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Universität Paderborn: Evaluationsstudie "Jugendarbeit in Sportvereinen" - Anspruch und Wirklichkeit

06.03.2001 - (idw) Universität Paderborn

Bei inhaltlichen Fragen zur Studie "Jugendarbeit im Sportverein", die an der Universität Paderborn erstellt wurde, können Sie sich gern wenden an: Co-Autor Torsten Kleine, Tel.: 05251-60-3135, Fax: 05251-60-3547, bklei2@hrz.uni-paderborn.de, Mitarbeiter im Fach Sportwissenschaften, Arbeitsbereich 1/Sport und Erziehung, Leitung: Prof. Dr. Wolf-Dietrich Brettschneider.

Die Studie selbst ist erhältlich beim Ministerium für Städebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Pressereferat: 0211-3843-0, -204, Fax: 3843-601, -603.

Einführung: Die Lebenssituation der gegenwärtigen Jugendgeneration wird unterschiedlich eingeschätzt. Einerseits wird die Optionsvielfalt der jungen Menschen betont und die damit verbundene Chance, Regie über die Gestaltung der eigenen Biographie zu führen. Diese Optionsvielfalt kann aber auch zu Orientierungslosigkeit und Verunsicherung und damit zu Belastungen führen, die das Bewältigen von alterstypischen Entwicklungsaufgaben erschweren.

An dieser Stelle setzt die Studie "Jugendarbeit in Sportvereinen" an, in der zwischen 1998 und 2000 ein Team der Universität Paderborn unter der Leitung des Sportwissenschaftlers Prof. Dr. Wolf-Dietrich Brettschneider die Jugendarbeit in nordrhein-westfälischen Sportvereinen untersucht hat. Die Studie fragt nach den Möglichkeiten des Jugendsports im Verein Ressourcen zu erschließen, die die Belastungen von Jugendlichen mindern und ihre Entwicklung fördern.

Jugendarbeit in Sportvereinen soll - im Selbstverständnis des organisierten Sports wie auch in den Vorstellungen von Staat und Politik - zum einen das sportliche Engagement im Verein fördern und zum anderen die Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen in all ihren Facetten unterstützen und folglich dem Gemeinwohl dienen. Aufschluss zu gewinnen, inwieweit die Sportvereine diesem Anspruch gerecht werden, war das Ziel der Forschungsarbeit.

Zentrale Befunde der Untersuchung, die das Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes NRW in Auftrag gegeben hatte, wurden am 5. März 2001 von Minister Michael Vesper und Prof. Brettschneider in Düsseldorf vorgestellt.

Die Forschungskonzeption sah drei Teilstudien vor: eine Fragebogenerhebung, motorische Tests und Interviews mit Vereinsjugendlichen und deren Eltern. Untersucht wurden nach spezifischen sozialstatistischen Kriterien ausgewählte Gymnasiasten und Hauptschüler an 40 Schulen Nordrhein-Westfalens im Alter zwischen 12 und 18 Jahren, wobei auch die Vielfalt der Vereinslandschaft berücksichtigt wurde, so dass die Ergebnisse für die genannte Population verallgemeinerbar sind. Alle Teilstudien waren längsschnittlich angelegt. Das heißt, die Jugendlichen wurden im Verlauf von drei Schuljahren mehrfach untersucht. Auf diese Weise konnten Aussagen über die individuelle Entwicklung aller Probanden gemacht und zugleich Vergleiche zwischen aktiven Vereinsmitgliedern und vereinsdistanzierten Jugendlichen angestellt werden.

Die wichtigsten Befunde im Überblick:

Nach wie vor ist der Sportverein die unangefochtene Nummer eins unter den Jugendorganisationen. In Übereinstimmung mit der aktuellen Shell-Jugendstudie wird im Zehnjahresvergleich tendenziell sogar eine Steigerung des Organisationsgrades festgestellt, der die hohe Integrationskraft des Vereins widerspiegelt. Mehr als 60 Prozent der 12jährigen und ca. 40 Prozent der 18jährigen sind aktive Mitglieder im Sportverein (mehr Jungen als Mädchen, mehr Gymnasiasten als Hauptschüler). 18jährige aktive Vereinsmitglieder sind im Durchschnitt neun Jahre im Verein und verbringen dort etwa fünf Stunden pro Woche.

Bei den motorischen Tests verfügen Vereinsjugendliche hinsichtlich Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer und Koordinationsvermögen durchgängig über die besseren Ausgangswerte. Den Sportvereinen gelingt es, die motorisch begabten und sportlich interessierten Kinder und Jugendlichen zu rekrutieren und an sich zu binden. Im Entwicklungsverlauf kommt es allerdings - von Ausnahmen abgesehen, bei denen die Leistungsabstufungen gleich bleiben - zumeist zu einer Annäherung der Entwicklungslinien. Hinsichtlich der motorischen Leistungsfähigkeit lassen sich folglich Entwicklungsvorteile auf Seiten der Vereinsjugendlichen kaum erkennen. Der Vereinssport ist insofern eher als "Bewahrer" denn als Förderer der motorischen Potentiale seines Nachwuchses einzustufen.

Bei der Entwicklung des Selbstwertgefühls profitieren Heranwachsende von ihrem Engagement im Sportverein, allerdings geschlechtsspezifisch unterschiedlich. Mädchen entdecken den Sport als Quelle des Selbstwertgefühls im Entwicklungsverlauf eher als Jungen; letztere profitieren länger. Bei der Einschätzung der eigenen sportlichen Leistungsfähigkeit wie auch der Zufriedenheit mit der eigenen körperlichen Attraktivität gibt es geschlechtsunabhängig mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen zwischen jugendlichen Vereinsmitgliedern und Nicht-Mitgliedern. Wenn es um die emotionale Stabilität und ihre Entwicklung im Jugendalter geht, stellen Alter und vor allem das Geschlecht die wichtigsten Einflussvariablen dar. Ein systematischer Einfluss des Sportengagements im Verein kann nicht nachgewiesen werden.

In den sozialen Beziehungen zu Gleichaltrigen bestehen bei den Vereinsjugendlichen die Sportkontakte vornehmlich zum gleichen Geschlecht. Der Aufbau von Freundeskreisen ist teilweise vom Sportverein positiv beeinflusst, die Qualität dieser Beziehungen ist sehr unterschiedlich. Sie reicht von kaum existierenden Kontakten im Verein bis zu umfassender sozialer Unterstützung durch Sportfreunde. Im intergenerationellen Verhältnis sprechen zahlreiche Interviewaussagen dafür, dass die Vereinsjugendlichen auf den Sport bezogene Entscheidungen frühzeitig ohne ihre Eltern treffen und eine Ablösung vom Elternhaus in diesem Bereich stattfindet.

Wenn Belastungen im Jugendalter nicht bewältigt werden, spiegelt sich das häufig in psychosomatischen Beschwerden und im Problemverhalten der betroffenen Heranwachsenden wider:

Von Schlafstörungen und Kopfschmerzen sind Vereinsjugendliche im Entwicklungsverlauf weniger betroffen als ihre vereinsdistanzierten Altersgenossen. Die Prävalenzrate weiterer sieben erfasster psychosomatischer Beschwerdebilder lassen keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen erkennen.

In ihrem Alkoholkonsum sind jugendliche Vereinssportler keineswegs zurückhaltender als Nicht-Mitglieder. Bei Zigaretten sieht die Entwicklung anders aus: Die Konsumraten der Vereinsjugendlichen liegen deutlich niedriger. Offensichtlich befürchten die Vereinsmitglieder Einbußen ihrer sportlichen Leistungen durch Nikotin. In beiden Punkten gibt es große sportartspezifische Unterschiede. Beim Konsum von Bier und Zigaretten sind Vereinsfußballspieler Spitzenreiter.

Beim Konsum illegaler Drogen gibt es im Durchschnitt keine Unterschiede zwischen Vereinsmitgliedern und Nicht-Mitgliedern.

Bei der Entwicklung der leichten Delinquenz ist für jüngere Heranwachsende von einer protektiven Wirkung des Vereins auszugehen, die sich im Verlauf der Jugendphase verflüchtigt. Die Prävalenzraten bei schwerer Delinquenz sind insgesamt niedrig und schließen insofern überzeugende Interpretationen aus.

Insgesamt legen die Befunde der Studie nahe, allzu optimistische Annahmen von positiven Wirkungen der Sportvereine auf die jugendliche Entwicklung zu relativieren. Wenn sich Vereinsjugendliche in manchen Aspekten von ihren vereinsdifferenzierten Altersgenossen unterscheiden, dann dürfte dies vor allem der Tatsache geschuldet sein, dass vor allem solche Jugendliche vermehrt in den Sportverein gehen und sich an ihn binden, die sich von vornherein einer starken Physis und Psyche erfreuen.

Diese Befunde stellen nun keineswegs die Bedeutung und das Potential von Sportvereinen und seiner Jugendarbeit in Frage. Der Sportverein stellt ohne Zweifel ein Feld dar, in dem Jugendliche vielfältige Erfahrungen machen können, die für ihre Entwicklung bedeutsam sind - Selbstwirksamkeitserfahrung im sportlichen Bereich, Kompetenzerleben, emotionale Unterstützung und soziale Anerkennung.

Deshalb sollte die Jugendarbeit des Sportvereins weiterhin auf die beiden Säulen setzen: die Förderung des Sportengagements und die Unterstützung jugendlicher Entwicklung. Allerdings stellen sich Wirkungen sportlicher Aktivität nicht automatisch ein. Weder die Förderung psychosozialer Gesundheit noch die Entwicklung motorischer Leistungsfähigkeit geschieht nebenbei. Dazu bedarf es einer spezifischen Inszenierung des Sports sowie entsprechender Kompetenzen und Ressourcen auf Seiten derer, die ihn anbieten und vermitteln.

Manche der von außen aufgebürdeten oder selbst auferlegten Leistungsansprüche kann der Sportverein angesichts der sozialen und kulturellen Umbrüche in unserer Gesellschaft nicht gerecht werden. Wenn befürchtet wird, dass Sozialisationsinstanzen wie Schule und Elternhaus ihre Erziehungsaufgaben nicht mehr hinreichend wahrnehmen (können), kann auch der Sportverein nicht die Rolle eines Reparaturbetriebs für gesellschaftliche Defizite übernehmen.

Die Empfehlungen an den organisierten Sport lauten: Er kann sich seines pädagogischen und sozialen Potenzials durchaus sicher sein. Bei der Erschließung dieses Potenzials ist mehr Realitätssinn und mehr Bescheidenheit an den Tag zu legen. Anzuraten ist eine Hinwendung zur Qualitätssicherung und damit verbunden zu verstärkter Evaluation. Wenn es gelänge, eine neue Debatte um Profilbildung und Neuorientierung der Sportvereine zu eröffnen, hätte die Studie mit ihren Befunden eine wichtige Aufgabe erfüllt.

Prof. Dr. Wolf-Dietrich Brettschneider

Torsten Kleine
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