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Erste moderne Edition des Jerusalemer Talmud erschienen

12.04.2001 - (idw) Freie Universität Berlin

Der Jerusalemer Talmud gilt neben der hebräischen Bibel, der Mishna und dem babylonischen Talmud als eines der zentralen Werke des Judentums. Die umfangreiche Textsammlung enthält Material zu allen religions-, zivil- und strafrechtlich relevanten Fragen des Judentums, wie sie in den palästinensischen Akademien im 3. und 4. Jahrhundert diskutiert wurden. Mit der Publikation der beiden letzten noch ausstehenden Bände der "Synopse zum Talmud Yerushalmi" hat der Leiter des Instituts für Judaistik an der Freien Universität, Prof. Dr. Peter Schäfer, nun das Projekt der ersten vollständigen wissenschaftlich fundierten Edition des Standardwerks abgeschlossen.

Die Edition der klassischen Werke der rabbinischen Traditionsliteratur ist über erste Anfänge im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht hinausgekommen. So wurde auch der Talmud Yerushalmi, das wichtigste Dokument des palästinischen Judentums, bisher in der Forschung vernachlässigt. Bis heute wird zumeist mit Druckauflagen gearbeitet, die alle auf den Erstdruck Venedig 1523 zurückgehen.

Da die Textüberlieferung des Talmud Yerushalmi an Zahl und Umfang äußerst eingeschränkt und uneinheitlich ist, war eine "traditionelle" Textedition nicht möglich. Diese geht von einem Grundtext aus, dem Textvarianten und abweichende Lesarten aus weiteren Textzeugen in einem kritischen Apparat zugeordnet werden. Stattdessen entschieden sich die Herausgeber, neben Prof. Schäfer auch dessen ehemaliger Schüler und jetziger Leiter des Instituts für Judaistik an der Universität Göttingen, Prof. Dr. Hans-Jürgen Becker, für eine synoptische Edition, bei der die verschiedenen Textzeugen nebeneinander abgedruckt werden. So können die Leser die unterschiedlichen Texttraditionen problemlos miteinander vergleichen und über die Qualität einzelner Lesarten jeweils selbst entscheiden.

Im Gegensatz zur traditionellen Edition, die von einem primären (d.h. subjektiv "richtigen") Grundtext ausgeht, dem abweichende Lesarten sekundär zugeordnet werden, bewertet eine synoptische Anordnung die Textzeugen nicht, sondern behandelt sie formal als gleichwertig, was die Möglichkeit eröffnet, charakteristische Überlieferungstraditionen zu belegen. Dies ist besonders hervorzuheben, da die Annahme von nur einer "authentischen" (d.h. historisch korrekten) Textüberlieferung ("Urtext") für große Teile der rabbinischen Traditionsliteratur nicht gerechtfertigt ist.

Insgesamt umfasst die "Synopse zum Talmud Yerushalmi" sieben Bände, die in den letzten zehn Jahren nach und nach veröffentlicht wurden. Parallel dazu wurde in einem zweiten Projekt das Thema "Der Talmud Yerushalmi und die griechisch-römische Kultur" erforscht. Darin wurde die Hauptquelle des spätantiken Judentums mit seinem historischen Kontext konfrontiert, d.h. das rabbinische Judentum wurde in die kulturellen Strömungen der römischen Kaiserzeit eingeordnet. Die auch auf zwei internationalen Tagungen in Berlin und Princeton vorgestellten Ergebnisse sind in zwei umfangreichen Aufsatzbänden dokumentiert. Finanziert wurden die Forschungsprojekte mit Geldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie des Leibniz-Preises, der Prof. Schäfer 1994 verliehen wurde.

Der Dozent, einer der renommiertesten Judaisten in Deutschland, ist seit 1983 Leiter des Instituts für Judaistik an der Freien Universität Berlin. Nach Gastprofessuren an der Hebräischen Universität Jerusalem, am Oxford Centre for Postgraduate Hebrew Studies, an der Universität Yale und am Jewish Theological Seminary of America ist er seit 1998 auch Ronald O. Perelman Professor of Jewish Studies an der Princeton University.

Thorsten Lichtblau

Literatur:
Peter Schäfer / Hans-Jürgen Becker (Hgg.): Synopse zum Talmud Yerushalmi, 7 Bände im Folioformat, Tübingen: Mohr, 1991-2001.

Nähere Informationen gibt Ihnen gern:
Univ.-Prof. Dr. Peter Schäfer, Institut für Judaistik der Freien Universität Berlin, Schwendenerstr. 27, 14195 Berlin, Tel.: 030 / 838-52002, Fax: 030 / 838-52146, E-Mail: pschafer@zedat.fu-berlin.de
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