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Biblische Archäologie

04.09.2000 - (idw) Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Die zahlreichen Ruinenstätten der hellenistisch-römischen Zeit im nördlichen Jordanien haben schon früh das Interesse der Archäologen geweckt. Doch erst seit den 1980er Jahren haben Wissenschaftler wie der Tübinger Forscher Prof. Siegfried Mittmann zeitlich vorausgehende Stadtsiedlungen in diesem Gebiet archäologisch genauer erforscht. Ein durch Grabungen gut untersuchtes Beispiel ist die frühbronzezeitliche Stadt Hirbet ez-Zeraqon.

Tonnenweise Scherben

Biblische Archäologie bringt nordjordanische Stadt aus früher Bronzezeit zum Vorschein

Scherben bringen Glück, doch den Archäologen machen sie vor allem Arbeit. Vier Tonnen Keramikscherben hat Siegfried Mittmann, Professor für Biblische Archäologie am Evange-lisch-theologischen Seminar der Universität Tübingen, von mehreren Grabungskampagnen aus dem nördlichen Jordanien mitgebracht. Er hat dort einige der rund 4-5000 Jahre alten Siedlungen der frühen Bronzezeit erforscht, die in einer ersten Welle städtischer Gründungen in Palästina entstanden. Ein Beispiel ist die Stadt Hirbet ez-Zeraqon, die rund zehn Kilometer nordöstlich der nordjordanischen Universitätsstadt Irbid liegt.

Bereits in den 1960er Jahren führte Mittmann ausgedehnte archäologische Oberflächenuntersuchungen im nördlichen Jordanien durch. Doch erst in den 1980er Jahren konnte der Tübinger Forscher in Zusammenarbeit mit dem Institute of Archaeology and Anthropology der Yarmouk University Irbid und seinem damaligen Leiter, Professor Moawiyah Ibrahim, mit der Ausgrabung der unter Ackererde verborgenen Ruinen von Hirbet ez-Zeraqon beginnen. Der Bau erstmals befestigter Städte, so der Archäologe, sei für die frühe Bronzezeit (3400 bis 2250 v. Chr.) charakteristisch, während die Verwendung des Rohstoffs Zinnbronze, die der Periode den Namen gab, erst gegen Ende der frühen Bronzezeit einsetzte. Die Stadt Hirbet ez-Zeraqon wurde von 1984 bis 1994 teilweise freigelegt. Die circa sieben Hektar große Anlage bedeckte den Scheitel einer Kuppe, dessen circa 30 Meter tief absinkender Südteil eine Art Unterstadt bildet. Das funktionale Zentrum mit dem Haupttor, der Tempelanlage und dem Palast befand sich in der Oberstadt. Die Stadt war von einer Befestigungsmauer weitgehend umschlossen. Mindestens zwei Tore führten hinein. Außerdem war sie an einigen Stellen mit so genannten Poternen, etwa ein Meter breiten Durchgängen, versehen. Die Befestigungsmauer war mehrmals von innen und außen verstärkt worden und erreichte schließlich eine Breite von sechs bis sieben Metern. Mittmann vermutet, dass die Erbauer in dem palästinischen Erdbebengebiet Probleme mit der Statik hatten. Massive Außenbastionen schützen die Stadttore und gaben der Mauer zusätzlichen Halt.

Die Städter versorgten sich offenbar aus drei Quellen mit Wasser, deren Zugangswege Gegner im Krieg leicht hätten abschneiden können. Mittmann vermutet, dass ein künstliches Tunnelsystem in über 60 Metern Tiefe unter der Stadt der Notversorgung mit Wasser diente. Es war über Stufenschächte im Südteil der Stadt zugänglich. "Sollten die frühbronzezeitlichen Bewohner diese Anlage geschaffen haben, wäre sie ein einzigartiges Denkmal früher Mineurkunst", so Mittmann. Die Wissenschaftler konnten nicht alle Grundmauern von Hirbet ez-Zeraqon freilegen. Doch mit Hilfe der physikalischen Prospektion, bei der Messungen des elektrischen Widerstandes im Boden Mauerwerk anzeigen können, wurde ein grober Stadtplan erstellt, der die Lage von Häusern, Plätzen und Straßen zeigt.

Auch die zahlreichen Scherben, die die Wissenschaftler bei den Ausgrabungen gefunden haben, helfen, die Funktion von Räumen und Gebäuden festzustellen. So lässt der Fundort von Überresten großer Vorratsgefäße auf eine Nutzung als Wirtschaftsareal schließen. Abdrücke von Rollsiegeln mit geometrischen und bildlichen Motiven auf der Schulter großer Vorratskrüge deuten auf syrisch-mesopotamische Kultureinflüsse hin. Vom städtischen Leben in der Bronzezeit kennen die Forscher zahlreiche Details. Doch warum die frühen Städte Palästinas bereits gegen Ende der frühen Bronzezeit rasch untergingen, ist bisher ungeklärt.
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Erste Welle des Städtebaus

Tübinger Forscher über Siedlungen der frühen Bronzezeit im nördlichen Jordanien

Das nördliche Jordanien bietet Archäologen eine große Fülle von Spuren früherer Siedlungen und vergangener menschlicher Kulturen. Dabei sind nicht nur Ruinenstätten wie Gerasa oder Gadara, Großstädte der hellenistisch-römischen Zeit, zu finden. Zahlreiche Überreste stammen etwa noch aus der frühen Bronzezeit (ca. 3400-2250 v. Chr.), als Palästina von einer ersten Welle des Städtebaus erfasst wurde. Prof. Siegfried Mittmann vom Arbeitsbereich Biblische Archäologie des Evangelisch-theologischen Seminars der Universität Tübingen war an mehreren Oberflächenuntersuchungen und Ausgrabungen in Jordanien und im Libanon beteiligt, bevor er sich der frühbronzezeitlichen Stadt Hirbet ez-Zeraqon, etwa zehn Kilometer nordöstlich der nordjordanischen Universitätsstadt Irbid mit einer eigenen Gra-bung zuwandte.

"Es herrscht weithin die Vorstellung, die biblische Archäologie beschränke sich auf die Zeit der Bibel. Wir erforschen jedoch die Kulturen des Landes der Bibel von der Stein- bis zur Neuzeit", erklärt Mittmann. Die Eingrenzung des Forschungsgebiets der biblischen Archäologie sei eher geographisch zu verstehen, es umfasse etwa das heutige Gebiet Israels, der Palästinenser und Jordaniens. Der evangelische Theologe hat bereits in den 1960er Jahren im nördlichen Jordanien Oberflächenuntersuchungen durchgeführt, einen so genannten archäologischen Survey, bei dem die Siedlungsgrößen, -befunde und -dichten eines großen Gebietes grob erfasst wurden. Erst in den 1980er Jahren konnte der Forscher auf einer der vielen ehemals registrierten Siedlungen, Hirbet ez-Zeraqon, auch Grabungen vornehmen. Der Bau erstmals befestigter Städte, stellt Mittmann fest, sei das eigentliche Merkmal der so genannten frühen Bronzezeit (ca. 3400 bis 2250 v. Chr.). Der namengebende Rohstoff Zinn-bronze sei dagegen erst gegen Ende dieser Epoche gebräuchlich gewesen. Die Forscher können bisher nur spekulieren, warum die frühen Städte bereits gegen Ende der frühen Bronzezeit allesamt rasch untergingen.

Die Stadt Hirbet ez-Zeraqon hat die Arbeitsgruppe von Prof. Mittmann in Zusammenarbeit mit dem Institute of Archaeology and Anthropology der Yarmouk University Irbid und seinem damaligen Leiter, Professor Moawiyah Ibrahim, in acht Ausgrabungskampagnen von 1984 bis 1994 teilweise freigelegt. Den Forschern kam dabei zugute, dass der Hügel nach dem Untergang der frühbronzezeitlichen Stadt unbesiedelt blieb. Hirbet ez-Zeraqon lag in einer fruchtbaren Hochlandebene. Kreuzfahrer bezeichneten das Gebiet sogar als das Land des "dicken Bauern". Doch die Niederschlagsmengen reichen nur knapp aus, um Getreide anzubauen. Daher hatten die Menschen der frühen Bronzezeit neben Emmer, Gerste, Linsen, Kichererbsen und Flachs vor allem auch die typischen palästinischen Kulturpflanzen Wein-stock, Ölbaum und Feige angebaut.

Aus der topographischen Lage der Stadt schloss Mittmann, dass die frühen Städter ein Wasserproblem hatten: Die drei Quellen, aus denen sich die Bewohner versorgten, waren von Hirbet ez-Zeraqon nur über einen langen und mühsamen Ab- und Wiederaufstieg erreichbar. Im Krieg hätten diese Lebensadern leicht abgeschnitten werden können, die Städter wären verdurstet. Möglicherweise diente ein künstliches Tunnelsystem, das in über 60 Metern Tiefe den talnahen Felsuntergrund des Hügels durchzieht und vom Südteil der Stadt aus zugänglich war, der Notversorgung. "Sollten die frühbronzezeitlichen Bewohner diese Anlage geschaffen haben, wäre sie ein einzigartiges Denkmal früher Mineurkunst", so Mittmann. Die circa sieben Hektar große Stadtanlage bedeckte den Scheitel einer Kuppe, dessen etwa 30 Meter tief absinkende Südhälfte eine Art Unterstadt bildete. Auf jeden der beiden Stadtteile legten die Archäologen einen Grabungsschwerpunkt.

Die Oberstadt bildete offenbar mit dem Haupttor, einer Tempelanlage und dem Palast das funktionale Zentrum. Die Stadt war zumindest teilweise von einer Befestigungsmauer um-geben. Möglicherweise wurde sie nicht ganz geschlossen, weil ein steiler Talhang auf der Ostseite ausreichenden Schutz bot; auch sollte wohl die Sicht- und Rufverbindung zur Vorstadt auf einem vorgelagerten Hügel, Tell el-Fuhhar, nicht behindert werden. Mehrere Tore führten in die Stadt hinein, die in unterschiedliche Komplexe - Wohneinheiten, Tempel- und Palastbereich - eingeteilt war. Eine kreisrunde Plattform aus Kreidebruchsteinen im Tempelhof deuten die Forscher als Brandopferaltar, da sich daneben ein großes, mit Tierknochen durchsetztes Aschedepot fand. Neben dem städtischen hat es aber möglicherweise auch Hauskulte gegeben. Darauf deutet neben anderem eine Plastik hin, die eine Opferszene darstellt und in einem der Wohnbereiche gefunden wurde.

Die Stadtmauern wurden aus Kalkbruchsteinen mit Erdmörtel zusammengefügt, die Häuser aus luftgetrockneten Lehmziegeln. Die Befestigungsmauer wurde von außen und innen immer wieder verstärkt, bis sie eine Breite von sechs bis sieben Metern erreichte. Massive Bastionen neben den Stadttoren sollten wohl auch das Mauersystem stützen. Mittmann vermutet, dass die Erbauer mit solch monumentaler Architektur noch unerfahren waren und erhebliche Probleme mit der Statik hatten, nicht zuletzt auch deshalb, weil Erdbeben in Palästina häufig sind. Vereinzelt ist die Stadtmauer von so genannten Poternen, etwa ein Meter breiten Gängen, durchbrochen. Insgesamt war die Fläche der Stadt Hirbet ez-Zeraqon zu groß, um alle erhaltenen Grundmauern freizulegen. Daher haben die Tübinger Forscher mit Hilfe der physikalischen Prospektion zumindest einen groben Stadtplan erstellt. Durch Messungen des elektrischen Widerstandes im Boden kann mit dieser Methode vor allem kom-paktes Mauerwerk und damit die Lage von Häusern, Plätzen und Straßen erfasst werden.

"Leider haben wir keinen Friedhof gefunden", sagt Mittmann. Die Grabbeigaben waren an anderen archäologischen Stätten oft besonders aufschlussreich. Doch übersteigen die unzähligen Keramikscherben, die im Laufe der Grabung gefunden wurden, auch so fast die Tübinger Kapazitäten. Häufig können nur die so genannten diagnostischen Scherben wie Ränder oder Henkel von Gefäßen untersucht werden, die besonders viel über Form und Gestaltung aussagen. Eine Restauratorin hat außerdem in zehn Jahren etwa 260 Gefäße zusammengesetzt. "Unter dem Dach des Instituts lagern aber noch weitere vier Tonnen Scherben und das ist nur etwa ein Drittel dessen, was wir in zehnjähriger Arbeit gefunden haben", erzählt der Archäologe.

Vor seinen Grabungen hat Mittmann viele Jahre im Sonderforschungsbereich "Tübinger Atlas des Vorderen Orients" als Projektleiter das Fach Biblische Archäologie vertreten, dem die Erstellung der historischen Palästina-Karten oblag (sie werden Ende 2000 gesondert als "Tübinger Bibelatlas" erscheinen). Historische Geo- beziehungsweise Topographie und Namensforschung ist deshalb ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit. So ist er auch dem Namen "Zeraqon" nachgegangen und hat dabei festgestellt, dass er bereits in der Form Zar-qu in dem Keilschriftbrief eines palästinischen Stadtfürsten an seinen ägyptischen Ober-herrn, wohl den Pharao Echnaton (14. Jh. v. Chr.), erscheint. Allerdings beschränkte sich das spätbronzezeitliche Zarqu auf die ehemalige Vorstadt Tell el-Fuhhar, die nur etwa 1,5 Hektar groß war.


Nähere Informationen:

Prof. Siegfried Mittmann
Evangelisch-theologisches Seminar
Biblische Archäologie
Liebermeisterstraße 12
72076 Tübingen
Tel. 0 70 71/2 97 80 24
Fax 0 70 71/29 54 33


Der Pressedienst im Internet: http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html

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