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Kultur - Armut - Ausgrenzung

29.05.2001 - (idw) Fachhochschule Erfurt

Prof. Dr. Ronald Lutz vom Fachbereich Sozialwesen der FH Erfurt, in seiner Professur u.a. für Menschen in besonderen Lebenslagen zuständig, lädt Interessenten zu einer wissenschaftlichen Tagung über "Kulturelle Konstruktionen von Armut und Ausgrenzung" am 27. und 28. Juni 2001 in Erfurt ein. Tagungsort ist das Augustinerkloster, Augustinerstr. 10.
Anmeldungen an:
Prof. Dr. Ronald Lutz, FH Erfurt/ FB Sozialwesen, Besondere Lebenslagen
Altonaer Str. 25, 99085 Erfurt, Fax: 0361 6700 510, Email: lutz@soz.fh-erfurt.de

Programm:
27.6.01
15.30 Begrüßung und Eröffnung
16.00 Armut. Eine kulturhistorische Positionsbestimmung (Georg Habermehl, Erfurt/ Bamberg)
17.15 Von der Kultur der Armut zu einer Ethnologie der Ausgrenzung (Michi Knecht, Berlin)
18.30 Armut und Reichtum werden kulturell definiert (Dieter Kramer, Frankfurt a. Main)
28.6.01
9.00 Die soziale Frage und das Problem des Pauperismus bei Wilhelm Heinrich Riehl und Rudolf Virchow (Gerhard Handschuh, Bamberg)
10.00 Die Vagantin Johanne Schmidt und die Lustdirne Rosalie Ritschel aus Jena - zwei arme Frauen (Gudrun Braune, Erfurt)
11.15 Kulturelle Konstruktionen des "Asozialen" (Matthias Zeng, Köln)
12.15 Geschlechtliche Konstruktionen von Armut (Veronika Hammer, Erfurt)
Mittagspause
14:15 Lieber reich und gesund als arm und krank (Gudrun Silberzahn-Jandt, Esslingen)
15:15 Grundversorgung mit einer warmen Mahlzeit am Tag. Der Freiburger "Essenstreff" und die Mahlzeitennothilfe heute. (Jörg Giray, Freiburg)
16.15 Schlussdiskussion:"Kulturelle Konstruktionen von Armut und Ausgrenzung"

In den letzten Jahren gibt es eine empirisch nachweisbare Zunahme von Armut und sozialer Ausgrenzung in Deutschland. Das zeigt sich auch daran, daß Armut mittlerweile ein "heiß" umkämpftes wissenschaftliches Arbeitsfeld ist. Die derzeitige Armutsforschung ist bisher aber vor allem sozialpolitisch, ökonomisch und soziologisch ausgerichtet und besteht mehrheitlich aus quantitativen Darstellungen und Zeitreihenanalysen. Qualitative Studien zu Lebenslagen und Handlungsmustern sind eher selten.
Die Debatte ist theoretisch von einer Dichotomie ressourcen- und lebenslageorientierter Ansätze sowie von Thesen einer Verzeitlichung und Heterogenisierung geprägt. Es fehlen aber, trotz einiger Ansätze, weitgehend Innensichten, Blicke auf die betroffenen Subjekte, und Analysen sozialer und kultureller Zusammenhänge, in denen Armut als Bild und als Realität wächst. In diesem Kontext könnten insbesondere qualitative, nach Mustern und Erfahrungen, nach Biographien und Sinndeutungen fragende ethnologische Zugänge große Bedeutung gewinnen, die einen eigenständigen Akzent herausarbeiten.
In der Tat gibt es mittlerweile einige beachtliche Arbeiten aus dem volkskundlich-ethnologischen Kontext. Das Fach hatte zudem schon immer einen besonderen Blick auf das "Leben der Armen" und verfügt damit über einen reichen Fundus in der Forschung. Hier gilt es anzuknüpfen und das derzeitige empirische und theoretische Wissen zu bündeln, um die Forschungsaktivitäten neu auszurichten und anzuregen.
Der besondere Stellenwert ethnologischer Armutsforschung lässt sich kurz aus einer der neuesten Arbeiten aus ethnologischer Feder zitieren: "Die Ethnologie stellt die Frage, was Armut außer materiellem Mangel und einem fehlenden oder mangelhaften Zugang zu notwendigen Ressourcen sonst noch ausmacht und setzt sie in Bezug zu lebensweltlichen Erfahrungen und zum Alltag." (Michi Knecht (Hg.): Die andere Seite der Stadt, Weimar 1999, S. 15)
Der ethnologische Blick kann vor diesem angedeuteten Hintergrund zu einer exakteren und vor allem dynamischeren Fassung des bisher noch eher verschwommenen Lebenslagenbegriffs beitragen. Dabei wird auch der Anteil der Kultur an dem, was Armut ist, in den Mittelpunkt gerückt. Armut ist als eine relative und von Gesellschaft zu Gesellschaft sich sehr unterschiedlich darstellende Form sozialer Ausgrenzung ein kulturelles Produkt, das es deshalb auch kulturwissenschaftlich zu begreifen gilt. Armut und Ausgrenzung ethnologisch zu denken heißt nämlich sie als gesellschaftliches Verhältnis zu hinterfragen, das durch Interaktionen im Alltag erzeugt, tradiert, verändert oder verfestigt wird. Dabei kann Armut aber nicht verkürzt als eine eigene "Kultur der Armut" begriffen werden, es geht vielmehr um das Verhältnis zwischen Kultur und Armut, aus dem erst Ausgrenzung wächst.

Prof. Dr. R. Lutz

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