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Forum Bildung diskutiert erste Ergebnisse von Expertengruppen

20.11.2000 - (idw) Arbeitsstab "Forum Bildung" in der Geschäftsstelle der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschun

Pressemitteilung 33/2000

Forum Bildung diskutiert erste Ergebnisse von Expertengruppen

Die beiden Vorsitzenden des Forum Bildung, Bayerns Wissenschaftsminister Hans Zehetmair und Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, stellten heute vor der Presse Ergebnisse der ersten vom Forum Bildung eingesetzten Expertengruppen vor. "Bildung und Qualifizierung haben drei Zieldimensionen, die immer gemeinsam zu sehen sind: Entwicklung der Persönlichkeit, Teilhabe an der Gesellschaft und Beschäftigungsfähigkeit", unterstrich Minister Zehetmair bei der Vorstellung von Ergebnissen der Expertengruppe "Bildungs- und Qualifikationsziele von morgen". Er betonte den raschen Wandel bei der Verwirklichung dieser drei Zieldimensionen: "Angesichts des immer rascheren Wachstums des Wissens entscheidet die Fähigkeit, Wissen aufzufinden, auszuwählen und anzuwenden, immer mehr über persönliche Chancen und gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt." Beides müsse daher zusammen vermittelt werden: solides Fachwissen und die erforderliche Methodenkompetenz zum Anwenden von Wissen.

Bundesbildungsministerin Bulmahn wies darauf hin, dass die Folgen von Chancenungleichheit in der Bildung heute erheblich einschneidender seien als vor einer Generation: "Wissen ist heute das Wichtigste, was ein Mensch, was eine Gesellschaft besitzen kann". Das Forum Bildung untersuche daher die Barrieren, die der Verwirklichung von Chancengleichheit entgegenstehen. "Wir dürfen nicht zulassen, dass heute immer noch fast 15 % der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ohne Beruf bleiben", betonte die Ministerin. So müssten gute Erfahrungen aus Modellvorhaben zur Qualifizierung von jungen Erwachsenen nun breit umgesetzt werden. Der Expertenbericht "Förderung von Chancengleichheit" spricht unter anderem Fragen der frühen individuellen Förderung, der Integration von ausländischen Kindern und Jugendlichen sowie die Situation der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ohne Beruf an.

Das Forum Bildung wird auf der Grundlage dieser Expertenberichte bis zum Februar 2001 erste vorläufige Empfehlungen vorbereiten. Diese vorläufigen Empfehlungen werden dann in einen intensiven Dialog mit betroffenen Organisationen, Einzelpersonen und der breiten Öffentlichkeit eingebracht. Am Ende dieses Prozesses sollen Gesamtempfehlungen stehen, die im November 2001 auf einem Abschlusskongress vorgestellt werden.

Neben der Diskussion von Ergebnissen der Expertengruppen steht die Einstiegsdiskussion zum fünften Themenschwerpunkt "Neue Lern- und Lehrkultur" im Mittelpunkt der von Minister Zehetmair geleiteten heutigen Sitzung des Forum Bildung.

Die von den beiden Vorsitzenden vorgestellten Kernaussagen der beiden Expertengruppen ergeben sich aus der Anlage.
Anlage


Kernaussagen der vom Forum Bildung eingesetzten Expertengruppe "Bildungs- und Qualifikationsziele von morgen"

· Bildung und Qualifizierung haben drei Zieldimensionen, die immer zusammen zu sehen sind: Entwicklung der Persönlichkeit, Teilhabe an der Gesellschaft und Beschäftigungsfähigkeit.
Angesichts des Wandels der Anforderungen zur Verwirklichungen dieser drei Zieldimensionen hat die Expertengruppe den Erwerb von sechs zentralen Kompetenzen beschrieben:
- Erwerb von Grundlagenwissen
- Erwerb anwendungsfähigen Wissens
- Lernen des Lernens
- Schlüsselkompetenzen wie z.B. Kulturtechniken und Medienkompetenz
- soziale Kompetenzen
- Vermittlung von Wertorientierungen.

· Fachwissen und Methodenkompetenzen lassen sich nicht isoliert voneinander erwerben. Gleiches gilt für Schlüsselkompetenzen.
Das einzigartige Wachstum des Wissens bringt kaum abschätzbare Chancen für persönlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt. Aber - und das ist die andere Seite der Medaille - dem steht die Gefahr gegenüber, dass Wissen wegen seiner Fülle und seiner dynamischen Entwicklung immer schwerer zu erschließen ist. Die Fähigkeit, Wissen aufzufinden, auszuwählen und anzuwenden für die jeweils beste Lösung einer aktuellen Aufgabe, entscheidet immer mehr über persönliche Chancen und gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wettbewerb. Beides muss daher zusammen vermittelt werden: solides Fachwissen und die erforderlichen Methodenkompetenzen zum Anwenden von Wissen.

· Das Lernen des Lernens erfordert eine grundlegende Veränderung: Lernprozesse selbst müssen wesentlich stärker zum Gegenstand von Bildung werden.
Lernen des Lernens, diese wichtige Voraussetzung für lebenslanges Lernen lässt sich nicht auf der grünen Wiese aneignen, d. h. die Kompetenz - selbständig - zu lernen, muss beim fachlichen, beim inhaltlichen Lernen erworben werden. In allen Phasen von Bildung und Qualifizierung muss daher immer wieder zurückgeblickt und überlegt werden, wie das konkrete Lernen tatsächlich stattgefunden hat und wie es hätte - noch besser - stattfinden sollen. Dieser Prozess muss sehr früh beginnen, beispielsweise schon im Kindergarten.

· Orientierung im Wandel setzt Gelegenheiten zum Erfahren von demokratischen Werten und zum Entwickeln von Perspektiven voraus.
In einer sich ständig verändernden Gesellschaft ist die Fähigkeit, mit Wandel umzugehen, die Chancen des Wandels zu nutzen und Wandel möglichst sogar mitzugestalten, eine der wichtigsten Kompetenzen. Dies setzt den Erwerb von Werten voraus, die persönliche Orientierung und Entwicklung von Perspektiven ermöglichen. Werte lassen sich nicht abstrakt vermitteln, etwa durch klassischen Politikunterricht mit Institutionenkunde. Werte müssen erfahren werden, etwa in einer demokratischen Schulkultur, die Schülern Vertrauen entgegenbringt und ihnen die Chance gibt, Verantwortung zu übernehmen. Der Erwerb von Werten hängt vor allem von Alltagserfahrungen und von Vorbildern ab, die Werte vorleben.

· Kompetenzen werden nicht nur in den klassischen Bildungsinstitutionen erworben, sondern in starkem Maße auch in der Lebens- und Arbeitswelt.

Wir sollten uns stärker darüber bewusst werden, in welchem Maße lernen auch in der Familie, beim Fernsehen, im Freundeskreis, im Verein und im Betrieb stattfindet. Eine der Konsequenzen daraus ist, dass Bildungseinrichtungen sich noch stärker öffnen müssen für ihr soziales, kulturelles und wirtschaftliches Umfeld. Wir brauchen für unsere Schulen, aber auch für Weiterbildungseinrichtungen eine Kultur der Zusammenarbeit vor Ort.
Eine andere Konsequenz daraus ist, dass Kompetenzen, die außerhalb von formaler Bildung erworben worden sind, beispielsweise im Betrieb, auch anerkannt werden müssen.

Die Aussagen dieses Berichts werden in den nachfolgenden Themenschwerpunkten des Forum Bildung weiter vertieft. Insbesondere unter dem Thema "Neue Lern- und Lehrkultur" werden die Konsequenzen für die Praxis der Bildung herausgearbeitet.

Mitglieder der Expertengruppe "Bildungs- und Qualifikationsziele von morgen" sind:
Helmut Flöttmann, Miele und Cie. GmbH, Gütersloh
Prof. Dr. Dr. Rainer Lehmann, Humboldt-Universität Berlin
Dr. Irene Lischka, Institut für Hochschulforschung Wittenberg
Prof. Dr. Ingo Richter, Deutsches Jugendinstitut, München
Prof. Dr. Christiane Schiersmann, Universität Heidelberg
Prof. Dr. Franz E. Weinert, MPI für psychologische Forschung, München.

Der vollständige Wortlaut des Berichts der Expertengruppe liegt voraussichtlich Ende des Jahres vor.
Erste Kernaussagen der vom Forum Bildung eingesetzten Expertengruppe "Förderung von Chancengleichheit"

· Frühe individuelle Förderung ist gleichermaßen Voraussetzung für das Vermeiden und den frühzeitigen Abbau von Benachteiligungen wie für das Finden und Fördern von Begabungen:

Die möglichst frühe individuelle Förderung ist Voraussetzung dafür, dass sich alle Kinder nach ihren Fähigkeiten und Interessen entwickeln können. Dieser Erkenntnis widerspricht es, dass Deutschland bei den Bildungsausgaben für Kinder im Alter bis zu zwölf Jahren erheblich unter dem OECD-Schnitt liegt. Japan, Österreich, Dänemark, Norwegen, Schweden, Schweiz und die USA wenden in diesem Bereich mindestens 50 % mehr pro Schüler auf.

Zur frühen individuellen Förderung gehört einerseits, dass die Möglichkeiten des Kindergartens stärker genutzt werden. Deutschland kann hier viel von seinen europäischen Nachbarn lernen. Auch die Voraussetzungen für die Förderung in der Grundschule müssen weiter verbessert werden. Eine gezielte Förderung in den ersten Grundschuljahren, um Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben, Rechnen rechtzeitig auszugleichen, ist hervorragend geeignet, späterem Schulversagen vorzubeugen. Und doch fehlt hierfür noch oft das Geld.

· Die Integration und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund muss ein zentrales Element von Bildung werden.

Wichtige Voraussetzungen für eine noch bessere Integration sind die Kooperation mit außerschulischen Initiativen, eine intensivere Elternarbeit und zielgruppengerechter Deutschunterricht. Die Förderung von Kindern und Jugendlichen, deren Eltern zugewandert sind, muss eine viel größere Rolle in der Aus- und Weiterbildung von Lehrern und Ausbildern spielen. Auch hier gibt es gute Beispiele, die breit umgesetzt werden müssen.

Wir müssen auch die Chancen erkennen, die darin liegen, dass Deutschland ein multikulturelles Land ist. Interkulturalität gilt heute als wichtige berufliche Schlüsselkompetenz.

· Wir dürfen nicht zulassen, dass fast 15 % der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ohne Beruf bleiben.

Über 10 % der deutschen Jugendlichen und fast 40 % der jungen Menschen mit Migrationshintergrund bleiben heute ohne Beruf. Angesichts der ständig zurückgehenden Beschäftigungsmöglichkeiten für Un- und Angelernte sind das dramatische Zahlen.

Eine Fachtagung des Forum Bildung hat noch einmal deutlich gemacht, dass neben einer weiteren Verbesserung des erfolgreichen Benachteiligtenprogramms der Bundesanstalt für Arbeit vor allem stärkere Anstrengungen zur Qualifizierung von jungen Erwachsenen erforderlich sind, die von den herkömmlichen Förderprogrammen nicht mehr erfasst werden. Erfolgreiche Modellvorhaben zeigen, dass schrittweises modulares Lernen während einer entlohnten Beschäftigung im Betrieb am besten geeignet ist, ausbildungsferne junge Erwachsene doch noch einen Berufsabschluss und damit eine dauerhafte Beschäftigung zu ermöglichen. Diese guten Erfahrungen müssen nun breit umgesetzt werden.

Das Forum Bildung wird diese und andere Aussagen der Experten in seiner heutigen Sitzung diskutieren und bis zur nächsten Sitzung im Februar vorläufige Empfehlungen erarbeiten, die dann in eine breite öffentliche Diskussion eingebracht werden.

Mitglieder der Expertengruppe "Förderung von Chancengleichheit" sind:

Henrik von Bothmer, Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit, Bonn

Prof. Dr. Hannelore Faulstich-Wieland, Universität Hamburg

Oberstudiendirektorin Ursula Hellert, CJD Jugenddorf Christopherusschule, Braunschweig

Petra Hölscher, Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung, München

Hans Joachim Laewen, INFANS Institut für Angewandte Sozialisationsforschung Frühe Kindheit e.V., Berlin

Herbert Loebe, Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft, München

Prof. Dr. Richard Münchmeier, Freie Universität Berlin

Prof. Dr. Edeltraut Röbe, PH Ludwigsburg

Der vollständige Wortlaut des Berichts der Expertengruppe liegt voraussichtlich im Januar 2001 vor.

Weitere Informationen:


Arbeitsstab Forum Bildung
in der Geschäftsstelle der Bund-Länder-Kommission
für Bildungsplanung und Forschungsförderung
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Telefon: (0228) 5402-126
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