Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenMontag, 22. Dezember 2014 

Landwirtschaftliche Informationsversorgung gefährdet

23.03.2001 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Größter deutscher Landwirtschaftsbibliothek droht Abwicklung

Die im Bereich der Agrarforschung tätigen Hochschulen und Institutionen in Deutschland einschließlich der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Bonn hatten hinsichtlich der Literatur- und Informationsversorgung bisher optimale Arbeitsbedingungen. Auf dem Campus in Bonn-Poppelsdorf befindet sich nämlich die Deutsche Zentralbibliothek für Landbauwissenschaften, die in Europa führende und weltweit zweitgrößte Spezialbibliothek für diese Fachgebiete. Die Finanzierung erfolgte bislang über die sogenannte "Blaue Liste" gemeinsam von Bund und Ländern. Doch die Zukunft der Bibliothek ist nun akut gefährdet.

Im Rahmen einer Evaluierung aller Blaue-Liste-Einrichtungen hat der Wissenschaftsrat im Jahr 1997 die Abwicklung der Bibliothek empfohlen. Glücklicherweise konnte aufgrund des Engagements des Nordrhein-Westfälischen Ministeriums für Schule, Wissenschaft und Forschung die vollständige Schließung der Bibliothek abgewendet werden. Die Themenbereiche Ernährung und Umwelt, die in der öffentlichen Diskussion und der Politik eminent an Bedeutung gewonnen haben, werden weiterhin in Bonn umfassend gepflegt. Dies wird jedoch nicht mehr im Rahmen einer selbständigen Einrichtung geschehen, sondern in der Verantwortung der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin (ZBMed) mit Sitz in Köln. Die ZBMed kann damit ihr Sammelgebiet Medizin um die wichtigen gesundheitsrelevanten Aspekte Ernährung und Umwelt ergänzen. Weniger gut sieht es dagegen mit der anderen Hälfte aus, nämlich den landwirtschaftlichen Kerngebieten. Die Finanzierung durch Bund und Länder läuft im Jahr 2003 aus; die 15 Personalstellen müssen innerhalb weniger Jahre abgebaut werden.


Die Leitende Direktorin der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn, Dr. Renate Vogt, und der Dekan der Landwirtschaftlichen Fakultät Bonn, Prof. Dr. Rudolf Galensa, geben zur drohenden Schließung des landwirtschaftlichen Teils der Bibliothek folgende Stellungnahme ab:

Durch diese Entwicklung wird das Fachgebiet Landwirtschaft zum Stiefkind in der überregionalen Literaturversorgung. Während alle anderen Wissenschaftsfächer durch Sondersammelgebiets- oder Zentrale Fachbibliotheken gut versorgt sind, gibt es in Deutschland keine andere Bibliothek, die landwirtschaftliche Publikationen in vergleichbarer Vollständigkeit sammelt. Diese Lücke wird sich kurz- bis mittelfristig katastrophal auf die Forschungsbedingungen in Deutschland und natürlich auch direkt für die Landwirtschaftliche Fakultät auswirken.

Problematisch ist grundsätzlich die Trennung von Ernährung und Umwelt einerseits und Landwirtschaft andererseits, da sich in der landwirtschaftlichen Forschung zunehmend eine ganzheitliche Sichtweise durchsetzt. Fragen der Lebensmittelqualität und Lebensmittelsicherheit lassen sich nur unter Berücksichtigung der gesamten Nahrungskette behandeln, wie aktuelle Beispiele überdeutlich zeigen. Auch die Umweltaspekte spielen in alle landwirtschaftlichen Themen hinein und lassen sich nicht isoliert betrachten. Daher ist es äußerst schwierig, die durch den Finanzrahmen vorgegebene Trennung zwischen den weiter zu sammelnden und den abzuwickelnden Teilen vorzunehmen. Von der Sache her spricht alles dafür, auch die landwirtschaftliche Literatur in Bonn weiterhin vollständig zu sammeln. Es wäre angesichts der hier bestehenden Voraussetzungen die billigste und unkomplizierteste Lösung. Die Bereitschaft, diese Aufgabe zu übernehmen, besteht prinzipiell sowohl bei der Leiterin der Universitäts- und Landesbibliothek, die für die lokale Literaturversorgung der Universität zuständig ist, als auch beim Leiter der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin, der die neue Abteilung Ernährung/Umwelt in Bonn aufbaut. Die Bereitstellung der nötigen Sachmittel ist dabei das geringere Problem, z.B. beteiligt sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft in erheblichem Umfang an den Erwerbungsausgaben der Sondersammmelgebiets-Bibliotheken. Diese Modell scheitert jedoch für die Landwirtschaft, da die zur Bearbeitung und Bereitstellung der Literatur erforderlichen Personalstellen nicht weiter finanziert werden.

Nun drohen die ersten Abbestellungen. Es werden Lücken entstehen, die sich nachträglich nicht mehr schließen lassen. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Eine Abwendung dieser für Studierende, Dozenten und die breite Öffentlichkeit fatalen Entwicklung erscheint nur möglich, wenn die Bund-Länder-Gemeinschaft ihre finanziellen Zuwendungen für Personal und Erwerbungsmittel aufstockt, um das Sammelspektrum der Abteilungsbibliothek für Umwelt und Ernährung zu arrondieren und damit nicht zuletzt auch Schaden vom internationalen Wissenschaftsstandort Bonn abzuwenden. Dies fordern wir nicht zuletzt aufgrund der jüngsten Agrarskandale und der Notwendigkeit einer Intensivierung der landwirtschaftlichen Forschung im Interesse der Wissenschaft, Ausbildung und des Verbraucherschutzes ein.

Ansprechpartner:

Dr. Renate Vogt

Leitende Direktorin der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn
Tel.: 0228/73-7350

Ulrich Korwitz
Leitender Direktor der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin in Köln
Tel.: 0221/478-7101

Prof. Dr. Georg Noga
Landwirtschaftlicher Fakultät der Universität Bonn
Tel.: 0228/73-5135
uniprotokolle > Nachrichten > Landwirtschaftliche Informationsversorgung gefährdet

ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/70287/">Landwirtschaftliche Informationsversorgung gefährdet </a>