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Studien zur Sprachgeschichte

27.04.2001 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Rheinländer und Westfalen scheint auf den ersten Blick nicht viel mehr zu einen als die Tatsache, dass sie in einem gemeinsamen Bundesland leben. Unterschiedliche politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen haben sich auch in der Sprache niedergeschlagen. Dennoch haben münstersche Sprachwissenschaftler erstmals eine gemeinsame Sprachgeschichte für jenen Raum vorgelegt, der heute Nordrhein-Westfalen heißt. Beteiligt an dem durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützten Projekt waren Philologen aus ganz NRW, die Federführung lag bei Prof. Jürgen Macha, Dr. Elmar Neuß und Dr. Robert Peters von der Universität Münster. Wissenschaftler haben jetzt die erste deutsche Sprachgeschichte, die auf einen durchaus inhomogenen Raum bezogen ist, in Händen, Heimatforscher und interessierte Laien können sich nun erstmals über den kompletten sprachhistorischen Zusammenhang - beginnend mit der Frühgeschichte - informieren.

"Wir haben sodann versucht, die Entwicklungen des Kölnrheinischen, des so genannten Ripuarischen, des niederfränkischen Rheinlands und des Westfälischen vom 12. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts aufzuzeigen", erläutert Prof. Macha. Im Zeitraum danach habe man das Nordrheinische, das Westfälische und das Ruhrdeutsche behandelt. In den beiden großen Landesteilen gab es nie eine gemeinsame Sprache, denn die Westfalen entstammen sächsischen Stämmen, die Rheinländer fränkischen. Eher durch die Abgrenzung von anderen Sprachräumen zwischen Mittelgebirge und Main lassen sich die Gemeinsamkeiten der ehemals "niederländischen" Dialekte beschreiben. Deshalb sei es erstaunlich, dass sich beide noch immer verstünden, so Dr. Neuß: "Das Ripuarische hätte sich eher in Richtung des Niederländischen entwickeln können." Doch durch die Entwicklung einer gemeinsamen deutschen Hochsprache ab dem 16. Jahrhundert wurden auch die unterschiedlichen Dialekte beeinflusst. Briefe, in denen sich die mundartlichen Absender um Hochdeutsch bemühen, sind ein Indiz dafür, wie schnell das Rheinländische beziehungsweise das Westfälische vom Hochdeutschen in der Schrift verdrängt wurde.

Der Bogen, der in dem von den beiden Landschaftsverbänden geförderten Sammelband geschlagen wird, beweist einmal mehr, dass Sprache weder im Raum noch in der Zeit als unwandelbar betrachtet werden kann. So entwickelte sich im Zuge der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Ruhrdeutschen ein ganz neuer Dialekt. Der aber speist sich, anders als früher angenommen, nicht vorwiegend aus dem Polnischen, sondern zeigt deutliche masurische und kaschubische Einschläge. Auch mit dem Vorurteil, das Ripuarische verdanke seinen französischen Sprachanteil der Napoleonischen Besatzung, konnten die Wissenschaftler nun erstmals aufräumen. Schon früher habe es eine nicht zu unterschätzende Neigung zur französischen Kultur gerade in Köln gegeben, die sich noch heute widerspiegelt.

"Inzwischen ist der Trend zur Standardsprache unübersehbar, aber es gibt eine neu gewonnene Loyalität zur Landschaftssprache", hat Prof. Macha beobachtet. "Das Vokabular wird nicht mehr verstanden, aber bestimmte Merkmale ziehen sich durch". Vor allem in Köln sei dies deutlich auszumachen, während beispielsweise in Münster kaum mehr Dialekt gesprochen werde. Was auch daran liegen mag, dass hier der prozentuale Anteil der Studierenden, die ihre Heimatdialekte mitbringen, deutlich höher ist als in der rheinischen Metropole.

Literaturhinweis: "Rheinisch-Westfälische Sprachgeschichte",
Jürgen Macha, Elmar Neuß, Robert Peters (Hrsg.), Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2000, 88 Mark
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