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3. DIE Forum Weiterbildung: Zukunftsfelder der Weiterbildung

02.03.2001 - (idw) Deutsches Institut für Erwachsenenbildung

Gesellschaftliche Problemlagen und gesellschaftliche Veränderungsprozesse sind immer auch Herausforderungen für die Weiterbildung. Auch aktuell macht die Zukunft vielen Menschen eine diffuse Angst: Neue Technologien übersteigen die eigene Vorstellungswelt, der Lebensberuf scheint der Vergangenheit anzugehören und durch "Patchwork-Erwerbsbiografien" ersetzt zu werden. Die Verunsicherungen durch ein Zusammenleben mit Menschen, deren Kulturen "anders" sind, verstärken die Ratlosigkeit. Eine "Weiterbildung der Zukunft" muss sich diesen Fragen stellen und Problemlö-sungen anbieten. Dabei geht es jedoch keinesfalls nur darum, zur Bewältigung neuer Anforderungen beizutragen, sondern Veränderungen begreiflich zu machen und die Menschen zu befähigen und stark zu machen, diesen Wandel und die Zukunft selbst aktiv mitzugestalten. Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) hat mit seinem 3. Forum DIE Forum Weiterbildung am 11./12. Dezem-ber 2000 in Frankfurt/M. für das Thema "Zukunftsfelder der Weiterbildung" ein Diskussionsforum geschaffen, bei dem Vertreterinnen und Vertreter aus Praxis, Verbänden, Politik, Politikverwaltung und Wissenschaft sich kritisch und konstruktiv mit der Thematik auseinandersetzen konnten.

Bereits zum dritten Mal organisierte das DIE, Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft (Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz, WGL), ein DIE-Forum Weiterbildung, diesmal zum Thema "Zukunftsfelder der Weiterbildung". Das mit über 70 Teilnehmenden gut besuchte Forum bot wieder - wie bereits die beiden Jahre vorher - die Möglichkeit, in einen lebhaften und konstruktiven Austausch zu treten: In Vorträgen und Statements, ergänzt durch Podien und Gespräche wurde über Handlungsbedarfe, Gestaltungsaufgaben und Zukunft der Weiterbildung referiert und diskutiert, wurden Positionen benannt und konkrete Themen bearbeitet.
Anhand dreier Themenbereiche wurden aktuelle gesellschaftliche Veränderungsprozesse skizziert und Heraus-forderungen, die sich daraus für eine Weiterbildung der Zukunft ergeben, dargestellt: 1. die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, 2. die Thematik diskontinuierlicher Erwerbsbiografien und 3. das Leben mit anderen. Ziel des Forums war es, nach Antworten und Veränderungspotenzialen in der Weiterbildung zu suchen.
1. Zukunftsfeld: Neue Medien - Informations- und Kommunikationstechnologien
Die Neuen Medien verändern die Kommunikation zwischen den Menschen und ermöglichen neue und andere Wege der Informationsbeschaffung. Sie verändern vor allem aber auch die Art und Weise, Informationen an Menschen heranzutragen. Dabei sind die Neuen Medien ein Symbol auch für die gewachsenen Möglichkeiten des Menschen in die Entwicklung der Welt und der Natur einzugreifen. Damit sind zugleich auch die Anforderungen, diese Möglichkeiten und den sich daraus ergebenden Wandel zu begreifen, sinnvoll zu gestalten und kulturell zu verarbeiten, größer als je zuvor.
Die Vision einer "Katastrophe" und die Vision einer "schönen neuen Gesellschaft" liegen hier eng zusammen - so die Ausführungen von Prof. Dr. Franz Lehner vom Institut für Arbeit und Technik, Gelsenkirchen, in seinem einführenden Vortrag. Nicht die Technik an sich ist jedoch das Problem, sondern es geht darum, die Potenziale der Neuen Medien gerade auch für die Weiterbildung zu entdecken und zu nutzen. Die weiteren Referenten (Hermann Rademacker, Deutsches Jugend-Institut, München, und Volker Hedderich, Studiengemeinschaft Darmstadt) verwiesen in ihren Statements nachdrücklich auf die Notwendigkeit, fundierte pädagogische Konzepte und eine Didaktik im Medienbereich zu entwickeln. Aus pädagogischer Sicht gehe es somit um Gestalten und Nutzen der Neuen Medien auf verschiedenen Ebenen von Lehr-Lern-Situationen, die Integration der neuen Medien in didaktische Designs sowie in die Angebots- und Organisationspraxis von Weiterbildung (Ri-chard Stang, DIE). Wissenschaft und Praxis müssen hier Antworten finden.
2. Zukunftsfeld: Diskontinuitäten in der Erwerbsbiografie
Heterogene Einschätzungen der aktuellen Situation wurden beim Zukunftsfeld "Diskontinuitäten in der Erwerbsbiografie" deutlich.
Dr. Hans J. Pongratz, TU Chemnitz, erläuterte in seinem Vortrag die These vom Arbeitskraft-Unternehmer als neuem Erwerbstypus. War die bisherige Arbeitskraft geprägt von einer auf Kontinuität angelegten Vollbeschäftigung im erlernten Beruf, zeigt sich seit den 80er Jahren eine Erosion der Normalarbeitsverhältnisse. Kennzeichnend hierfür sind neue Arbeitsformen, Flexibilisierung der Arbeit, Brüche in der Erwerbsbiografie - der "Wechsel" wird zur Normalität. Die stattfindende Individualisierung des Lebenslaufs führt so zu neuen Herausforderungen, aber auch zu Verunsicherungen sowie zu mehr Selbstverantwortung des Individuums. Überspitzt formuliert ist gar von "Selbst-GmbH", "Ich-Akteuren" und "Selbstkapitalisierung" die Rede. Für Pongratz ergeben sich daraus für die Erwachsenenbildung folgende Aufgaben: Biografisierung der Bildungsangebote (erfahrungsbezogene Didaktik), Befähigung zur Bewältigung von Misserfolgen und Selbstreflexion der Erwerbsbedingungen als Themen in der Erwachsenenbildung.
In den Statements wurde von weiteren Referenten (Prof. Dr. Sabine Gensior, TU Cottbus, Andreas Seiverth, Deutsche Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung, Frankfurt/M., Dr. Winfried Heidemann, Hans-Böckler-Stiftung Düsseldorf) die Frage aufgeworfen, ob der skizzierte Arbeitskrafttypus denn tatsächlich (bereits) in dieser Form existiere und ob die Tendenzen nicht doch etwas zugespitzt formuliert seien. Unbestritten war jedoch, dass die individuelle Verantwortung des Einzelnen für seine Berufsbiografie zugenommen habe. In der Plenumsdiskussion wurde vehement die Forderung laut, dass bei der Beschreibung aktueller Tendenzen die Frage nach den politischen Ursachen nicht ausgeklammert werden dürfe.
3. Zukunftsfeld: Leben mit Anderen
Das dritte Zukunftsfeld der Weiterbildung ist ebenfalls charakterisiert durch widersprüchliche Tendenzen - wie Prof. Dr. Veronika Fischer (FH Düsseldorf) in ihren Ausführungen aufzeigen konnte: So stehen einer zunehmenden Globalisierung, der Öffnung des Weltmarktes und der weltweiten Kommunikation alte und neue Formen (inner)staatlicher Abgrenzungen und Grenzziehungen gegenüber. Sie sind gekennzeichnet durch Segregation und Asymmetrie, durch (ökonomische und politische) Schlechterstellung von Minoritäten sowie Wahrung von Privilegien und eigener Identität durch die Mehrheiten,. Wie können Identitätsentwürfe durch Vielfalt geschaffen und Multikulturalität zur Normalität werden? Durch vielfältige Kontakte zu Anderen sollen Spannungen abgebaut, soziale Integration, Partizipation und Akkulturation ermöglicht und geschaffen werden.
Anhand verschiedener Praxisprojekte wurden Wege aufgezeigt, wie diese Kommunikation zwischen den Kulturen initiiert, Reflexion und Verständigung angeregt und statt "Interkulturalität" "Transkulturalität" angestrebt werden (Annegret Ehmann, Regionale Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule in Potsdam, Horst Hopmann, Arbeit und Leben, Hamburg, Dr. Ingeborg Schüßler, Universität Kaiserslautern). Kritische Stimmen aus dem Publikum warnten hier jedoch vor einer "Pädagogisierung sozialer Probleme" und der Verharmlosung politischer und ökonomischer Benachteiligungen.
Empirische Forschung für Zukunftsfelder der Weiterbildung
In seinem Resümee zu den Zukunftsfeldern der Weiterbildung betonte Prof. Dr. Ekkehard Nuissl von Rein, Direktor des DIE, nochmals die in allen Bereichen deutlich gewordene Gestaltungsaufgabe von Weiterbildung: Hinsichtlich der Neuen Medien gilt es, die Technik, deren Entwicklung und Anwendung zu gestalten sowie die Menschen zu befähigen, sich in der Informationsflut zurechtzufinden und diese kritisch zu reflektieren. Die Entwicklungsskizzen zum Arbeitskraft-Unternehmer mit den Konsequenzen zunehmender Eigenverantwortung und dem "Zwang, sich als Subjekt zu entmoralisieren" (Seiverth) machten betroffen und forderten eine stärkere kritische Analyse der politischen Rahmenbedingungen. "Miteinander lernen" und "miteinander leben" als pädagogische Herausforderung verlange eine neue Selbstreflexion, da "das Fremde nicht außerhalb von uns" existiere. Zusammenfassend stellte Nuissl fest, dass es für alle drei Zukunftsfelder der Weiterbildung dringend notwendig sei, die empirische Forschung zu forcieren. Zudem müsse wieder eine neue und stärkere politische Zieldiskussion und moralische Einschätzung erfolgen.

Information: Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, Hansaallee 150, 60320 Frankfurt/M., Ingrid Ambos, Fon 069/95626-154, Fax 069/95626-174, E-Mail ambos@die-frankfurt.de

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