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Vermuteter Geburtsort Tilman Riemenschneiders bestätigt. FU-Linguist findet entscheidenden Hinweis

16.01.2001 - (idw) Freie Universität Berlin

Die Frage um den Geburtsort Tilman Riemenschneiders, eines der bedeutendsten spätgotischen Bildhauers Deutschlands, dürfte gelöst sein: Des Rätsels Lösung liefert eine von Riemenschneider geschaffene Lindenholzfigur im Berliner Bode-Museum, deren Gebetsinschrift mit ihren spezifischen Dialektmerkmalen die bisherige Vermutung, daß Riemenschneider in Heiligenstadt im Eichsfeld geboren wurde, bestätigt. Dies fand der Sprachwissenschaftler und Indogermanist Dr. Matthias A. Fritz von der Freien Universität Berlin heraus.

Tilman Riemenschneider gehört zu den bedeutendsten spätgotischen Bildhauern Deutschlands, der hauptsächlich in Würzburg, Bamberg und Nürnberg arbeitete. Der Forschung war bereits bekannt, daß Riemenschneider aus dem Harz kam. Orientiert hatte sie sich hierbei an einer Angabe über seinen Herkunftsort in der Würzburger Matrikel. So wird zum Teil noch in heutigen Handbüchern angenommen, daß der Bildhauer in Osterode am Harz geboren wurde. Ein "Herkunftsort" entspricht allerdings nicht automatisch einem "Geburtsort", denn ein Herkunftsort bestimmt lediglich den Ort, an dem man sich zuletzt aufgehalten hat. Es folgten weitere Überlegungen durch die Riemenschneider-Forschung. Über die Einschätzung seines Alters nach Beendigung seiner Wanderjahre konnte Riemenschneiders Geburtsjahr um 1460 datiert werden. Mit Hilfe eines zusätzlichen Anhaltspunkts - nämlich der Annahme, daß der Vater Tilman Riemenschneiders 1465 von Heiligenstadt im Eichsfeld nach Osterode am Harz gezogen war - hatten die Wissenschaftler schließlich die Vermutung angestellt, daß Tilman in Heiligenstadt geboren sein könnte.

Dr. Matthias A. Fritz vom Seminar für Vergleichende und Indogermanische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin ist es nun gelungen, den entscheidenden Hinweis auf den Geburtsort Tilman Riemenschneiders zu finden: eine Gebetsinschrift, die sich auf dem Mantelsaum einer wahrscheinlich um 1504/05 entstandenen Lindenholzfigur des Apostels Matthias befindet (Bode-Museum, Berlin); das Gebet richtet sich an den Apostel Matthias und die Gottesmutter Maria. Die Inschrift weist Merkmale eines spezifischen thüringischen Dialekts auf: Es ist die ungewöhnliche Kombination zweier phonologischer Besonderheiten, die hier zur Geltung kommt und dem Wissenschaftler eine regionale Zuordnung über die Herkunft des Künstlers ermöglicht hat. Die Nominalform muder mit einem /d/ anstelle eines /t/ entspricht der niederdeutschen Lautung (Lautverschiebung von /d/ zu /t/ im niederdeutschen Sprachgebiet nicht erfolgt), während die Verbalform pit mit /p/ statt /b/ der oberdeutschen Lautung gleicht (Lautverschiebung des anlautenden Verschlußlauts von /b/ zu /p/ vollzogen und beibehalten). Das Auftauchen dieser beiden, in ihrer Kombination außergewöhnlichen Phänomene innerhalb der kurzen Gebetsinschrift auf Riemenschneiders Lindenholzfigur ermutigte den FU-Linguisten Fritz, sich mit Hilfe dialektologischer Literatur auf die Suche nach einer bestimmten Dialektregion zu begeben, die diese ungewöhnlichen Merkmale aufweist. In die engere Wahl kam hierbei das Nordthüringische, da diese mitteldeutsche Region als Gebiet an der Grenze zum Niederdeutschen zahlreiche niederdeutsche Substrate erkennen läßt. Innerhalb dieses Gebiets ist aufgrund zusätzlich auftretender Mundarten bei der Inschrift eine weitere Eingrenzung zum Nordwestthüringischen möglich; hiervon handelt es sich um eine Form des Obereichsfeldischen. Diese bestimmte obereichsfeldische Mundart wird auch in Heiligenstadt im Eichsfeld gesprochen, dem bisher nur vermuteten Geburtsort Tilman Riemenschneiders.

Die sich auf dem Mantelsaum befindende Gebetsinschrift wurde von derselben künstlerischen Hand geschaffen wie die Tilman Riemenschneider zugeschriebene Lindenholzskulptur. Dank dieses eindeutigen Sprachzeugnisses wurde nun endlich das Rätsel um den Geburtsort des Künstlers gelöst und die bislang geltende Vermutung, daß Riemenschneider in Heiligenstadt/Eichsfeld geboren wurde, sprachwissenschaftlich belegt.


Literatur:
In Kürze wird Dr. Matthias A. Fritz seine Forschungsergebnisse in dem Artikel "Tilman Riemenschneiders Mantelsaumgebet an die Gottesmutter Maria und den Apostel Matthias" in der Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 52/53 veröffentlichen.
Justus Bier, Tilman Riemenschneider, 4 Bde., Würzburg/Augsburg/Wien 1925-1978.

Weitere Informationen erteilt Ihnen gerne:
Dr. Matthias A. Fritz, Seminar für Vergleichende und Indogermanische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin, Fabeckstr. 7, 14195 Berlin-Dahlem, Tel.: 030 / 838-53471, E-Mail: fritzzwo@zedat.fu-berlin.de
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