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Politik und Wissenschaft nachhaltiger gestalten

16.09.2002 - (idw) Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Gemeinsame Erklärung des Max-Planck-Instituts für Meteorologie Hamburg, des Potsdam Institut für Klimafolgenforschung und des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie anlässlich des Internationalen Tags zum Schutz der Ozonschicht
Stichworte: Ozonschicht, Wetterextreme, Klima, Klimafolgen (Anpassen und Vermeiden), Nachhaltigkeit, Wissenstransfer

Am 16. September ist der vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) ausgerufene "Internationale Tag zum Schutz der Ozonschicht" (International Day for the Preservation of the Ozone Layer). In diesem Jahr fällt er in die Zeit nach dem sog. "Jahrhunderthochwasser" in Mitteleuropa sowie dem Abschluss des "Umweltgipfels" in Johannesburg. Aus diesem Anlass wenden wir uns gemeinsam an die deutsche Öffentlichkeit. "Wir", das sind die Institute für die Erforschung des Klimas (MPI Hamburg), der Folgen des Klimawandels (PIK Potsdam) sowie der Optionen zur Vermeidung bzw. Anpassung (Wuppertal Institut) - wir decken gemeinsam das Spektrum der anstehenden wissenschaftlichen Herausforderungen ab. Wir wollen mit unserem gemeinsamen Auftritt zwei Punkte besonders betonen:

1. Das Ziel nachhaltige Entwicklung erfordert zugleich eine "Politik des langen Atems" und entschlossenes vorsorgendes Handeln.

2. Auch die Wissenschaft selbst muss Konsequenzen ziehen: ihre Inhalte und die Formen der Wissenschaftskommunikation sollten eine Politik der Nachhaltigkeit noch intensiver unterstützen.

Unser Anliegen ist darüber hinaus, die Öffentlichkeit an die Lehren zu erinnern, die aus der Politik zum Schutz der Ozonschicht, aus den Wetterextremen und aus dem Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg zu ziehen sind.

Das Menetekel der Ozonschicht

Die Ozonschicht ist Bedingung allen organischen Lebens auf der festen Erde. Sie ist Schutzhülle des Lebens, sie schützt vor schädlicher UV-Strahlung. Die Bedrohung dieser Hülle durch die Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) wurde in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckt. Die damaligen Prognosen lauteten auf einen erwartbaren Abbau der Ozonschicht um einige Prozent. Gemessen wurde jedoch im Jahre 1985 ein teilweiser Abbau um bis zu 40 Prozent im Frühjahr über der Antarktis. Offenbart wurde damit eine große Differenz zwischen Erwartung und Realität. Die Lehre lautet: Nichtlineare Effekte und komplexe Wechselwirkungen können in der Natur zu Effekten führen, die um ein Vielfaches oberhalb dessen liegen, was "erwartet" werden konnte. Diese Lehre sollte die Öffentlichkeit bei den wissenschaftlich kommunizierten Projektionen in anderen Umweltbereichen, insbesondere im Klimafall, vor Augen haben. Für die Politik begründen diese Überraschungen einen Imperativ für Vorsorgepolitik, auch wenn die "erwartete" Eintrittswahrscheinlichkeit als gering aber der mögliche Schadensumfang als sehr hoch eingeschätzt wird.

Der regionale Abbau der Ozonschicht im antarktischen Frühjahr ist inzwischen zeitweise auf 100 Prozent geklettert, über der Nordhalbkugel werden temporär, wenn auch in viel kleineren 'Löchern', vergleichbare Werte erreicht. Mehr Aufmerksamkeit muss deshalb gegenwärtig auch dem Thema "Anpassung" und - soweit wie möglich - dem Schutz vor Schäden gewidmet werden.

Die wichtigste Lehre aus der Ozonproblematik ist jedoch das Ausmaß der Zeitverzögerung zwischen Verstehen, Handeln und Schadenswirkungen. Nachdem erst in den 90er Jahren ein Verbot der FCKW fast weltweit umgesetzt worden war, wird die Verdünnung der Ozonschicht und damit die Verstärkung der UV-Einstrahlung noch viele Jahre anhalten. Erst in etwa 50 Jahren wird schließlich das Maximum bei der Zunahme von Hautkrebs erreicht.

Hochwasser - Klimafolgen. Anpassen und entschlossenes Vermeiden

Ähnliche Lehren können aus den Hochwasserkatastrophen gezogen werden. Ein zentrales Problem ist der gezielte Wissenstransfer:

Die Schwachstellen des Hochwasserschutzes im Elbesystem waren bekannt - sie sind u.a. im Rahmen des BMBF-Projekts "Ökologie der Elbe" erforscht worden. Besondere Schäden traten an den Elbabschnitten auf, die sich in diesem Forschungsprojekt als besonders labil erwiesen haben. Hier liegt offensichtlich ein Defizit an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, wissenschaftlicher Politikberatung und Gebietskörperschaften vor. "Die bundesweit flächendeckende Erstellung von Gefährdungsanalysen und Indikatoren für die Raumplanung auf der Gemeindeebene nach einheitlichen Vorgaben" (DKKV) sind dringend erforderlich! Noch einmal zehn Jahre dürfen wir uns nicht genehmigen.

Wichtig ist, die Wetterextreme in Deutschland in weltweiter Relation zu sehen. Jährlich werden 200.000 Menschen Opfer von Flut oder anderen wetterbedingten Katastrophen.
Betroffen sind jährlich 200 Millionen Menschen sieben mal mehr als bei kriegerischen Ereignissen. Die Schadenssummen, nur auf das materielle Eigentum begrenzt, werden auf jährlich 50 bis 100 Mrd. US $ geschätzt. Die globale öffentliche Entwicklungshilfe beläuft sich derzeit auf rund 50 Mrd. US $. Der Umfang der Entwicklungshilfe reicht also nicht einmal aus, um den Schaden "wieder gut zu machen", der insbesondere auch von den Industrieländern mit verursacht wurde. Auch die Frage nach finanzierbaren Anpassungstechnologien und des Know-how-Transfers bei Katastrophenschutz muss bei der Entwicklungszusammenarbeit mitgedacht und mitgeplant wird. Auch dabei wird die wissenschaftliche Analyse von Klimawirkungen und denkbaren Schutzmaßnahmen (Anpassung) immer wichtiger. Nicht zuletzt ergeben sich hieraus zusätzliche Argumente für eine Politik, die ihre Prioritäten darauf setzt, möglichst viele Schäden noch zu vermeiden.

Ozonproblematik, Wetterextreme (z.B. Hochwasser) und die Ergebnisse von Johannesburg verweisen auf die Dringlichkeit, auch in Deutschland eine entschlossene Nachhaltigkeitsstrategie parteiübergreifend umzusetzen sowie die Klimaschutzaktivitäten zu verstärken. Eine neue Bundesregierung sollte dabei mehr Gewicht auf eine leistungsorientierte Nachhaltigkeitsforschung legen. Wir können wesentliche gesundheitliche, wirtschaftliche und soziale Folgen vergangener und gegenwärtiger Natureingriffe nicht mehr rückgängig machen. Aber wir können noch größere Schäden durch entschiedenes Handeln heute vermeiden. Das verlangt eine interdisziplinär arbeitende Wissenschaftslandschaft und einen intensivierten Dialog in Hinblick auf die Langfristplanungen der Politik.


Hinweise für Journalisten:
Diese PM wurde schon am Freitag, den 13.09.02 vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie verschickt.

Ansprechpartner:
Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie,
Tel. (Pressestelle, Dorle Riechert): Tel. (0202)2492 180

Prof. Dr. Hartmut Graßl,
Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie
Tel.(Pressestelle, Dr. Mojib Latif):(040) 411 73 248

Prof. Dr. Hans-Joachim Schellnhuber,
Leitender Direktor des PIK - Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung e. V.
Tel.(Pressestelle, Margret Boysen):(0331) 288 25 07
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