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Erster und Zweiter Weltkrieg: Pflegerinnen in Lazaretten direkt hinter der Front

10.04.2001 - (idw) Universität Osnabrück


Frontschwestern und verwundete Soldaten im Frühjahr 1942 an der Ostfront. Pressemitteilung
Osnabrück, 10. April 2001 / Nr. 42/2001

Erster und Zweiter Weltkrieg: Pflegerinnen in Lazaretten direkt hinter der Front
Forschungsprojekt untersucht Beweggründe, Alltag und Lebensweise der "Frontschwestern"

Sie arbeiteten während des Ersten und des Zweiten Weltkriegs als Pflegerinnen in Lazaretten direkt hinter der Front. Dem kranken Bruder zu helfen, als Kameradin dem Mann an der Kriegsfront zur Seite zu stehen - das waren nur zwei von vielen Motiven, die diesen Frauen zugeschrieben wurden. Beweggründe, Alltag und Lebensweise dieser "Frontschwestern", auch Kriegs-, Armee- oder Wehrmachtsschwestern genannt, sind bislang kaum erforscht. Diese Lücke will nun PD Dr. Birgit Panke-Kochinke mit ihrem Projekt "Frontschwestern und Friedensengel" schließen, das im Sommer 2000 unter der Leitung von Prof. Dr. Carsten Klingemann im Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück angelaufen ist. Finanziert wird das zunächst auf zwei Jahre angelegte Forschungsvorhaben vom Projektverbund Friedens- und Konfliktforschung in Niedersachsen.

"Ein Schwerpunkt unserer Arbeit besteht darin, Interviews mit ehemaligen ,Frontschwestern' aus dem Zweiten Weltkrieg zu führen und am Beispiel dieser Frauen einen neuen Blick auf die Kriegswirklichkeit zu werfen", erklärt die habilitierte Historikerin und Soziologin. Gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Monika Schaidhammer-Placke, die Literatur- und Sprachwissenschaft sowie Geschichte studiert hat, befragte sie mittlerweile 14 Frauen, die heute um die 80 Jahre alt sind. "Es gibt noch viele ehemalige Schwestern, die bereit sind, mit uns zu sprechen. Das ist auch Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Für die Erfahrungen dieser Frauen hat sich bislang oft niemand interessiert."

Die beiden Wissenschaftlerinnen werten auch - insbesondere mit Blick auf den Ersten Weltkrieg, über den bereits keine Zeitzeugen mehr befragt werden können - zeitgenössische Sekundärliteratur, Tagebücher, Briefwechsel und autobiographische Fragmente aus privaten oder öffentlichen Archiven sowie Privatbesitz aus. "Selbst aus Romanen läßt sich, wenn man sie mit historisch verläßlichen Dokumenten in einen Zusammenhang setzt, viel über die mit dem Einsatz von ,Frontschwestern' verbundenen Ideologien herauslesen", betont Dr. Panke-Kochinke. Eine wichtige Quelle stellen darüber hinaus die monatlichen Berichte dar, die viele "Frontschwestern" an die Oberin ihres jeweiligen Mutterhauses geschickt haben.

In den Forschungen zum Ersten und Zweiten Weltkrieg ist die Rolle der "Frontschwestern" bislang noch wenig reflektiert, betonen die Wissenschaftlerinnen. Erkennbar sei aber, daß der "industrialisierte" Krieg nur auszuhalten war durch Frauen, die ein Stück Heimat an die Front brachten. "Dazu paßt auf den ersten Blick das Bild einer ausgeprägten Schwesternmentalität. Die Frauen wollten durch die Pflege den verwundeten Soldaten als ihren ,Brüdern' helfen und damit dem Vaterland dienen." In Briefen, Tagebüchern und Interviews wird aber auch etwas anderes sichtbar, betont Dr Panke-Kochinke: "Der Kriegseinsatz beruhte auf einer ganzen Palette individueller Motive: Abenteuerlust, berufliche Eigenständigkeit, gesellschaftlicher Aufstieg und Befreiung aus familiären Bindungen. Es wird eine Aufgabe des Projektes sein, diese Erfahrungen aufzuschlüsseln."

Ein weiteres vorläufiges Ergebnis: Im Zweiten Weltkrieg waren diese "Frontschwestern" stärker als zuvor einbezogen in die politische Propaganda. Für Frauen, die oftmals bewußt keiner Nazi-Organisation angehören wollten, war das eine eher zwiespältige Erfahrung, betonen die Forscherinnen. In beiden Weltkriegen - auch das hat die wissenschaftliche Recherche gezeigt - gerieten Schwestern in Gefangenschaft und wurden in Kriegsgefangenenlagern festgehalten, obwohl sie unter dem Schutz der internationalen Abkommen standen. Ihnen wurde unter anderem "Verwundetenverstümmelung" vorgeworfen. Monika Schaidhammer-Placke: "Nicht nur in diesem Zusammenhang sagen die Frauen im Interview heute: ,Das Schreckliche muß man ja nicht alles erzählen'."

Die Idee zu diesem Projekt im Bereich Frauen- und Geschlechterforschung entstand im Rahmen der von Dr. Panke-Kochinke durchgeführten Seminare zum Thema "Geschichte der Krankenpflege". Eine Kooperation besteht mit der Pflegewissenschaftlerin PD Dr. Jutta Dornheim sowie mit Ute Schöniger von der Katholischen Fachhochschule Norddeutschland. Geplant ist, die Forschungsergebnisse in einer Publikation sowie auch unbekannte Quellen und Bilddokumente zu veröffentlichen. Dr. Panke-Kochinke hofft, daß es eine Anschlußfinanzierung für das zunächst bis 2002 angelegte Projekt gibt. "Davon wird abhängen, in welchem Umfang wir das Archivmaterial auswerten können." Wichtig sei auch die Realisierung weiterer Interviews. "Bald wird es keine Zeitzeuginnen mehr geben, die zu diesem spannenden Thema etwas sagen können."

Kontaktadresse:

PD Dr. Birgit Panke-Kochinke
Universität Osnabrück
Fachbereich Sozialwissenschaften
Seminarstraße 33, 49069 Osnabrück
Tel. (0541) 969-4244, Fax (0541) 969-4600
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