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Scheidung: Wer sozial schwach ist, sieht sein Kind nicht - Studie der Uni Bremen

01.10.2002 - (idw) Universität Bremen

Im neuen Scheidungsfilm ?Väter? von Dani Levy kämpft Vater Marco darum, seinen Sohn auch nach Trennung und eigenem Fehlverhalten zu sehen ? im Kino letztlich mit Erfolg. Doch im realen Leben steht es um die Rechte der Scheidungsväter eher schlecht. Die Hälfte von Ihnen hat nach Trennung oder Scheidung wenig bis gar keinen Kontakt zu den Kindern. Gerade Männer mit niedrigem Bildungsniveau und geringem Einkommen verlieren die Beziehung zu den Kindern. Diese Ergebnisse gehen aus einer groß angelegten Studie der Bremer Universität über Väterlichkeitserfahrungen nach Trennung oder Scheidung hervor. Das Forschungsteam unter Leitung des Sozialwissenschaftlers Professor Gerhard Amendt vom Institut für Geschlechter- und Generationsforschung im Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften hat in einer groß angelegten Untersuchung mehr als 3800 Männer über Internet zu ihrer Situation nach der Trennungsphase befragt ? wissenschaftlich weitgehend Neuland, da bisher vor allem die Scheidungserfahrungen von Kindern und Müttern im Forschungsmittelpunkt standen. Scheidungsväter werden in Wissenschaft und Gesellschaft als Randfiguren wahrgenommen.

Die Bremer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind bei ihrer Untersuchung zu aufschlussreichen Ergebnissen gelangt. So wollten ursprünglich 85 Prozent der Männer bei der Sorgerechtsregelung das gemeinsame Sorgerecht für die Kinder. Nach der Trennungsphase haben allerdings nur noch 52 Prozent der Väter häufigen, 17,8 Prozent weniger häufigen bis selten Kontakt und 30,2 Prozent gar keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern. Selbst Väter, die ihre Kindern häufig sehen, fühlen sich zu etwa zwei Dritteln von wichtigen Entscheidungen im Leben ihrer Kinder ausgeschlossen. Zwei wesentliche Aspekte sind ausschlaggebend dafür, dass die Lebensgestaltung der Kinder weitgehend ohne ihre Väter stattfindet: Zum einen spielt die soziale Lebenslage der Männer nach der Trennung eine gewichtige Rolle. Zum anderen hängt vieles davon ab, ob die Getrennten fähig und willens sind, auch nach Trennung oder Scheidung noch miteinander im Gespräch zu bleiben.

Die Studie belegt deutlich: Männer in niedrigen Einkommens- und Bildungsverhältnissen laufen am ehesten Gefahr, den Kontakt zu ihren Kindern zu verlieren. Männer, die über ein relativ hohes Einkommen und eine höhere Bildung verfügen, berichten eher über häufige Kontakte zu ihren Kindern. Stark eingeschränkte soziale und finanzielle Möglichkeiten kombiniert mit der psychischen Ausnahmesituation der Trennung verschärfen dagegen die Lebenslage dieser Väter. Bei ihnen kann deshalb das gesamte Gefühlsleben so sehr unter den Einfluss der Trennungskrise geraten, dass ihre Handlungsfähigkeit zeitweise eingeschränkt wird. Sie sind dann auch nicht mehr in der Lage, Hilfsangebote zu nutzen, die auf Kommunikation beruhen. Dazu gehören Beratung, Psychotherapie oder auch Unterstützung von Freunden. Bezeichnend für diese Männer ist, dass sie sich in der Trennungssituation machtlos fühlen, und zwar sehr viel häufiger als andere Männer Die Trennungssituation weitet sich dann zu einer existenziellen Bedrohung aus ? ein Teufelskreis, der zu Isolation, Einsamkeit und mitunter Suchtverhalten führt.

Die Befragung hat gezeigt, dass es den Männern, die die Verantwortung für ihren Teil an der Trennung oder Scheidung mit übernehmen, viel leichter fällt, auch eine gestaltende Haltung während der Trennungsphase zu beziehen. Die Gefahr für Männer in der Trennungsphase in eine passive Position zu geraten, scheint allgemein jedoch groß zu sein. Denn über die Hälfte der Befragten gaben an, sich in den Konflikten mit der Frau eher machtlos zu fühlen. Und sie meinten deshalb auch, nichts tun zu können.

Ob Männer eher gestalterisch oder eher passiv die Trennung durchlaufen, zeigt sich auch daran, ob sie die Kinder über die bevorstehende Scheidung informieren oder ob sie diese unangenehme ?Nachricht? lieber der Mutter überlassen. Männer, die den Trennungswunsch aktiv mitgetragen haben, waren auch häufiger daran beteiligt, ihren Kindern die bevorstehende Scheidung mitzuteilen. Männer, die die Scheidung nicht wollten, haben sich nicht daran beteiligt, den Kindern den schweren Schritt mitzuteilen. Wo die Männer gemeinsam mit ihren Partnerinnen den Kindern sich gegenüber verantwortlich fühlen, leiten sie bereits eine gemeinsame Elterlichkeit trotz des Verlustes der Liebesbeziehung ein ? für die Kinder ein wichtiges positives Zeichen.

Wenn dies wirklich gelingt, dann können die Getrennten auch weiterhin als Elternpaar mit den Kindern selbst in schwerer Zeit miteinander reden. Und es zeigt sich, dass überdurchschnittlich viele Männer, die die gemeinsame Elterlichkeit aufrecht erhalten, auch über häufigen Kontakt zu ihren Kindern berichten und dass sie weiterhin wichtig und verantwortlich für die Erziehung ihres Kindes bleiben. Das wollen nach den empirischen Daten der Bremer Untersuchung die meisten Männer.

Weitere Informationen:

Universität Bremen

Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften
Institut für Geschlechter- und Generationenforschung
Prof. Dr. Gerhard Amendt
Tel. 0043-1-7130792
Email: IGG@uni-bremen.de
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