Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenSamstag, 22. November 2014 

Der Mangel an Elektro-Ingenieuren geht an die Substanz

13.03.2001 - (idw) Technische Universität Darmstadt

Die Diskrepanz zwischen den Zahlen der Studierenden und Absolventen in Elektrotechnik und Informationstechnik auf der einen und dem Bedarf an Nachwuchskräften auf der anderen Seite ist nach Ansicht des Fachbereichs Elektrotechnik und Informationstechnik der TU Darmstadt höchst alarmierend.

Der Mangel an Elektro-Ingenieuren geht an die Substanz
Green-Card Diskussion um Computerspezialisten greift zu kurz
Etwa 14.000 Ingenieure für Elektrotechnik und Informationstechnik (ETiT) werden pro Jahr im Hochtechnologieland Deutschland gesucht. Dem stehen aber nur 6.500 Absolventen von allen Universitäten und Fachhochschulen gegenüber, und das mit sinkender Tendenz. Dies führt kumuliert zu insgesamt 37.000 offenen Stellen in fünf Jahren. Die Anfängerzahlen in den Studiengängen der Elektrotechnik und Informationstechnik hatten 1995 die Talsohle erreicht, bleiben aber trotz leicht steigender Tendenz nachhaltig zu niedrig. Diese höchst alarmierende Situation veranlasst den Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik der TU Darmstadt zu der folgenden Stellungnahme.
Elektrotechnik und Informationstechnik als Schlüsseltechnologie
Elektrotechnik und Informationstechnik sind Schlüsseltechnologien für viele Branchen in Deutschland wie z. B. Maschinenbau, Luft- und Raumfahrt, Verkehrs- und Automobiltechnik, Computertechnologie, Automatisierung und Robotik, Medizintechnik, Umwelttechnologie und Kommunikationstechnik. Anwendungen der Kommunikationstechnik sind beispielsweise Mobilfunk, Glasfaserübertragungsnetze, Satellitenkommunikation bis hin zur GPS-Navigation. Im modernen Kraftfahrzeug steigt der Anteil an Elektrotechnik, Elektronik, mechatronischer Sensor- und Aktortechnik und Mikrocontrollern ständig (z. B. Antiblockiersystem ABS, steer-by-wire und Navigationssysteme).
Die moderne Produktlandschaft ist in einem ständigen Innovationsprozess begriffen.
"Wir machen bei Siemens unser Geschäft zu 75 Prozent mit Produkten, die jünger als fünf Jahre sind", sagt Dr. Gernot Dorn von Siemens, Frankfurt. Deshalb stellt Siemens pro Jahr ca. 4500 Ingenieurinnen und Ingenieure ein, davon allein 1700 in Forschung und Entwicklung für neue Produkte. In der Forschung sind dies zu 90 Prozent und in der Produktentwicklung zu 55 Prozent Universitätsabsolventen. Der Mangel an Ingenieurstudenten und -absolventen gefährdet den überlebenswichtigen Innovationsprozess.
Der Ingenieur als "Schöpfer" neuer Arbeitsplätze
"Ein Ingenieur schafft vier Arbeitsplätze in Fertigung, Zulieferindustrie und Vertrieb."
Diese einfache Formel resultiert aus der Tatsache, dass zuerst eine Produkt entwickelt werden muss, bevor ein Geschäft mit Umsatz entstehen kann. Die Produktentwicklung ist Sache von Ingenieuren, erst später finden andere Berufsgruppen vom Facharbeiter bis zur Bürokraft ihre Beschäftigung. Fehlende Ingenieure in der Forschung und Entwicklung bedeuten deshalb den Verlust an "Innovationsfähigkeit". "Der wirtschaftliche und soziale Abstieg für den Standort Deutschland wäre dann wohl vorprogrammiert", so Prof. Dr.-Ing. habil. Hans Brand von der Universität Erlangen-Nürnberg.

Computerspezialisten oder Ingenieure ?
Durch die zu kurz gegriffene Greencard-Debatte ist der Eindruck entstanden, dass wir nur Computerspezialisten benötigen, aber keine Ingenieure. Die Erfahrungen aus der Berufspraxis zeigen in eine andere Richtung: "Eine Vielzahl unserer Produkte gewinnt ihre Innovationskraft zwar durch ausgeklügelte Software", sagt Dipl.-Ing. Stefan Pollmeier, Geschäftsführer der Elektronische Steuer- und Regeltechnik (ESR) GmbH, Ober-Ramstadt. "Diese wird aber von Elektrotechnik- und Informationstechnik-Ingenieuren (ETiT) erstellt, nicht von Informatikern. Denn die Kenntnis der Anwendung ist notwendige Voraussetzung für die Funktion der Softwarekomponenten, und dieses Hintergrundwissen bringen die ETiT-Ingenieure mit".
Und Dr. Dorn ergänzt: "Bei der Siemens AG werden z. Zt. 7-mal mehr ETiT-Ingenieure eingestellt als Informatiker". Selbst in der IT-Branche sind im Geschäftsjahr 1999/2000 bei Siemens im Unternehmensbereich I&C (Information & Communication) über 600 Elektrotechnik-Ingenieure, aber nur 100 Informatiker eingestellt worden. Bei der Siemens AG insgesamt wurden 1350 Elektrotechnik-Ingenieure, 400 Maschinenbau-Ingenieure, aber nur knapp 200 Informatiker - etwa genauso viele wie Physiker - eingestellt.
Diese Tendenz spiegelt sich auch am Stellenmarkt: Es werden etwa viermal so viel Ingenieure (ETiT und Maschinenbau, etwa jeweils gleich viel) gesucht wie Informatiker. Trotzdem boomt im Augenblick - auch durch die Greencard-Diskussion angeheizt - die Studienanfängerzahl im Informatikstudium, während ETiT-Anfängerzahlen stagnieren.
Karrierechancen in ETiT
Dabei sind die Karrierechancen dank der "Schlüsselstellung" von ETiT außerordentlich gut. Die Breite der Anwendungsgebiete eröffnet die unterschiedlichsten Perspektiven für die berufliche Entfaltung. Durch ein Kombi-Studium wie es z. B. der Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen, Fachrichtung Elektrotechnik an der TU Darmstadt bietet, wird dieses Spektrum noch zusätzlich erweitert.
Die Aktionen: Von "Think-ing" bis "Rent-a-Prof"
Der eklatante Ingenieurmangel ist in Fachkreisen der Wirtschaft und Hochschulen mittlerweile hinlänglich bekannt, wird aber in der breiten Öffentlichkeit noch nicht genügend wahrgenommen. Die Wissensexplosion, die Lösung der Energie-, Transport- und Kommunikationsfragen in einer rasch veränderlichen Welt stellen enorme Herausforderungen dar, die nur mit profunder Ingenieurs"kunst" bewältigt werden können. Diese Aufgaben bieten hervorragende Chancen für die berufliche Zukunft junger Menschen. Es gilt dies den heutigen Schülerinnen und Schüler frühzeitig und umfassend zu vermitteln.
Die Fachverbände der deutschen Ingenieure VDI, VDE, VDA haben gemeinsam mit den Interessensverbänden der deutschen Elektrotechnik- und Maschinenbauindustrie ZVEI, VDMA und ME Gesamtmetall die Aktion "Think-Ing" ins Leben gerufen, die Schülerinnen und Schülern bundesweit über das Internet umfangreiche Informationen zum Thema "Ingenieur - ein Beruf mit Zukunft" zur Verfügung stellt und laufend aktualisiert (Internetadresse: http://www.think-ing.de).
"Die Technik ist weiblich - Be.ing" Mit diesem Slogan umwirbt das Bundesministerium für Bildung und Forschung gemeinsam mit der Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverbände Schülerinnen, sich für einen Ingenieurberuf zu interessieren und bieten umfangreiche Schnupperangebote an wie das "Schnupper-Studium", "Mädchen-Technik-Tage", "FiT-Frauen in der Technik" und vieles andere mehr, was unter http://www.be-ing.de und www.bmbf.de nachzulesen ist.
Das hessische Wissenschaftsministerium, das Kultusministerium und das Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung haben die Werbe-Aktion "Tekno-Now" gestartet, mit der sie für Ingenieur- und naturwissenschaftliche Berufe an den hessischen Schulen werben wollen. Auftakt war eine Pressekonferenz im Januar mit den Ministern Wagner, Wolff und Posch, dem Präsidenten der TU Darmstadt, Prof. Wörner, dem Präsidenten der FH Wiesbaden, Prof. Klockner, und namhaften Vertretern der Industrie. Weitere Veranstaltungen sind im Internet zu finden unter: http://www.Tekno-Now.de.
Die Technische Universität Darmstadt intensiviert gemeinsam mit dem VDE Rhein-Main und unterstützt vom Unternehmerverband Südhessen e.V. die Kontakte zu den Schulen im südhessischen Raum, um gemeinsam mit den Lehrern den Schülern möglichst frühzeitig Informationen zum Ingenieurstudium und Entscheidungshilfen bei der Wahl des weiteren Bildungswegs zu geben. Unter dem Titel "Rent-a-Prof" können Professoren des Fachbereichs "Elektrotechnik und Informationstechnik" der TU Darmstadt zu Vorträgen mit Experimentalunterstützung oder Info-Stunden an Schulen eingeladen werden, oder umgekehrt Lehrer und Schüler den Fachbereich besuchen, um vor Ort aktuelle Forschungsthemen oder Details zum ETiT-Studium kennenzulernen (Kontakte: www.tu-darmstadt.de/fb/et bzw. E-Mail: steck@hrzpub.tu-darmstadt.de und www.agvda.de).
Darmstadt, 13. März 2001
Verfasser:
Prof. Dr.-Ing. habil. Andreas Binder
Prof. Dr.-Ing. Helmut F. Schlaak
Technische Universität Darmstadt
Der Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik
Merckstr. 25
64283 Darmstadt
Tel.: 06151/16-4018
http://www.tu-darmstadt.de/fb/et

uniprotokolle > Nachrichten > Der Mangel an Elektro-Ingenieuren geht an die Substanz

ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/69594/">Der Mangel an Elektro-Ingenieuren geht an die Substanz </a>