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Fusion GMD/Fraunhofer: Zukunft der IT-Forschung in Deutschland

13.10.2000 - (idw) Hessisches Telemedia Technologie Kompetenz-Center e.V.

GMD-Institut fuer Integrierte Publikations- und Informationssysteme
Dolivostr. 15, 64293 Darmstadt


Institutsleiter der GMD sorgen sich um den Forschungsstandort Deutschland: Erich Neuhold und Ralf Steinmetz
Institutsleiter der GMD sorgen sich um den Forschungsstandort Deutschland: Erich Neuhold und Ralf Steinmetz .
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Bundesministerin
fuer Bildung und Forschung
Frau Edelgard Bulmahn
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Sehr geehrte Frau Bulmahn,

die Bundesregierung hat erkannt, dass die Zukunft des Standorts
Deutschland zu einem entscheidenden Teil in der Informations-
und Kommunikationstechnik liegt. Kurzfristig sollen uns auslaen-
dische Fachkraefte auf Basis der Greencard helfen; langfristige
Loesungen werden von einer signifikanten Steigerung der Aus-
und Fortbildung sowie der Forschung erwartet. Dieser Schritt
orientiert sich am internationalen Wettbewerb und ist daher nur
konsequent: Schliesslich hat die US-Regierung ihre F+E Auf-
wendungen auf Grund des PITAC-Reports fuer das Jahr 2000
um um 514 Mio. US$ angehoben. Bis zum Jahr 2004 verlangen
die Autoren des PITAC zusaetzliche Mittel in Hoehe von ueber 4
MRD US-$. Wir wollen Sie in Ihrer Sorge um die Sicherung des
Standorts mit ganzem Herzen unterstuetzen.

In diesem Zusammenhang ist die geplante Fusion der GMD und der
Fraunhofer-Gesellschaft zu sehen. Ueber den vorliegenden "Modera-
toren-Vorschlag" wollen Sie in der naechsten Woche entscheiden.

Dazu moechten wir als Institutsleiter der GMD anmerken:
1. Wissenschaftler sind daran interessiert, Neues zu entdecken, ihre
Ergebnisse der internationalen Forschungsgemeinde zu praesentieren
und fuer ihre Arbeit nach wissenschaftlichen Kriterien bewertet und
womoeglich gar ausgezeichnet zu werden.

Wissenschaftliche Kriterien sollen bei der kuenftigen Beurteilung
unserer Einrichtung innerhalb der neuen Fraunhofer-Gesellschaft aber
praktisch voellig entfallen. Damit wird uns und unseren Mitarbeitern
der Anreiz entzogen, weiter fuer das Institut bei einer Bezahlung nach
Bundesangestelltentarif taetig zu sein.

Ergebnis: Allein innerhalb der letzten Wochen mussten wir in einem
einzigen Forschungsbereich unseres Instituts den Verlust von vier
leistungsfaehigen Mitarbeitern verkraften; ein weiterer Mitarbeiter aus
dem erweiterten Fuehrungskreis hat seinen Austritt bereits angekuen-
digt.


2. Statt wissenschaftlicher sollen kuenftig wirtschaftliche Kriterien
gelten. Zur Festsetzung der Hoehe der Grundfinanzierung soll zwischen
guten, mittelmaessigen und schlechten Drittmitteln aus Industrie, der
Europaeischen Union und dem BMBF unterschieden werden.

Damit werden wir gezwungen, uns bei Projektausschreibungen Ihres
Hauses nicht mehr selbst zu bewerben, sondern stattdessen bei einem
industriellen Konsortialfuehrer Auftragnehmer zu werden. So wird aus
scheinbar schlechtem Geld gutes. Wir moechten es weder unseren
Mitarbeitern noch uns selbst zumuten, uns mit Taschenspielertricks
solcher Art beschaeftigen zu muessen.

Dieses "Financial Engineering" ist darueber hinaus auch in wirtschaft-
licher Hinsicht sinnlos: Vieles von dem, was in der Vergangenheit ohne
Industriegeld entwickelt wurde - wie zB das Internet -, ist heute ein
riesiger kommerzieller Erfolg.

Ergebnis: Die Kriterien verfehlen ihr Ziel, stehlen uns die Zeit fuer
unsere Arbeit und langweilen uns auf allen Ebenen: Mitarbeiter,
Fuehrungskraefte wie Institutsleiter!


3. Sie haben uns in Ihrem Brief vom 30.3. zugesichert:

"Die Umsetzung (der Fusion) muss sorgfältig vorbereitet werden und zwar
unter Bedingungen, die von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern

der GMD und FhG breit mitgetragen werden."

Dieses Versprechen fordern wir heute von Ihnen ein!

Im Ergebnis stellen wir fest, dass diese Fusion unter den Bedingungen
der Moderatoren Ihren - anerkannt lobenswerten - Zielen diametral
entgegenlaeuft und fordern Sie auf, dieses kontraproduktive Vorhaben

einzustellen, wenn Sie nicht zur Totengräberin einer Forschungseinrich-
tung werden wollen, die in der Vergangenheit Elementares geleistet hat
und an deren Forschungsergebnissen womoeglich Millionen von Arbeits-
plaetzen im Wissenszeitalter haengen.

Mit freundlichen Gruessen

Prof. Dr. Erich J. Neuhold________Prof. Dr. Ralf Steinmetz
Institutsleiter__________________Institutsleiter


An die Vertreter der Medien: Bei Rueckfragen wenden Sie sich bitte
an den Pressesprecher unseres Institutes:

Joachim Jakobs
jakobs@darmstadt.gmd.de

Tel.: 06151 - 869 832
Fax: 06151 - 869 963

Er gibt Ihnen gerne weitere Auskuenfte.
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