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Maler initierten den Aufbruch zur Bildhauerkunst der Moderne

19.04.2001 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die Kunstgeschichte möchte Dr. Stefan Grohé an einer kleinen, aber entscheidenden Stelle ein wenig umschreiben. Nämlich dort, wo es zu Beginn des letzten Jahrhunderts um die Entstehung der Avantgarde in der Bildhauerei geht. "Die Skulptur der Moderne kommt nicht aus dem Nichts", meint er, "die Aufbruchbewegung in ein neues Zeitalter prägten maßgeblich Maler, die zeitweilig die Gattung wechselten und damit der Entwicklung der modernen Bildhauerkunst ganz entscheidende Impulse gaben."


Max Klingers Abbe-Büste für das Jenaer Denkmal von 1911. Foto: Uni Jena So lösten sich spätestens mit Picassos Relief ,La Guitare' die Gattungsgrenzen sichtlich auf, und "wir müssen, statt zwischen Skulptur und Malerei zu unterscheiden, eher zu einer ästhetischen Differenzierung zwischen ,haptisch' und ,optisch' finden." In seiner Studie, mit der der 36-jährige Kunsthistoriker Grohé sich jetzt an der Universität Jena habilitierte, unternimmt er in subtilen, nachvollziehbaren Schritten einen bemerkenswerten Erklärungsansatz für die Entstehung der umstürzlerischen Avantgarde, die mit Künstlern wie Tatlin, Picasso und später Duchamp ein neues, spektakuläres Zeitalter in der bildenden Kunst einläutete.

Im Rückgriff auf die kunsttheoretische "Paragone"-Debatte in der Renaissance, ob die Skulptur oder die Malerei die "wirklichkeitsgetreuere" Darstellungsform sei, analysiert Grohé die bildhauerischen Werke der Maler Klinger, Degas, Gauguin, Matisse und Picasso und kommt zu der Einsicht, dass diese als Autodidakten den Wandel in der Bildhauerei maßgeblich beförderten - eben weil sie in dieser Gattung nicht klassisch-akademisch vorgebildet waren. Dabei untersuchte er zunächst das Phänomen, dass sich um 1900 überhaupt so viele innovationsfreudige Maler der Skulptur zuwandten, "obwohl diese als unintellektuelles Handwerk und bodenlos konservativ galt".

Die Starre brach schon Edgar Degas auf, als er 1881 auf der VI. Impressionistenausstellung seine "Kleine Tänzerin von 14 Jahren" zeigte: eine Wachsfigurine, die wie eine Barbiepuppe mit Haarteil und Ballettkleid ausgestattet ist - und damit einen krassen Verstoß gegen alle zeitgenössischen bildhauerischen Konventionen darstellt, galten doch bis dato nur klassische Materialien wie Bronze oder Marmor als zulässig. Über 70 weitere solcher Wachsskulpturen fanden sich später in Degas' Nachlass. Grohé identifiziert sie als eine Art "Bewegungslabor", mit dessen Hilfe der Künstler die Gewichtsrelationen von Körpern - Menschen und Pferden - studierte.

Auch Paul Gauguin, der im Rückgriff auf Vorbilder aus der Volkskunst vor allem der Südsee und der Karibik zahlreiche Holzskulpturen schuf und mit Knochenstücken, Perlen und Muscheln kombinierte, führte neue, ungewöhnliche Materialien in die abendländische Kunst ein. Seine Statuetten - Rekonstruktionen aus einer exotischen, urwüchsigen Mythenwelt - stellen schon aufgrund ihrer Materialität eine enge Verbindung von Kunst und Natur her, bleiben aber stark einer zweidimensionalen Betrachtung verhaftet.

Henri Matisse arbeitet als Bildhauer sogar beinahe unskulptural und zielt auf eindeutige Ansichten hin. Stefan Grohé stellt fest: "Seine Bronzeabgüsse fordern nicht zum haptischen Be-greifen heraus und lösen sich nicht wirklich aus ihrer Zweidimensionalität." Dennoch möblierte der Franzose später einige seiner Bilder, die er immer stärker flächig gestaltete, mit Selbstzitaten eigener Skulpturen, um Räumlichkeit anzuzeigen.

Während Max Klinger, ausgehend von der Idee des Gesamtkunstwerks, zur Bildhauerei findet, sich an antike Vorbilder anlehnt und klassische Materialien - wie etwa für sein Abbe-Denkmal 1911 in Jena - verwendet, schwingt sich Pablo Picasso zum proteischen, nicht fassbar-wandelbaren Künstler schlechthin auf. "Er sprengt alle Gattungskonventionen, benutzt immer wieder andere, auch minderwertige Materialien und begreift die Skulptur am ehesten als eigenständige, zusätzliche Ausdrucksmöglichkeit", urteilt der Kunsthistoriker Grohé. Dabei löst die Skulptur auf natürliche Weise das Problem der Repräsentation dreier Dimensionen in der Fläche, mit dem sich Picasso als kubistischer Maler auseinandergesetzt hat. Aber das Genie schafft mehr: Es verwischt mit Assemblagen wie "La Guitare" die althergebrachten Gattungsgrenzen und stößt das Tor in die Moderne weit auf.

"Allerdings kann man diesen Avantgardisten bei ihren bewussten Normverstößen nicht Geschichtsvergessenheit vorwerfen", meint Grohé, der seit letztem Wintersemester einen Lehrstuhlinhaber an der Uni Augsburg vertritt. "Vielmehr kennen sie die - malerischen - Traditionen sehr genau, ohne sich aber, quasi als Quereinsteiger, den bildhauerischen Konventionen zu unterwerfen."

Maler-Bildhauer wie Klinger, Matisse, Gauguin, Degas und Picasso stehen mit ihren Bildern und Skulpturen, die zwischen Flächigkeit und Dreidimensionalität changieren, beispielhaft für einen Umbruch in der Formensprache über Gattungen hinweg. "Der Begriffsgegensatz ,Bild - Skulptur' verliert an Bedeutung", fasst der Kunsthistoriker zusammen, "wir können spätestens hier nur noch zwischen ,Optizität', also Anschaulichkeit, und den Tastsinn stimulierender ,Haptizität' unterscheiden."

Ansprechpartner:
PD Dr. Stefan Grohé
E-Mail: sgrohe@web.de
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