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Die "Wissensgesellschaft" auf dem Prüfstand

18.10.2000 - (idw) Universität Augsburg

Tagung "Geschichte(n) der Wirklichkeit" des Graduiertenkollegs am Augsburger IEK

Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft veranstaltet das Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg vom 2. bis zum 4. November 2000 die Tagung "Geschichte(n) der Wirklichkeit. Beiträge zu einer Sozial- und Kulturgeschichte des Wissens". Die unter Leitung von Dr. Achim Landwehr von den Kollegiatinnen und Kollegiaten des IEK-Graduiertenkollegs "Wissensfelder der Neuzeit" konzipierte Tagung geht in der Auseinandersetzung mit historischem Wissen der täuschenden Selbstsicherheit auf den Grund, mit der die meisten Propagandisten der heutigen sogenannten "Wissensgesellschaft" zumal in den Medien auftreten.

Gleichzeitig mit der vielleicht tatsächlich epochalen Bedeutung, die das Wissen bzw. die Verfügung über Wissen für die modernen Gesellschaften angenommen hat, sind die Voraussetzungen und die Tragfähigkeit dieses Wissens problematisch geworden. Wir erkennen heute viel deutlicher als jemals zuvor, dass alles Wissen von mehr oder weniger komplizierten Wahrnehmungs- und Deutungsprozessen abhängt, die niemals eine vollständige und unverzerrte Wirklichkeitserfassung erlauben, sondern lediglich eine Wirklichkeitsannäherung oder Wirklichkeits(re)konstruktion. Das Individuum arbeitet mit einem alles andere als unfehlbaren Gehirn, von den Mängeln der Sinne ganz abgesehen. Die Gesellschaft, die Wahrnehmungen und Erfahrungen austauscht, sich also kommunikativ auf Wirklichkeitsannahmen verständigt, verzerrt diese Annahmen durch ihre jeweiligen wahrnehmungssteuernden Werte, Traditionen und Befindlichkeiten. Die Wissenschaft schließlich setzt alle ihre Hoffnung auf ausgeklügelte Forschungsverfahren und -apparaturen, nur um mehr und mehr einsehen zu müssen, dass auch diese Instrumente zu einer vollständigen und unverfälschten Wirklichkeitserfassung nicht in der Lage sind. Mit anderen Worten: Wissen kann kaum wirklich erlangt, es muss vielmehr konstruiert werden, wobei Kommunikation und Medien als Formen der Wissensfixierung, des Wissenstransports und der Wissensverarbeitung eine zentrale Rolle spielen.

An diesen Fragen setzt die Tagung des am Augsburger Institut für Europäische Kulturgeschichte angesiedelten Graduiertenkollegs an, um sich folgerichtig zunächst mit dem eigenen, nämlich dem historischen Wissen, zu befassen. Mit dem Thema der Tagung und der Tatsache, dass diese vom wissenschaftlichen Nachwuchs selbst konzipiert wurde, dokumentieren das IEK und sein Graduiertenkolleg einmal mehr, dass ihre Arbeit direkt am Puls der Zeit angesiedelt ist.

KONTAKT UND WEITERE INFORMATIONEN:

Prof. Dr. Wolfgang E. J. Weber, Institut für Europäische Kulturgeschichte, Universität Augsburg, Eichleitnerstr. 30, 86159 Augsburg, Telefon 0821/598-5843, Telefax 0821/598-5850, wolfgang.weber@iek.uni-augsburg.de

PROGRAMM

DONNERSTAG, 2.11.2000

13.30-14.30 Uhr: Einleitung
* Achim Landwehr (Augsburg): Das Sichtbare sichtbar machen. Wissen als Kategorie historischer Forschung

14.30 - 17.00 Uhr: Raum und Mensch - Das Wissen von der eigenen Welt
* Ralf-Peter Fuchs (München): "Ob Zeuge wisse, was das Burggraftum Nürnberg sei?" - Raumkenntnis frühneuzeitlicher Untertanen
* Claudia Stein (Berlin): Die kosmologische und körperliche Dimension von Krankheit in der Frühen Neuzeit am Beispiel der Franzosenpocken

17.00 - 19.30 Uhr: Zahlen? Daten? Fakten? - Statistisches und registrierendes Wissen
* Anton Tantner (Wien): Volkszählungen im 18. Jahrhundert in der Habsburgermonarchie
* Valentin Groebner (Basel): Körper be-zeichnen. Über den Gebrauch einiger Kategorien der Personenbeschreibung zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert
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FREITAG, 3.11.2000

9.00 - 12.30 Uhr: Bilder, Denkmäler, Sammlungen - Visualisierung und (Re-)Präsentation von Wissen
* Michaela Völkel (Hamburg): Kupferstichserien als Vermittler und Bewahrer des Wissens über höfische Kultur vom 16. bis 18. Jahrhundert
* Dietrich Erben (Augsburg): Geschichtsüberlieferung im Ereignisdenkmal
* Brigitte Sölch (Augsburg): Visualisierung historischen Wissens und Konstruktion von Geschichte. Ein Blick in die Sammlungsgeschichte des 17.und 18. Jahrhunderts

14.30 - 18.00 Uhr: Geschichte, Mythos, Gedächtnis - Das Wissen von der Vergangenheit
* Gabriele Bickendorf (Berlin): Geschichte im Bild. Zur Visualisierung von Kunst und Geschichte um 1700
* Wolfgang E.J. Weber (Augsburg): Die Geburt der Geschichtswissenschaft aus der Kontroverse: Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart
* Silvia Serena Tschopp (Augsburg): Zur Kontinuität von Geschichtsbildern - Friedrich Schillers "Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs"

18.15 - 20.00 Uhr Öffentlicher Abendvortrag:

* Otto Gerhard Oexle (Göttingen): Was kann die Geschichtswissenschaft vom Wissen wissen?
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SAMSTAG, 4.11.2000

9.00 - 12.30 Uhr: Himmel und Hölle - Das Wissen von der anderen Welt
* Rebekka v. Mallinckrodt (Augsburg): Text versus Ritus. Dilemmata der katholischen Konfessionalisierung
* Diethard Sawicki (Bielefeld): Die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten. Zur sozialen Dimension des Geisterglaubens in der Frühen Neuzeit
* Stephan Bachter (Augsburg): Wie man Höllenfürsten handsam macht.Zauberbücher und die Tradierung magischen Wissens

ab 12.30 Uhr: Abschlussdiskussion
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