Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 31. Juli 2014 

Tatort Bochum: Kriminalität in einer deutschen Stadt

15.05.2001 - (idw) VolkswagenStiftung

VolkswagenStiftung unterstützte die "Ermittlungen"

BOCHUM I, BOCHUM II und BOCHUM III - hinter diesen Formeln verbergen sich nicht drei stillgelegte Zechen im Ruhrgebiet, auch nicht die ersten drei Fußballmannschaften des gleichnamigen VfL, sondern drei wissenschaftliche Untersuchungen zur Kriminalität in Bochum in den Jahren 1975, 1986 und 1998. Wie verlief die Entwicklung von Raub, Körperverletzung, einfachem und schwerem Diebstahl? Wie sicher fühlten und fühlen sich die Bochumer, junge und alte, Frauen und Männer, Deutsche und Nicht-Deutsche, in ihrer Stadt? Fürchten sie, selbst Opfer eines Verbrechens zu werden, treffen sie Schutzmaßnahmen? Wie beurteilen sie ihre Polizei? Wie verteilen sich die Straftaten innerhalb des Stadtgebietes? Zu diesen und anderen Fragen haben Kriminologen um Professor Dr. Hans-Dieter Schwind vom Lehrstuhl für Kriminologie, Strafvollzug und Kriminalpolitik der Juristischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum umfangreiche und intensive Ermittlungen durchgeführt. Die Ergebnisse wurden jetzt veröffentlicht (siehe unten).

Da die Untersuchung BOCHUM III - von der VolkswagenStiftung mit 175.500 Mark gefördert - von demselben Leitungsteam mit weithin der gleichen Methodik durchgeführt wurde wie die beiden vorhergehenden, ist nun eine Langzeitbetrachtung über ein Vierteljahrhundert hinweg möglich: eine Betrachtung, die durchaus auch für andere deutsche Großstädte zutreffen könnte.

Zum einen ergaben die Untersuchungen, dass die Kriminalität - wenn auch die Steigerungsrate des vergangenen Jahrzehnts sich abgeflacht hat - seit 1975 massiv zunahm. Trotzdem sind die Unsicherheitsgefühle der Bochumer in etwa gleich geblieben: Fühlten sich im Jahr 1986 48,7 Prozent der Befragten nachts außerhalb ihrer Wohnung in der eigenen Wohngegend "sehr unsicher" oder "ziemlich unsicher", so waren es 1998 48,3 Prozent. Allerdings sind die Gefühle der Unsicherheit weit stärker ausgeprägt, als die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik erwarten lassen. Das dürfte nicht zuletzt damit zu tun haben, dass der Anteil der Gewalttaten an der Gesamtkriminalität erheblich überschätzt wird: So vermuteten die Befragten den Anteil der Tötungsdelikte an der Gesamtkriminalität bei zehn Prozent, wohingegen er gemäß Kriminalstatistik nur bei 0,04 Prozent liegt.

Die Bochumer Arbeitsgruppe, in der die Fächer Kriminologie, Rechtswissenschaft, Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Mathematik und Statistik vertreten waren, arbeitete eng mit Praktikern zusammen - unter anderem aus dem Bundeskriminalamt. Ein methodisches Glanzlicht des umfangreichen Forschungsprojekts ist die Einbeziehung des so genannten Dunkelfeldes, denn: "Verbindliche Aussagen zur Kriminalitätsentwicklung", meint der Präsident des Bundeskriminalamts Dr. Ulrich Kersten, "sind auf der Basis der Polizeilichen Kriminalstatistik allein nicht möglich. Erst die Dunkelfeldforschung hat neue Wege und Erkenntnisse über die Kriminalitätswirklichkeit erbracht." Professor Schwind ist einer der Pioniere dieser Forschungsrichtung; gemeinsam mit seinem Team beließ er es nicht bei der Auswertung des statistischen Zahlenmaterials, sondern führte von Januar bis März 1999 mittels einer repräsentativen Stichprobe Erhebungen durch, bei denen auf der Grundlage der Einwohnerdatei der Stadt Bochum 1.399 Personen direkt, weitere 262 telefonisch befragt wurden.

Und so berücksichtigt die Studie neben allgemeinen Einschätzungen, den Gefühlen und dem Verhalten der Bürger auch deren eigene Erfahrung: Hat beispielsweise jemand, der schon einmal Opfer einer Straftat war, mehr - vielleicht aber auch weniger - Furcht vor Kriminalität? 26,5 Prozent der Befragten gaben an, in den vergangenen fünf Jahren einer Straftat zum Opfer gefallen zu sein. Diese Gruppe glaubt zwar eher als Nichtbetroffene, erneut Opfer zu werden - fühlt sich aber insgesamt nicht unsicherer in ihrem täglichen Leben. Dies hängt allerdings davon ab, inwieweit die Gewalttat innerlich bereits bewältigt wurde. Nur jene Personen, bei denen eine Aufarbeitung der Gewalttat sichtlich nicht erfolgte, zeigen ein stärkeres Unsicherheitsgefühl als Nicht-Opfer. Daraus lässt sich die kriminalpolitische Forderung ableiten, den Opfern von schweren Straftaten noch stärker als bisher Unterstützung bei der Bewältigung anzubieten - etwa durch Selbsthilfegruppen oder Opferhilfeeinrichtungen.

Für manchen erstaunlich dürften die Ergebnisse hinsichtlich des Ansehens der Polizei sein, das eindeutig gestiegen ist. Fast 60 Prozent der Befragten bescheinigten ihr einen "guten" oder "eher guten" Ruf in der Bevölkerung;
13 Jahre zuvor - bei der Untersuchung BOCHUM II von 1986 - waren nur 45 Prozent dieser Meinung. Auch in der persönlichen Bewertung der Befragten kommen die Ordnungshüter gut weg: 39,3 Prozent gaben der Polizei die Note "sehr gut" oder "gut", lediglich 2,7 Prozent bewerteten sie mit "mangelhaft" oder "ungenügend".

Bei der geografischen Verteilung der Kriminalität innerhalb Bochums zeigen sich, wie wohl bei jeder deutschen Großstadt, deutliche Unterschiede. "Spitzenreiter" waren auch 1998 die Bezirke City/Hauptbahnhof und der Bezirk Querenburg/Universität. Einer qualitätsvollen Forschung an der Ruhr-Universität tut dies aber, wie die Studie belegt, offensichtlich keinen Abbruch.

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts werden am Samstag, den 19. Mai 2001 um 14 Uhr während der Veranstaltung "Denk 2001" in der Ruhrland Halle Bochum (Ebene 03, Stand 43) in Anwesenheit des BKA-Abteilungsleiters Professor Dr. Jürgen Stock der Öffentlichkeit vorgestellt. Zugleich wird der neue Band zur Kriminalitätsforschung dem Bochumer Polizeipräsidenten Thomas Wenner übergeben. Interessierte Journalistinnen und Journalisten sind herzlich willkommen!

Kontakt VolkswagenStiftung: Christian Jung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Tel.: 0511/8381-380, e-mail: jung@volkswagenstiftung.de

Kontakt Universität Bochum: Prof. Dr. Hans-Dieter Schwind, Lehrstuhl für Kriminologie, Strafvollzug und Kriminalpolitik, Juristische Fakultät, Tel.: 0234/32-28345, Fax: 0234/32-14328

Kontakt Förderprojekt: VolkswagenStiftung, Dr. Hagen Hof, Tel.: 0511/8381-256, e-mail: hof@volkswagenstiftung.de

Publikation: Polizei und Forschung Bd. 3 von Hans-Dieter Schwind, Detlef Fetchenhauer, Wilfried Ahlborn, Rüdiger Weiß: "Kriminalitätsphänomene im Langzeitvergleich am Beispiel einer deutschen Großstadt, Bochum 1975 - 1986 - 1998", Luchterhand Neuwied 2001

uniprotokolle > Nachrichten > Tatort Bochum: Kriminalität in einer deutschen Stadt

ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/72577/">Tatort Bochum: Kriminalität in einer deutschen Stadt </a>