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Interdisziplinärer DIE-Workshop: Forschungsbedarfe zur Weiterbildung

07.03.2001 - (idw) Deutsches Institut für Erwachsenenbildung

Die vergleichbar junge Wissenschaftsdisziplin "Erwachsenenbildung" gibt es nun rund 30 Jahre an deutschen Universitäten. Damit war die Zeit reif, um umfassend Bilanz zu ziehen, Kräfte zu bündeln und Zukünftiges zu entwickeln. Insgesamt trafen sich im Januar 2001 dazu 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der gesamten Bundesrepublik in der Akademie Hofgeismar. Dabei wollten die auf Erwachsenenbildung spezialisierten Experten nicht unter sich bleiben, sondern hatten Kollegen aus anderen Wissenschaftsbereichen wie Ökonomie, Soziologie, Psycho-logie und Neurobiologie hinzugeladen. Finanziert wurde der zweitägige arbeitsintensive Workshop vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Der Gastgeber der Veranstaltung, Prof. Dr. Ekkehard Nuissl von Rein, Direktor des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) in Frankfurt/M., machte zu Beginn der Veranstaltung die zentralen Ziele deutlich: Forschungsdesiderate sollten gemeinsam benannt, Leitthemen für zukunftsträchtige Forschungen entwickelt und Mittel und Wege ausgelotet werden, inwieweit z.B. über Forschungsverbünde empirische Forschungsvorhaben angegangen werden können. Für die Bearbeitung dieser anspruchsvollen Aufgaben konnten die Teilnehmenden des Workshops auf ein "Forschungsmemorandum für die Erwachsenen- und Weiter-bildung" zurückgreifen. Erarbeitet wurde es im Auftrag der Sektion Erwachsenenbildung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft von den Hochschulprofessoren Rolf Arnold, Peter Faulstich, Wilhelm Mader, Ekkehard Nuissl von Rein und Erhard Schlutz. Dieses Forschungsmemorandum identifiziert und ordnet bereits Schwerpunkte und Fragestellungen für die Erwachsenenbildungsforschung als einen zunehmend bedeutsamen Bereich der Bildungsforschung und diente als Grundlage und Koordinatensystem für die Diskussion und Konkretisierung anstehender Forschungsnotwendigkeiten.
Der Gliederung des Forschungsmemorandums entsprechend konfigurierten sich für den Workshop in Hofgeismar Arbeitsgruppen zu den Forschungsfeldern:
- Lernen Erwachsener
- Wissensstrukturen und Kompetenzbedarfe
- Professionelles Handeln
- Institutionalisierung
Alle Arbeitsgruppen erhielten zusätzliche Inputs von Referenten, die vor allem aus der Sicht anderer, mit dem Feld der Erwachsenenbildung befasster Wissenschaftsdisziplinen wie der Ökonomie, Soziologie, Psy-chologie und Neurobiologie innovative Elemente in den lebhaften Forschungsdiskurs einbrachten. Gerade der breite gesellschaftliche Bereich der Erwachsenenbildung als Forschungsgegenstand erforderte nach Auffassung des Veranstalters diesen interdisziplinären Verständigungsprozess.
Verständlicherweise konnte nach der Gruppenarbeit im abschließenden Plenum kein Patentrezept oder ein bindendes Forschungsprogramm für die nächsten Jahre vorgestellt werden. Die Komplexität der behandelten Forschungsfelder lässt dies (noch) nicht zu. Es wurden jedoch dringliche Bereiche identifiziert.
Das Forschungsfeld "Lernen Erwachsener", also die Erforschung von Anlässen, Bedingungen, Strukturen, Prozessen, Wirkungen und Ergebnissen des Lernens in unterschiedlichen Zusammenhängen, kann zunächst als konstitutiv für Theorie und Praxis der Erwachsenenbildung betrachtet werden. Hier kristallisierte sich u.a. der Bereich "Lernende Selbstorganisation von Erwachsenen in virtuellen, sozialen und institutionellen Kontexten" als ein grundlagen- bzw. lerntheoretisch ausgerichtetes Leitthema für künftige Forschungsprogramme heraus. Gerade in einem interdisziplinären Fokus - so der Hintergrund - könne die Theorie der Selbstorganisation als erklärungsstarker Ansatz betrachtet werden. Als weiteres zentrales Thema wurde in dieser Arbeitsgruppe die "Dynamik gesellschaftlicher Strukturdifferenzierung und nachhaltige Lernstrategien" herausgestellt. Besonders die aus der soziologischen Forschung kommenden Teilnehmer bezogen sich in diesem Zusammenhang auf die milieutheoretische Diskussion und formulierten als Leithypothese, deren Untersuchung und Prüfung angeregt wurde: "Das milieuspezifische Selbstkonzept mit seinen strukturellen Details definiert vorrangig und entscheidend die Faktoren, die nachhaltiges, zukunftssicherndes Lernen bewirken."
Den Ergebnissen der zweiten Arbeitsgruppe zufolge besteht im Forschungsfeld "Wissensstrukturen und Kompetenzbedarfe", das im wesentlichen gesellschaftliche Bezugs- und Zielgrößen fokussiert, auf die sich Weiterbildung in ihren Funktionen und Leistungen bezieht, zunächst ein dringender Bedarf an einer grundlagentheoretischen Klärung des Wissensbegriffs - vor allem in Abgrenzung zum Kompetenzbegriff. Darüber hinaus wurde eine Reihe von zu bearbeitenden Problemfeldern identifiziert, von denen hier nur exemplarisch die folgenden genannt seien: Fragen der sozialen Konstruktion von Wissen und Wissenskommunikation, Fragen des Wissensmanagements, d.h. des Umgangs mit Wissen in verschiedenen Verwendungs- und Ver-wertungszusammenhängen, sowie Fragen des historischen Wandels von Wissensstrukturen und ihres Niederschlags in Themen und Programmen der Erwachsenenbildung.
Für das Forschungsfeld "Professionelles Handeln", d.h. den Bereich, der das Tun der in der Erwachsenenbil-dung/Weiterbildung Tätigen im Blick hat, bündelte die betreffende Arbeitsgruppe Forschungsdesiderate zu drei Schwerpunkten. Bezogen auf den ersten Schwerpunkt "Berufsfeld, Akteure und gesellschaftliche An-forderungen" geht es u.a. um die Frage, was denn den Kern professionellen Handelns in der Erwachsenen-bildung/Weiterbildung ausmacht. Unter dem Titel "Professionswissen", verstanden als Wissen und Können von Weiterbildnern in Verbindung mit dem professionellen Selbstverständnis, bedarf es nach Auffassung der AG-Teilnehmer/-innen beispielsweise der Erforschung des offenbar bestehenden Widerspruchs zwischen Wissen und Können und der Frage, wie denn dieses Wissen und Können in Handeln umgesetzt wird. In welchem Maße medienbasierte Lernumgebungen unter welchen Rahmenbedingungen für welche Ziele geeignet erscheinen, ist eine der wichtigen Fragen, denen unter dem Schwerpunktthema "Methodik zur Planung, Gestaltung und Evaluation von Bildungsangeboten" nachgegangen werden sollte.
Dringlicher Schwerpunkt der Forschung, die sich der organisatorischen und institutionellen Wirklichkeit der Erwachsenenbildung/Weiterbildung widmet, sollte nach Auffassung der Arbeitsgruppe "Institutionalisierung" der Prozess der Erstellung von Bildungsdienstleistungen sein. Dabei könnte Bezug genommen werden auf den interdisziplinär anschlussfähigen Dienstleistungsbegriff bzw. einen noch genauer zu klärenden Begriff der wissensbasierten Dienstleistung. Vor dem Hintergrund der Veränderungen der Weiterbildungspraxis einerseits und der schwachen Tradition erziehungswissenschaftlicher Organisationsforschung andererseits wurden empirische Forschungsanstrengungen gerade in diesem Forschungsfeld als sehr wichtig eingestuft.
Etliche Übereinstimmungen unter den Teilnehmenden zeigten sich bei den angestellten methodologischen und forschungsstrategischen Überlegungen, beispielsweise in bezug auf die Notwendigkeit von repräsentativen und Längsschnitt-Studien. Zudem wurden angesichts der Tatsache, dass Erwachsenenbildungsforschung aktuell ja nicht "bei Null" anfängt, übergreifend über die diskutierten Forschungsfelder und quer durch die Arbeitsgruppen Bestandsaufnahmen angemahnt, um sich des bereits erreichten Forschungsstandes der Disziplin zu vergewissern. Nicht zuletzt mit Blick auf die Stärkung interdisziplinärer Ansätze wurde schließlich die Relevanz des persönlichen bzw. institutionellen Austauschs in der Forschung bis hin zur Bildung und Nutzung von Netzwerken betont. Zu den erfreulichen Ergebnissen des Workshops gehörte insofern auch, dass sich en passant erste Forschungskooperationen z.B. zwischen der Arbeitsgemeinschaft Betriebliche Weiterbildungsforschung e.V., dem Deutschen Institut für Erwachsenenbildung und einzelnen Universitäten anbahnen ließen.
Inwieweit es auf Bundesebene mit der Förderung der Erwachsenenbildungswissenschaft weitergeht, werden weitere Aktionen zeigen, etwa die Anhörung des Bundestages zum Thema "Weiterbildung" oder die nationale Diskussion zum europäischen "Memorandum über Lebenslanges Lernen".

Weitere Informationen: Ingrid Ambos, Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, Hansaallee 150, 60320 Frankfurt/M., Fon 069/ 95626-154, Fax 069/ 95626-174, E-Mail: ambos@die-frankfurt.de.

Das "Forschungsmemorandum für die Erwachsenen- und Weiterbildung" kann dort ebenfalls angefordert werden.
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