eisenerzen, Oberharzer Gangerzen und auch aus Erzen der fast dreißig Kilometer entfernten Rammelsberglagerstätte bei Goslar nachgewiesen werden. Gestützt werden diese Ergebnisse von Untersuchungen an Torfschichten. Wächst, wie bei dem nahe Seesen gelegenen Erdfall "Silberhohl", eine Torfschicht ungestört und kontinuierlich über die Jahrhunderte hinweg, so ist ihr Profil ein Lesebuch wechselnder Intensität des Bergbaus, schlagen sich Hüttenräuche doch am Boden nieder. Bereits für die jüngere vorrömische Eisenzeit konnte eine zwar äußerst geringe, aber eindeutig vom Menschen her rührende Anreicherung von Blei, Cadmium, Kupfer und Zink in den "Jahresringen" der Torfschichten nachgewiesen werden (Professor Dr. Dr. h.c. Burkhard Frenzel und Dr. Heike Kempter, Universität Hohenheim).

Schriftliche Quellen berichten im 17. Jahrhundert, es gäbe im ganzen Harz keinen Baum mehr, der stark genug wäre, um einen Förster daran aufzuhängen. An den Holzkohleresten kann abgelesen werden, welche Hölzer verfeuert wurden. An einigen Verhüttungsplätzen gab es bereits im achten Jahrhundert n. Chr. nicht mehr die natürlicherweise dort vorkommenden Eichen- und Buchenwälder. Die Rodung war offensichtlich so weit fortgeschritten, daß Sträucher und Birken, die anstelle des natürlichen Waldes die Vegetation erobert hatten, mit verfeuert werden mußten. Diese haben aber einen niedrigeren Heizwert. So mußte der Holzverbrauch also anwachsen - bis zum völligen Kahlschlag. Die Zeitgenossen erkannten die drohende Energiekrise nicht und rannten in das Desaster hinein. Die von der Bergbehörde erlassenen Waldschutzvorschriften wurden offensichtlich umgangen.

Die Goslarer Hüttenleute des 18. Jahrhunderts ernährten sich fast ausschließlich vegetarisch und heirateten untereinander. Die Skelette eines aus dem 18. Jahrhunderts am Brüdernkloster in Goslar stammenden Friedhofes geben hiervon Kunde. Denn Knochen sind ein "Langzeitgedächtnis" der Lebensgeschichte des Individuums. Die Bleivergiftung der Hüttenleute ist ihnen ebenso ersichtlich, wie die an Getreide reiche Ernährung (Dr. habil Holger Schutkowski, Dipl.-Biol. Alexander Fabig, Professor Dr. Bernd Hoffmann, Dr. Barbara Bramanti, Dr. Susanne Hummel, Uni Göttingen).

Zwei Jahrtausende Bergbau haben den Harz tief geprägt. Sein Pflanzenkleid wandelte sich von Eichen/Buchenwald zur Monostruktur der standortfremden Fichten. Ursprünglich abseits der großen Handelswege gelegen, entstand aufgrund planvoll klösterlicher und später herzoglicher und städtisch-bürgerliche Initiative hin eines der frühesten Industriereviere Deutschlands.

Wie der Mensch seine Umwelt prägt, die Landschaft verändert, und selbst auf die sich wandelnden Anforderungen reagieren mußte, das wird in diesem Buch zu einem detailreichen Mosaik zusammengefügt.


Auf den Spuren einer frühen Industrielandschaft
Naturraum - Mensch - Umwelt im Harz
Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege. Hrsg. Christiane Segers-Glocke, Hameln: Niemeyer, 2000
Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 21. ISBN 3-8271-8021-X

Weitere Informationen: Dr. Lothar Klappauf, Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Arbeitsstelle Montanarchäologie, Rammelsberger Straße 86, 38640 Goslar Tel. 05321 25 24 6, eMail: lothar.klappauf@tu-clausthal.de
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