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Fachstudiendauer an Universitäten wieder gestiegen

23.03.2001 - (idw) Wissenschaftsrat

Die mittlere Fachstudiendauer an Universitäten ist wieder angestiegen; bis Mitte der 90er Jahre war ein leichter Rückgang zu verzeichnen. Nur wenige Studiengänge wie Psychologie (Diplom), Soziologie (Magister), Wirtschaftsingenieurwesen (Diplom), Pharmazie und Geologie (Diplom) bilden mit anhaltend rückläufigen Studienzeiten eine positive Ausnahme. Dies stellt der Wissenschaftsrat in einer Analyse zur Entwicklung der Fachstudiendauer in allen universitären Studiengängen fest, in der er sämtliche Hochschulen und den bundesweiten Durchschnitt für die Jahre 1990 bis 1998 untersucht.

Gründe für lange Studiendauern und ein vergleichsweise hohes Abschlußalter können in sozialen Verhältnissen von Studierenden und in Entwicklungen des Arbeitsmarktes liegen. Ursachen für unterschiedliche Fachstudiendauern an den Universitäten sind jedoch vorwiegend in den jeweiligen Studien- und Prüfungsverhältnissen der Hochschulen zu suchen.

Mit der Berichterstattung über die Studiendauer sollen vor allem Studienbewerber darüber informiert werden, welche Hochschulen besonders erfolgreich sind, Studierende in einer vertretbaren Zeit zu einem ersten Abschluß zu führen. Für Studienbewerber und Studierende werden Dateien über Hochschulen, die je nach Fach ihre Studierenden in vergleichsweise kürzester Zeit zum Abschluß führen, auch über Internet zugänglich gemacht (www.wissenschaftsrat.de/liste_wr.htm).

Als aussagefähige Größe ist die mittlere Fachstudiendauer berechnet. Sie gibt an, nach wieviel Fachsemestern die ersten 50 % der Absolventen das Studium erfolgreich beendet haben. Die Unterschiede zwischen den Hochschulen sind zum Teil beträchtlich; Beispiele hierfür sind:

- Das Magisterstudium der Politikwissenschaften beträgt im Mittel an der Universität Passau 10,2, an der TU Darmstadt aber 17 Fachsemester;
- der Magister der Germanistik wird im Mittel an der Universität Bonn in 9,9 Fachsemestern, an der Universität-Gesamthochschule Duisburg erst in 17 Fachsemester erworben;
- Informatik (Diplom) wird im Mittel in vergleichsweise kurzer Zeit an der TU Chemniz und der Universität Bremen mit 10,4 Fachsemestern, am längsten an der Universität Frankfurt mit 16,1 Fachsemestern studiert;
- für das Diplom in Mathematik werden im Mittel an der Universität Bremen 9,8 Fachsemester, an der TU Berlin jedoch 15,8 Semester aufgewendet.

Aus einem Vergleich für das Jahr 1998 von realer und normativer Studiendauer, der die BAföG-Höchstförderdauer zugrunde gelegt wird, geht hervor, daß von 132 Diplomstudiengängen (Universitäten und Kunsthochschulen) und Magisterstudiengängen

- nur in 11 Studiengängen ein Absolventenanteil von über 50% innerhalb der BAföG-Höchstförderdauer erreicht wird,
- in 74 Studiengängen auch 2 Semester später noch nicht die Hälfte der Absolventen ihr Studium beendet hat,
- in 76 Studiengängen die mittlere Fachstudiendauer um mehr als 2 Semester über der BAföG-Höchstförderdauer liegt.

Die Regelstudienzeiten werden nur in den staatlichen Studiengängen Rechtswissenschaften und Pharmazie weitgehend eingehalten. Relativ kurz sind die mittleren Studienzeiten in den wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen; hier wirken sich die günstigen Arbeitsmarktchancen studienzeitverkürzend aus. In der Regel um zwei Semester wird die Regelstudienzeit in den naturwissenschaftlichen Studiengängen Physik, Chemie, Biologie sowie in den ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen im Studienbereich Bauingenieurwesen überschritten. Besonders lang mit 12 Fachsemestern und mehr sind die Fachstudiendauern in den Magisterstudiengängen der Sprach- und Kulturwissenschaften sowie im Diplomstudiengang Psychologie; offenbar wirken sich hier auch die ungünstigen Arbeitsmarktbedingungen studienzeitverlängernd aus. Überraschend sind auch die relativ langen Studiendauern in den meisten ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen und in der Informatik mit einer mittleren Studiendauer von bis zu 13 Fachsemestern.

Das Studium für das Lehramt an Grund-, Haupt- und Realschulen nimmt im Mittel zwei Fachsemester, für das Lehramt an Gymnasien drei und mehr Semester als die Regelstudienzeit in Anspruch. Die schulstufenbezogene Lehramtsausbildung wird im Vergleich mit der klassischen Gymnasiallehrerausbildung schneller absolviert.

Universitäten in den neuen Bundesländern finden sich überwiegend in der Gruppe der Hochschulen mit der kürzesten Studiendauer. Die Universitäten in Bayern können beim Vergleich der alten Bundesländer relativ kurze Studiendauern vorweisen. Besonders lange Studiendauern finden sich an den Berliner Universitäten und vereinzelt an bestimmten Standorten in Westdeutschland.

Vergleiche von Fachstudiendauern in Deutschland und im Ausland sind vor allem aus methodischen Gründen nicht unproblematisch; international vergleichende Statistiken beziehen sich daher in der Regel auf das Alter beim Abschluß des Hochschulstudiums. Nach Daten, die die OECD im letzten Jahr veröffentlicht hat, liegt in Deutschland das typische Alter bei einem Erstabschluß bei 25 bis 26 Jahren, während in den meisten Ländern mit modular aufgebauten Studiengängen (Bachelor, Master) der Erstabschluß im Alter von 21 bis 22 Jahren erreicht wird (u.a. Japan, Niederlande, England, USA). Der Zweitabschluß in einem weiterführenden mittellangen Studium (etwa Master) liegt in diesen Vergleichsländern bei 24 bis 25 Jahren. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß in Deutschland die Hochschulreife in der Regel ein Jahr später als im Ausland erworben wird und männliche Studierende in der Regel zwischen dem Erwerb der Hochschulreife und der Aufnahme des Studiums ein weiteres Jahr für den Wehr-/Zivildienst aufwenden. Hinzu kommt, daß in Deutschland rund 12 % der Studienanfänger an Universitäten zunächst eine Berufsausbildung absolvieren.

Das Thema Dauer des Studiums in Deutschland bleibt also auf der Tagesordnung. Mit der vorliegenden statistischen Auswertung zur Fachstudiendauer an Universitäten werden große Unterschiede in den einzelnen Fächern dokumentiert. Damit soll ein Beitrag zur Transparenz im Wettbewerb der Hochschulen um Studierende geleistet werden. Die Statistik liefert keine Hinweise auf Ursachen von kürzeren oder längeren Studiendauern an einzelnen Universitäten. Deshalb sind die Fakultäten aufgerufen, Ursachenanalysen selbst durchzuführen und Lösungen zur Verkürzung der Fachstudiendauer zu entwickeln.


Hinweis:

Der vollständige Text der Broschüre kann in der Geschäftsstelle des Wissenschaftsrates schriftlich oder per E-Mail (post@wissenschaftsrat.de) unter Angabe der postalischen Adresse angefordert werden. Er steht außerdem als pdf-Datei auf den Internet-Seiten des Wissenschaftsrates zum Herunterladen zur Verfügung (www.wissenschaftsrat.de).
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